Geburt

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Ludwig Rubiner: Geburt (1900)

1
Vor unsrer Geburt, in der grünen Südsee platzte die Erde und das Wasser,
2
Tausend Menschen saßen wie Schnecken auf großen Blättern in Hütten und versanken keuchend.
3
Vor Marseille fielen die roten Schiffe um, das Meer schlug vom Mond herab.
4
Die Dampfer schnurrten in den Abgrund, lächerliche Insekten.
5
Als wir geboren wurden, zog Feuer durch die Luft.
6
Die Schwärme des Feuers flogen um die Erde.
7
Wehe, wer nicht sehen wollte!
8
Tausend Menschen, stillhockende Schnecken, waren zu Staub zerplatzt.
9
Die Tage erblichen für die glühenden Abende.
10
Die Nächte schwangen rote Palmblattflammen über Berlin,
11
Die Abende waren gelbe Tiere über der Friedrichstraße.
12
Berlin, aus spitzen Plätzen, grauen Nebenstraßen, quoll das Blau der Vulkane.
13
Die Frauen waren alle allein, die Männer reckten sich auf,
14
Die Schenkel liefen durch Berlin, heiße Haarberge bogen hoch.
15
Die Sonne ging immer unter. Die Abendstrahlen, heiß, quollen aus den Männern.
16
Die Häuser waren kalkig und bleich. Durch dunkle Zimmer wankte die Stadt, die Blinde.

17
Wir wurden geboren, Strahlenlicht kreiste abends über unseren Mündern,
18
Grüne Südsafthügel hingen vom Mond über uns;
19
Wir rissen unsere Augen von unserem Blut auf.
20
Der Himmel flog über alle Straßen der Stadt.
21
In der Vorstraße aus Zaun und Stein wartete die grauhaarige Mauerdirne auf die Soldaten.
22
Wir wußten, daß es andere Länder gibt.
23
In möblierten Zimmern sannen russische Stirnen über Bombenattentaten.
24
In den Varietés wurden die fünf englischen Puppenmädchen geliebt.
25
Die Menschen sitzen in schwarzen Röcken, essen und werden alt.
26
Die hohlen Häuserwände waren lose und grau.
27
Kamerad, Sie liefen die Straße auf und nieder, Sie waren blaß vor dem heiligen Panoptikumsbau.

28
Die Luft stand mit Sternen in Ihnen, der Tag war noch hell.
29
Die Menschen waren dick und rauchten Zigarren.
30
Niemand sah sie an.
31
Die Stadt schwebte, es war still im Abendbrand, die Häuser zerfielen unten.
32
Die Menschen gingen schwer.
33
Kamerad, Sie waren allein. Niemand hatte das Licht gesehen.
34
Um die Erde sprühte der südliche Schweiß des Vulkans.
35
Niemand sah. Berlin schmatzte rollend.

36
Es war nicht mehr Licht durch buntes Abendglas,
37
Nicht mehr Fackelwogen hinter Spielpapier:
38
Plammenschirme vom Himmel bogen um unseren Kopf.
39
Die Luft schmolz im langen Lichtwind übers Feld,
40
Drunten lag der harte Sand rötlich wie getretener Mob.
41
Wir heulten ins Grüne übers Tempelhofer Feld.
42
Vor schwarzen Fensterschwärmen der schweißigen Hinterhauswände
43
Stießen wir unsere Flugdrachen hoch in die Windfarben und sogen den Glanz.
44
Berlin, Ihr dachtet an Geld.
45
Kamerad, Ihr Jungenhaar zackte schwarze drohende Felsen über den gepfeilten Brauen.
46
Sie haßten den blassen Schimmel der schlaffen Hausdächer.
47
Wir kannten uns nicht.

48
Damals liebte ich sie so.
49
O wären wir ausgerückt!
50
Wir saßen in verdorrten Halbgärten. Soldaten tranken aus Bierseideln.
51
Wir sahen durch grüne Stuhllehnen auf hölzerne Karussells.
52
Vor alten Frauen in Würfelzelten zerfransten sich gegossene Glasvasen.
53
Wir griffen unsere Hand zum letztenmal. Wir warteten.
54
O vielleicht stand das feurige Licht gleich an unserer Haut: uns allen!

55
O wir wußten alles. Die grüne Farbe glänzte am Wirtshausstaket
56
(einmal gab es wohl Zeiten, da grünten die Frühlinge so fett).
57
Es war alles für uns und für die anderen gemacht,
58
Aber früher waren die Tage dumpf und grau, und dies galt als Pracht.
59
Wir sahen uns an, hinter ihren Augen braun und im vierzehnten Jahr
60
Schwamm Hingabe, wie Blutstropfen rollte ihr Lächeln zum Hals, weil das neue Licht um uns war.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Rubiner
(18811920)

* 12.07.1881 in Berlin, † 28.02.1920 in Berlin

männlich

deutscher Dichter, Literaturkritiker und Essayist des Expressionismus

(Aus: Wikidata.org)

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