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Und wieder saß ich spät mit mir allein,
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der Geisterstimmen dumpfe Schlacht belauschend,
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die wild im Hirn um meine Seele rangen,
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und wußte nichts von mir: ein schwirrend Heer
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von Wünschen, kreiste vor mir selber ich
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und sah die Wunschgespenster sich verknäueln
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in Wut und Gier, von Wut ich
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von Qual und Wollust, wie die Flatternden
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sich würgten und sich fraßen und sich lüstern
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umwanden, neue Schaaren zu gebären.
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Bis sich auf einmal, im verzückten Rausch
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des Mitgefühls, mir in die Augenhöhlen
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die Nägel meiner Finger krallend gruben,
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daß ächzend ich emporfuhr aus dem Brüten.
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Und taumelnd wankt' ich auf, zum Fenster hin,
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inbrünstig langend nach der sanften Nacht ...
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Da dehnte sich im Dunstlicht unter mir
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mit seinen Schloten, seinen Ruhmessäulen
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heraufgebaut ins fahle Blau, als langte
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aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin
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und reckte alle Finger bettelnd hoch:
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Und rauschen hört' ich die Milliarden Wünsche,
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die ungestillten, die das Mauerwerk
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das nachtumarmte barg in seinem Schooß:
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den Hunger, der mit dürrem Knöchel sich
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das Grablied trommelte auf nackter Diele, –
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die Not, die winselnd durch die Straßen kroch, –
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das Elend, das in Träumen wüst sich narrte ...
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Und ich erschrak ob meiner
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und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos,
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stieß mich zurück in meine Einsamkeit.
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Und trübe starrt' ich in die grelle Lampe
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und trüber noch auf meinen Schatten, der
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langwehend an der Wand hing, schwankend, nickend –
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und starrte – – und entsetzte mich: der Schatten
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bewegte, drehte sich, und winkte, nickte,
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und wandelte vor mir, und trat zu mir, –
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und eine Stimme tönte matt und hohl:
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Komm! Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod! Komm, schaue! –
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Wir wandelten. Ein greller Mittag lag
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schwül brütend auf dem gelben Sand der Wüste;
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der stummen Mundes immer weiter wallte;
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in seine Spuren trat ich wie gebannt.
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Da gähnte jählings uns ein Abgrund an ...
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Zurück ich wich; doch ruhig stand der Düstre
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und wies zur Rechten, wo emporgetürmt
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am Abhang ragte ein gewalt'ger Bau,
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und aus dem Mantel klang es schwer und dumpf:
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Der Tempel der Erfüllung! – und ich bebte,
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von ungewissen Schauern angefaßt.
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Da tönte wieder mir die Grabesstimme:
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Drei Wünsche sind gewährt dir! wähle! sprich!
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Und rasselnd sprangen droben auf die Pforten ...
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Und grübelnd stiert' ich in des Tempels Schlund, –
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mir war, als wogten die Milliarden Wünsche
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des Erdrunds drin, die ungestillten alle, –
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von Schmerz und Lust erglüht' ich, – durstgeschüttelt
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und heiser schrak ich auf in Haß und Wonne:
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gleichgiltig scholl es wider im Gewand.
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Und rückwärts deutete der Ungerührte
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dem Saum der Wüste zu; der regte sich,
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und aus dem Boden hob ein Tummeln sich,
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als schwärmten Geier wimmelnd um ein Aas.
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Und fort vom Rand her schob es schwärzlich sich
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gleich Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll,
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erbrauste, schwoll und löste sich, und rollte
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und wälzte tosend auseinander sich
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heran zu uns, die Ebne überströmend
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wie Qualmgebrodel sturmgepeitscht, und näher
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und näher immer zog's, und schüttete
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sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen
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von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun;
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die Erde stöhnte, wie sie rasend rannten
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und keuchend flogen; und da schossen schon
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die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend,
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hinauf am Abgrund, zu den Stufen hin
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den gleißenden des Tempels, – ihnen nach
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der Unzählbaren brandendes Gewühl.
