Der befreite Prometheus

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Der befreite Prometheus (1891)

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Vom Kaukasus herniederschritt Prometheus:
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er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
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Der Riese durfte wieder sich
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vom Felsen, dran er büßend hing:
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er durfte nun
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daß er der eignen Seligkeit vergessen
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und für sie stahl das Feuer vom Olymp.

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Nicht dauerte den Götterkönig
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des Himmelssohnes, des abtrünnigen.
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Warum auch
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den Menschen Göttergut hinabzutragen?
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Er hatte seinen
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den Dulderlohn,
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nach der Olympier unerbittlichem Gesetz! –
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Verraucht nur endlich war der
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und Laune war's und Gnade, daß sein Blitz
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vom Leib des Märtyrers die Fesseln
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die donnerkeilgeschmiedeten ...

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O lange Qual! oh Leib – zerfleischt, entstellt!
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Noch deckten Schwären die zerschundnen Knöchel;
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kaum konnten die verkrümmten Finger
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die roten Male all, die frisch noch glänzten, –
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auf all den Wunden, die ihm Tag um Tag
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der Geier gierige Schnabelschläge rissen.
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O Tage voller Wut und Ohnmacht!
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oh Tag der Bitternis, da ihm die Kraft,
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die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
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zum Ersten Male
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versagte vor der Uebermacht des Neides,
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des weltbeschattenden, der alten Götter!
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oh Tag, als in Verzweiflung starb sein Mut! –

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Doch
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Versprüht die Kampfglut in den tiefen Augen;
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erloschner Groll, verlohte Leidenschaft
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die einz'ge Saat der tiefzerfurchten Züge, –
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so tief, als sollten tausend Thränen drin
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zu den verdorrten Wurzeln seiner Seele,
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zum Grabe eines
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Um seine schmerzvernarbte Stirne zauste
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der kalte Wind des Haars ergraute Büschel.
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So schritt er abwärts, der gebeugte Riese ...

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Nur
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sie um sich sammeln wie ein alter Vater seine Kinder, –
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ihr Glück genießen, das sie
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den Frieden
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seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
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seit er den unstät Irrenden
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gebaut den ersten warmen, festen Herd, –
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sich
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die tierischwild in Hader, Haß und Habgier
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sich um das nackte Leben schlugen einst,
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die

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Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
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ins
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bebaute Aecker, wohlgehegte Gärten,
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und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
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und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
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Da
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war Das nicht
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ja, meine Menschen will ich wiedersehn! – –

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Und in die Dörfer ging er, in die Städte –
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und ging und ging – und suchte hin und her
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und fand –
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weh, wehe, wehe –
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Haß, Hader, Habgier schlugen sich im Streit
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mit andrer Habgier, anderm Hader, anderm Haß, –
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nur Eines fand er auf der Erde neu,
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den Neid: den
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den Neid der
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und war doch da Genug, genug für
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In Hütten sah er, in die Burgen sah er;
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doch es war Alles Eines,
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war Alles wie

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Zuletzt in eines Priesters reiches Haus
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trat matt er ein. Dort
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den er vergebens bei den Andern suchte;
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dort wo des Dankes stilles Sinnbild ihm
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in heil'ger Lampe glomm die ew'ge Flamme,
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dort auf
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noch Einmal unter Menschen – und sich dann
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auf immer in die Einsamkeit verbergen.
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Zum Hausherrn sprach er, der im Hofe stand:
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Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir! –

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Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
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dem großen Mann ins düstre Angesicht,
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und schlich geduckt davon, und schloß sich ein,
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und durch die Thür quoll eine fette Stimme:
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Ich habe selber nichts; geh weiter, Narr!
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Prometheus, der ist
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ja, damals waren bess're Zeiten noch
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als heute –!
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Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.

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Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken faßte
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den Qualgewohnten, auf die heil'ge Schwelle
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schlug er
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zum Himmel auf: Oh Zeus!
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so nicht, so brauchtest du dich
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Das war das Letzte! ich will sterben gehn! –
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Und gellend jählings brach
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ein Lachen hoch aus der zerrißnen Brust,
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und rasend sprang er auf,
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und brüllend rannte er dahin, dahin der Riese:
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im Meer, da find' ich Ruhe! endlich Ruhe! – –

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Und wieder sah im ebnen Lande unten
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die schönen Fluren er, die blühenden Triften,
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bebaute Aecker, wohlgehegte Gärten,
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und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
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und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
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Da gärte
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da kochte
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vom Felsen ächzend riß er Stück um Stück,
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und Stück um Stück in toller Blindheit schmiß er
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brüllend ins Meer,
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gell durch den Sturm
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mit weinendem Gelächter flog sein Jammer:
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O könnt' ich gleich die
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die so mein Gut, mein göttliches,
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Ha,

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Da horch, was klang da? schwoll da nicht ein Schrei,
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ein
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Hinab er stierte: rollend ging die See,
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von seinen Würfen zischend aufgerührt,
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und auf dem Gischte trieb zerschellt ein Kahn,
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und in den Wogen rang ein Mensch ums
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Doch jetzt: schon schäumte von der stiller'n Flut
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ein
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ein

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Und oben auf der Klippe stand Prometheus
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und stierte, – stierte und
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auf seiner Wandrung hatt' er sie gesehen,
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die ersten Menschen waren's die er traf:
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der Feind dem Feind vereint um Feindes Leben! –
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Und endlich
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und schleppten keuchend sich zum kahlen Strand
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und schauten in die Augen sich
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und sanken in die Arme sich,
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sprachlosen Glückes, stummer Liebe voll.

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Und oben auf der Klippe stand Prometheus
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und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken
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und – sah sie lachen, hörte jauchzen sie.

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Da glühte auf in ihm vergeßner
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da lohte auf in ihm verlernter
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und in die Kniee nieder brach Prometheus
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und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
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Oh Zeus! ich
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ich bin so reich!
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o laß mich leben – ewig leben:
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ich will –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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