Es war im Mai; ein Mittag weich und schwül

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Es war im Mai; ein Mittag weich und schwül Titel entspricht 1. Vers(1891)

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Es war im Mai; ein Mittag weich und schwül.
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Weitauf das Fenster – saß ich: ins Gewühl
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der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen
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von Silberfelsen, fern im blauen Meer
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des Himmels drüben, aus der Brandung schwollen
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der Stadt tiefunten um mich her.
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Am Horizonte hing vom blassen Kranz
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des Dunstes, wie ein Band aus Frühlingsglanz,
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sanft um der Siegesgöttin goldne Glieder
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in langer Bahn das weiße Licht hernieder;
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zu flattern schien's im lauen Wind.

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Die Sonne blickte müde wie ein Kind;
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die Lüfte seufzten wie im Traum ...

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Da: klirrend rührte sich der erzne Saum
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am Fuß der Göttin, – und ich saß und lauschte, –
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mir war, daß fernher eine Stimme rauschte, –
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hell flirrend schossen um die Spitze
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des Säulenknaufes singende Blitze:
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die Göttin schüttelte den Siegesspeer.
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Doch plötzlich – sausend flog
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zur
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das hohe Weib, und hohl wie Glockentöne
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aus ehernem Munde hört' ich laut sie rufen:

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»
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ihr Töchter all des Volkes, kommet her!
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Ich will euch künden eine
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hin werf' ich Helm und Waffen in den Staub,
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genug von Kampf und Haß! aus mildern Sphären
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vom Baum des
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mit reinerm Glanz die Stirn mir zu verklären!
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Die Frucht der
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die
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auf stiller Flut ins Meer der
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Ein trüber
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ein
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entzückt ob allem Erdendunste schweben,

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Da stand sie funkelnd in der Sonne, – winkte, –
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hoch in der Rechten weithingleißend blinkte
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die goldne Frucht ... Und jauchzend ihr entgegen
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aus allen Thoren brausende Scharen quollen,
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auf allen Straßen Jubelgrüße schollen,
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in jedem Aug' ein Glanz, als hätt' ein Regen
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von Glück geweckt die Blüten jeder Seele.
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Mitkeucht' ich vorn im Schwarm. Aus heißer Kehle
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durströchelnd, niederstürzt' ich in den Sand,
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umklammerte des Weibes Prachtgewand:
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»gieb!« fleht' ich ächzend – »Gieb uns, gieb uns!« ächzten
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die Abertausende, die

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Doch dumpf und hohl die Glockenstimme tönte
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herab zu uns, wie Grabeston sie dröhnte:
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»nicht dürft' ihr nah'n mit
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im
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Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke
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lag schwer das Wort gleich Nebeldunst und Wolke.

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Auf Einmal aber – leise, heiser, bang
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ein Angstgeflüster durch die Stille klang:
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»sie
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Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog
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es durch die Scharen, laut und lauter schwellend:
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»sie log, log, log uns« – toll und toller gellend,
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wutschreiend, hohneswild, – und Flüche schallten,
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und Fäuste langten drohend nach den Falten
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des prunkenden Kleides und – – ein Schreck! ein Graun!
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die tobenden Reihen starrten wie erdrückt:
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ein Bild des
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Ein Schauer zuckte durch den Riesenleib,
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es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib,
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matt knickte nieder Haupt und Arm,
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die blanke Frucht fiel prasselnd in den Schwarm,
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zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge,
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zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge.

