Kranzgedicht zur silbernen Hochzeit der Eltern

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Kranzgedicht zur silbernen Hochzeit der Eltern (1891)

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Fast scheu' ich mich, Euch diesen Kranz zu reichen,
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der deutungsvoll sich um zwei Leben schlingt
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so liebeheilig mir, daß tief im weichen
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Gefühle ringend mir das Wort versinkt ...
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Doch schön're Sprache, als sie je ertönte,
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von jedem dieser lichten Blättchen blinkt;
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von jedem Glück, das euern Weg verschönte,
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von jeder Sorge spricht sie, jedem Leid,
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mit denen Kraft und Liebe Euch versöhnte.
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so seltsam ineinander Traum und Leben,
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daß Augenblick und längst versunkne Zeit
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zu reichsten Wirklichkeiten sich verweben.
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Und so, aus dieses Kranzes Schimmerschein,
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Gestalten seh' ich, Bilder sacht sich heben:
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die Zweiglein schlank, die Blättchen zierlich fein
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empor zu Stamm und Laubwerk vor mir schießen
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in Eures Lebens Garten tret' ich ein, –
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oh leuchtend Bild! ich muß die Augen schließen ...
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Ich seh' euch wandeln. Frühlingsrein die Luft
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der Hoffnung bunte Blumen um euch sprießen,
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aus allen Kelchen quillt Ein Glanz, Ein Duft,
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und vor euch liegt ein Pfad, den zu beschreiten
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das Vöglein Glück euch lieblich lockend ruft ...
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Schon wallt ihr ihn; und an des Weges Seiten
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in langer Reihe seh' ich Paar an Paar
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fruchtschwere Bäume ihre Zweige breiten,
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als wollte Tag für Tag und Jahr um Jahr
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der Sommer eures Wirkens mir sich künden.
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Und dichter seh' ich, wie vor Sturmgefahr,
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die starken Aeste ihren Wuchs verbünden
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zu einem schirmend festen Wetterdach,
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um vor des Menschenlebens Weh und Sünden,
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vor des Geschicks geschäftigem Ungemach
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die jungen Pflanzen sorglich zu behüten,
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die unter Lust und Wollust, Schmerz und Ach
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aus Eurer Liebe keimten, sproßten, blühten ...
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Und jetzt – in Nebel hüllt sich mir das Bild;
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die langen Tage, die von Arbeit glühten,
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verdämmern sanft; der Abend, köstlich mild,
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zur Ruhe lädt, es
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und jede
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als ob in Eins Natur und Seele klängen.
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Da schwebt zur Erde ein entfärbtes Blatt,
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und halb schon sinkend auch die andern hängen:
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der
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Doch
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ob auch entlaubt die Aeste: freundlich matt
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von ihnen her die reifen Früchte blinken, –
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und so wird Mühe Segen, That Genuß ...
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Und einst: des
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im Eise stockt des Lebens hurtiger Fluß,
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die letzte Abendröte ist geschieden,
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doch heilig rühret nun des
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und eine leise Sehnsucht nach dem Frieden
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der
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dann werden
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voll Ehrfurcht betten euch das weichste Pfühl,
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dann werdet ihr in treuen
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das heimatlich geborgenste Asyl,
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dann werden zärtlich treue
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das wärmste Feuer euch am stillen Herd,
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aus treuer
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wird all die Liebe, die ihr einst beschert,
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in neuer Milde leuchtend, auferstehen:
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so leuchtender, da
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Doch wohin irrt mein Blick! noch sind zu sehen
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die Bäume ja im farbigsten Gewand!
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in blauer Höh', auf lauem Winde wehen
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die letzten
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wie Glücksgedanken weilen sie im Fluge
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bald hier, bald dort an einer Blüte Rand
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und schlingen, langhinflatternd, sich im Zuge
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um Halm und Gräschen fest, um Busch und Baum, –
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und wie ich ihnen nach ins Weite luge,
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da zeigt aufs Neue mir mein Führer Traum
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ein schimmernd Wunder: vor mir seh' ich ragen,
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umsponnen rings vom zarten Silberflaum,
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von Einem starken Stamm emporgetragen,
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zwei hohe Wipfel, deren voll Geäst
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unlösbar ineinander ganz geschlagen.
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Und wie ich staunend nähertrete, läßt
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der Silberbaum auf mich herniederregnen
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viel Zweiglein zierlich, Blättchen feingepreßt,
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als wollt' er mich mit seiner Fülle
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Ich schaue auf; da – ist das Bild entrückt, –
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von Duft und Licht ein wogendes Begegnen, –
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doch an mein
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denn Liebe hat und Hoffnung ihn gepflückt
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von

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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