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Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier;
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doch unbewegt stand neben mir der Führer ...
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mit dem errafften Gut, dem höchsterstrebten,
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dem tiefstersehnten, Die zuerst gewählt;
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und freudebangend, zitternd spähte ich.
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O Wahn, o Hoffnung –! wie sie kindisch johlten
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und tanzten, in den Händen Tand und Spielwerk!
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Da schleppte unter beiden Armen Einer
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verstaubte Folianten, Einer krümmte
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sich goldbepackt, behutsam trug ein Dritter
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ein Pflänzlein, eine Schöne äugelte
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verliebt mit ihrem Diamantenschmuck,
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und jetzt – aufstammelnd griff ich in die Luft –
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wildjauchzend stürmte aus dem Thor ein Häuptling,
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die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er,
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und oben auf den Stufen rangen Zwei
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zum Mord verknotet um ein jammernd Weib.
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Mitfühlend wand sich, bog sich krampfgespannt
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mein Arm; da – ließ – mich's – los; ein weher Grimm,
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ein ekler Zorn, ein unermeßlicher,
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stand auf in mir und bäumte mein Genick,
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zum Himmel stieß ich die gepreßten Fäuste:
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wer in der Einen Sehnsucht sich verzehrt,
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wer Alle will von Leid und Schmerz erlösen! – –
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Erlösen – tönte die vermummte Stimme;
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– der zweite Wunsch! klang's schaurig mahnend nach.
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Und plötzlich, mir zu Füßen kam's gerollt
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herab vom Abhang knackend, schollernd, krachend
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hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber,
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verrenkt im Todeskampf; doch toller immer
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den Berg empor zur Tempelhalle tobte
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der Unzählbaren brandendes Gewühl;
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und aus dem Säulenschooße quoll und quoll es
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die Stufen nieder – krachend, schollernd, knackend –
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von Sterbenden und Leichen – mir zu Füßen
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den Schlund hinunter. Und die Sonne sank
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und sank und sank, und immer neue Haufen
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Zerschmetterter verschlang der grause Rachen ...
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Aufschreien wollt' ich – flehen, daß nur Einer,
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nur Einer spräche das geweihte Wort, –
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auf that mein Mund sich, doch der Laut zerriß:
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der Freund, der liebste, prallte her zermalmt –
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zermalmt die Brüder beide – beide Schwestern!
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da, da! hinauf; jetzt bat sie; weh – für
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das Gräßliche, hohlglotzend, thränenleer;
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verdorrt mein Herz mir däuchte, irr mein Sinn;
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mein eigen Angesicht, im Dämmerdüster
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rings um mich schwamm es, fahl, zerfurcht, versteint
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von Gram und Grauen; in die Kniee brach ich,
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die Fäuste schlug ich hämmernd mir ans Ohr,
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zu töten das Gedröhn das marternde
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der Knochen, die zum Abgrund rasselten
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im Rücken mir; da – – neigte nieder sich
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Der im Gewand, ein mildes Dunkel hüllte
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mein flirrend Aug', ein tiefes Schweigen floß
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süßkosend um mein Haupt, und wie ein Hauch
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sanftraunend klang die Frage: Und dein dritter,
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dein Eigner Wunsch? dein letzter?! – säuselnd sog
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der Nachtwind ein das lockende Gemurmel ...
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Und stammeln wollt' ich; doch die Worte
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im Hirn mir, hetzten sich in toller Jagd,
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gestaltlos, schemenhaft, – und eine Angst,
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ein Schrecken vor mir selbst, und eine Furcht
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vor meiner Eignen Gier, der lauernden,
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umklammerten die Kehle mir, – zerknirscht
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im Staub ich lag: nicht
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Und endlich, bettelnd, stöhnt' ich: Gnade! Gnade!
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und schlug die Augen auf – –, da grüßte mich
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langwehend, nickend an der Wand der Schatten,
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und schwelend stand die Lampe – und verlosch.