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Und vom Gesicht des Weibes sah ich flattern
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die glatte Haut wie abgeschürfte Blattern,
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aus blöden Augen glomm ein trüber Schein
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wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern,
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die dünnen Lippen knifften welk sich ein,
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und aus dem Zahngelücke kroch es blechern:
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»ach ja – ach je – die Kunst wird
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ihr habt schon recht! na, seid man still! ich dachte:
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ihr könnt noch
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Na, laßt man, Kinder! seht: ich bin ja
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und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich,
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man macht dann eben aus der
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Ja – alles Dasein ist ein morscher Plunder,
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der Geist verpufft sich selbst wie mürber Zunder,
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der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch
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und kriegt davon das Grimmen in den Bauch;
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ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten!
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Drum will ich euch,
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aus diesem Pestbeet säuberlich seciren, –
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ein
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und nicht das Sonnenfernglas zu regieren, –
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und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob!
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Die Decke von der Fäulnis aufzuheben:

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Und wieder lautlos, in beklommnen Träumen,
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ein Nicken rings, – und dünne Seufzer wehten,
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wie Herbstlaub rieselt von den blassen Bäumen;
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dann – sah ich Manchen grinsend näher treten.

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Da schien's als wüchse wieder hoch die Alte,
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und prahlender die dürre Stimme hallte:
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»am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben,
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heut braucht man bloß der – Wissenschaft zu glauben!
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Und da ihr reif seid
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sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!«

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Und mit den Spinnenfingern krallte
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ins schlotternde Prunkgewand die Alte,
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schon blinzten durch des Kleides Spalten
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des greisen Leibes schlaffe Falten:
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Da – wie ein Frühlingsdonner schwoll es an –
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ein
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und wie die Brandung von der morschen Klippe
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zurück ins freie Meergewoge schäumt,
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so stürmten, flohen scham-und-zorngebäumt
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Um rannte mich die tolle Flut, doch jauchzend lachte
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erlöst aus voller Brust ich und – – erwachte.

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Weitauf das Fenster, saß ich; ins Gewühl
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der lauten Straße sanft das Mailicht fiel.
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Tiefunten, aus dem
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des Hofes drüben, schien zum
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ein blühender Kirschbaum, rein als hinge noch
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das Morgenrot in seinen schimmernden Zweigen.
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Und wo er über die graue Mauer nickte,
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stand blaß ein Straßenkind und gab
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von seinem Brote einer Armen ab,
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die
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das Brot war trocken, das Stück war klein,
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das Händchen schmutzig, – doch des Auges Leuchten
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der ringsher um die schwarzen frühlingsfeuchten
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Dächer der gärenden Stadt, als wären's Bräute,
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weißseidne Schleier wob und Perlen streute.

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Am Horizonte glimmte in den Dünsten,
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schwach wie ein Irrlicht schwimmt in Sumpfgespinsten,
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die plumpe Göttin jetzt. Doch
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dicht unter mir, floß hell der weiche Glanz
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um
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grell, ein zerhackter Regenbogenkranz
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in lustigem Farbenwirbel, prangte dran;
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und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann;
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sie lauschten; Einer las, gebückt und schief,
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ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief.
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Verbißner Grimm aus knochigen Mienen sprach,
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auf furchigen Stirnen dick die Sorge lag;
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und als der Haufen auseinanderwich
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und als sie sich die rußigen Hände drückten
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und kargen Gruß die storren Köpfe nickten,
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da – ja da fühlte man: es schlich
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manch
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doch aus den
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so bricht der Funke aus dem harten Stahl –
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Und wie der Schein dortoben das rauhe Land,
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die schlafenden Keime rings der rohen Erde:
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so,
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in Eins sie Alle diese Lichtgebärde.
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Und
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wir Alle sind von Deinem goldnen Stamme!
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in Jeder Brust von Dir ein Funke glüht,
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der angefacht empor zur Lohe blüht!
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Kein Wahn ist diese schwebende Kraft, kein Traum:
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kein dunstig Hirngespinst – kein schillernder Schaum!
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Wie Du aus Licht und Dunkel Farben wirkst,
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im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgst,
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wie in der dumpfen Schlacke, dir entflossen,
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dein Flammenblut du in die Welt gegossen,
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das aus dem kalten Staube der Gestalt
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vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt:
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so in den Schatten der Vergangenheiten
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die Glut der lichten Sehnsucht dieser Zeiten
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am Blut der Zeit, am Volke, aufbeleben:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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