Auf dem Fluße Jukon

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Auf dem Fluße Jukon Titel entspricht 1. Vers(1891)

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Auf dem Fluße Jukon
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streift der Wind,
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und mein Trauter jagt das Renntier
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auf den Bergen Boojukon.
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Chami, Chami, schlaf mein Kind!
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schlaf, mein Kleiner, schlafe!

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Der Herd ist kalt,
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das Brennholz all verbrannt;
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zerbrochen ist mein Beil,
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mit meinem Trauten wandert
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das andre durch den Wald.
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Ach! und die Wärme der Sonne schläft
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in der Höhle des Großen Bibers,
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wo sie auf den Frühling wartet.
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Chami, Chami, wach nicht auf!
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schlaf, mein Kleiner, schlafe!

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Suche keine Fische, Mutter!
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lang' schon ist der Kasten leer;
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selbst der Rabe kommt nicht mehr,
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auf dem Fischgestell zu hocken.
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In die Berge ging mein Trauter,
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o wie lang' ist's her!
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Wenn ich seine Pfade wüßte!
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wenn ich
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Chami, schlaf mein Kind! schlaf ruhig!
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schlaf, mein Kleiner! schlaf, mein Kind!

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Wo ist Der in diesem Augenblick,
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den ich über Alles liebe?
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Schläft er wohl erschöpft am Bergeshange?
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Warum bleibt er doch so
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warum kehrt er nicht
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Wenn er bald nicht kommt,
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werd' ich selber gehen,
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in die Berge gehen,
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werd' ich gehen meinen Trauten
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Chami, Chami, schlafe!
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schlafe sanft, mein Kind!

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Ha, da kommt der Rabe! –
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Wie er lacht so hohl,
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wie er krächzt so höhnend!
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warum lacht er wohl?
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Und sein Schnabel glänzt
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naß und rot von Blut,
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und sein böses Auge
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funkelt Haß und Wut!
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Warum
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Chami, Chami, schlafe!

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Mich freut noch, Frau, der frische Fraß,
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das saftige Fleisch, das prächtige Stück,
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das deinem Gatten ich weggehackt.
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Friedlich schlief er tief im Gras;
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da kam der Rab',
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da nahm der Rab'.
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Ja, ganz still im Grase schläft er! –
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Schlaf, mein Chami! schlaf, mein Kleiner!
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schlafe ruhig! schlafe sanft!

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Ja, zwanzig Renntierzungen
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auf seiner Schulter trug er:
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bloß
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den Namen seiner jungen Frau zu rufen!
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Wölfe, Raben und Füchse
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streiten um seine Beute, –
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ja!
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stiller als das
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das an deinem Busen schläft! –
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Chami, Chami! ach, mein Kind!

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Wölfe, Raben und Füchse
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kämpfen um einen Fetzen
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von dem Leichnam deines Gatten!
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Ja – ganz still im Grase liegt er,
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und so stark und zähe
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waren seine Sehnen doch!
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ja, viel stärker – ja, viel zäher
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als des
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das an deinem Busen liegt! –
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Chami, Chami! schlafe, schlafe!
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wach nicht auf! mein Kind, mein Kind!

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Ach – –! Ha, dort! dort
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kommt mein Gatte, mein Trauter!
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beuteschwerbeladen,
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langsam steigt er den Berg herab! –
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Eile, eile, Alte!
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hole Holz zum Spalten!
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sieh, mein Trauter lacht!
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Sieh nur, wie der Rabe,
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Dieser Lügner,
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Chami, Chami, aufgewacht!
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Chami, kleiner Schläfer!
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wache auf, mein Kind!
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rufe deinen Vater!

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Sieh: er bringt uns Renntierfelle,
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bringt geschmolznes süßes Markfett,
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bringt uns frisches Wildbret mit!
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Und für Dich, mein Kleiner,
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hat er gar geschnitzt ein Spielzeug
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aus den glatten Renntierknochen,
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als er müd und abgehetzt
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und das Wild belauernd
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lag am Bergeshange.
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Wache du
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sieh nur, wie der Rabe bange
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sich vor seinem Pfeil verbirgt!
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Wache doch auf, du Schläfer!
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lache und springe mit mir!
105
Chami, jauchze mein Kleiner!
106
Chami, dein

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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