(enoch Arden)

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Alfred Tennyson: (enoch Arden) (1850)

1
In langen Klippenreih'n blieb eine Schlucht,
2
Und in der Schlucht sind Schaum und gelber Sand;
3
Jenseits viel' rote Dächer, um ein Werft
4
Geschart; dann ein verwittert' Kirchlein; höher
5
Zieht eine lange Straße sich hinan
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Zur einzigen Mühle hochgetürmtem Bau;
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Und fern dahinter eine graue Düne
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Mit Hünengräbern; und ein Haselholz,
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Im Herbst von Kindern gern geplündert, grünt
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In einer muldenförmigen Schlucht der Düne.
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Vor hundert Jahren spielten hier am Strand
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Drei Kinder dreier Häuser – Annie Lee,
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Das schmuckste kleine Mädchen in dem Dorf,
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Und Philipp Ray, des Müllers einz'ger Sohn,
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Und Enoch Arden, eines Seemanns Kind,
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Verwaist durch einen Winterschiffbruch; – spielten
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Unterm Gerümpel und Gerät des Ufers:
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Gewundnem Tauwerk, schwarzen Fischernetzen,
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Geteerten Böten, Ankern, braun von Rost;
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Und bauten Schlösser sich von lockerm Sand,
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Die bald die Flut entführte, oder folgten
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Der Brandungswelle nach, und flohn vor ihr
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Und prägten täglich in den weichen Sand
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Die kleine Fußspur, täglich fortgespült.

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In einer engen Höhlung unterm Dach
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Der Klippe spielten Haushalt oft die Kinder.
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Und Annie stets die Hausfrau; doch zuweilen
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Wollt' Enoch Herr für eine Woche sein:
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»dies ist mein Haus, dies meine kleine Frau.«
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»auch meine«, sagte Philipp, »Eins ums Andre.«
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Wenn sie sich zankten, siegte Enoch meist,
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Weil er der Stärkre war; dann füllten sich
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Die blauen Augen Philipps mit den Tränen
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Hilflosen Zorns, und bebend rief er aus:
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»enoch, ich hasse Dich«, und zur Gesellschaft
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Dann weinte ängstlich mit die kleine Frau,
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Und bat sie, ihretwillen nicht zu zanken,
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Sie sei ja gern mit beiden kleine Frau.

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Doch als der Kindheit Rosendämmrung schwand,
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Und als der Lebenssonne Glut durchflammte
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Der beiden Herz, entbrannte beider Herz
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Für dieses eine Mädchen. Enoch sprach
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Sein Lieben aus, doch Philipp liebte stumm.
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Und freundlicher schien Annie gegen Philipp;
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Allein sie liebte Enoch, ob sie's auch
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Nicht wußte, und geleugnet haben würde,
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Wenn man sie drum befragte. Enoch hielt
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Vor Augen
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Zu sparen, was er irgend sparen konnte,
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Ein eignes Boot zu kaufen, und für Annie
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Ein Hüttchen zu erbau'n; und also kam's,
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Daß glücklicher und kühner endlich, und
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Bedächt'ger in Gefahr, kein Fischer lebte
54
Am meergepeitschten Strande stundenweit,
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Als Enoch. Auch hatt' er ein Jahr gedient
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Auf einem Kauffahrteischiff, wo er sich
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Zum Vollmatrosen aufschwang; dreimal war
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Es ihm geglückt, aus finsterm Wellengrab
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Ein Menschenleben an das Licht zu retten;
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Und alle lobten ihn und sahn ihn gern.
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Und eh' er einundzwanzig Lenze zählte,
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Kauft' er sein eignes Boot, und baut' ein Hüttchen,
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Ein niedlich Nest, für Annie, halb hinan
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Das Gäßchen, das empor zur Mühle klomm.

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An einem herbstlich goldnen Abend war's,
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Da machte Feiertag das junge Volk,
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Und ging mit Säcken, Körben, groß und klein,
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Ins Holz zum Nüssepflücken. Philipp folgte
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– (Krank war sein Vater und bedurfte sein) –
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Ein Stündchen später; doch als er den Hügel
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Erstieg, just wo des Haselholzes Saum
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Zur Schlucht hinab sich neigt, sah er das Paar,
73
Enoch und Annie, sitzen Hand in Hand,
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Sein graues Aug' und wetterbraunes Antlitz
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Von einer heil'gen Glut verklärt, die still
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Wie Altarkerzen brannte. Philipp sah's,
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Und las sein Urteil klar in ihren Mienen.

78
Als sie sich aneinander schmiegten, stöhnt' er
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Und schlich hinweg, und wie ein wundes Reh
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er hinunter in die wald'ge Schlucht;
81
Dort hatt', indes die andern lustig scherzten,
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Er seine dunkle Stunde ungesehn,
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Dann stand er auf, und kehrte heim, und trug
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Der lebenslangen Sehnsucht Weh im Herzen.

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So wurden jene Zwei vermählt, und fröhlich
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Erklang der Hochzeitsglocken Schall, und fröhlich
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Entflohn die Jahre, sieben frohe Jahre,
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Beglückte Jahre reichlichen Erwerbs,
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Herzlicher Liebe, ehrenhafter Arbeit.
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Und Kinder kamen: – erst ein Töchterlein,
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Und mit des ersten Säuglings Schrei erwachte
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In seinem Herzen tief der edle Wunsch,
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Zu sparen, was er irgend sparen konnte,
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Um bessere Erziehung seinem Kind
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Zu geben, als sie ihm und ihr beschieden;
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Ein Wunsch, der stärker noch in ihm erwuchs,
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Als zwei Jahr später sich ein Knäbchen einfand,
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Der rosige Abgott ihrer Einsamkeit,
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Wenn Enoch fern war auf der zorn'gen See,
100
Oder landeinwärts reiste; denn es waren
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Der Schimmel Enochs und sein Meeresfang
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In meeresduft'gem Korb und sein Gesicht,
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Das tausend Winterstürme derb gebräunt,
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Nicht nur am Marktplatz-Kreuze wohl bekannt,
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Nein, auch im Heckenweg jenseits der Düne,
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Bis zu dem Löwen-Steinbild vorm Portal
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Und bis zum Taxus-Pfau des Edelhofs,
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Des Freitagsmahlzeit Enoch lieferte.

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Dann kam ein Wechsel, wie ja alles wechselt.
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Zehn Meilen nordwärts von der schmalen Bucht
111
Entstand ein größrer Hafen; dorthin ging
112
Jetzt Enoch oft zu Wasser oder Land.
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Und einstmals, als er einen Schiffsmast dort
114
Erkletterte, erlitt er einen Sturz.
115
Da man ihn aufhob, war ein Bein gebrochen;
116
Und wie er krank dort lag, gebar sein Weib
117
Ihm einen zweiten Sohn, ein schwächlich Kind;
118
Und fremde Hand, die ihm die Kunden wegfing,
119
Nahm ihm der Seinen Brot; und als er so
120
Untätig lag, beschlich ihn Sorg' und Zweifel,
121
Obschon er immer fromm auf Gott vertraut.
122
Nachts, wie ein Alpdruck, quälte ihn ein Traum,
123
Als säh' er seine Kinder ewig führen
124
Ein elend Leben von der Hand zum Mund,
125
Und betteln sein geliebtes Weib. Er flehte:
126
»was auch mein Los sei, davor schütze sie!«
127
Noch betet' er, da kam der Kapitän
128
Des Schiffs, auf welchem Enoch einst gedient,
129
Und der von seinem Mißgeschick vernommen,
130
Zu ihm – er kannt' ihn und er schätzte ihn –
131
Und sagte, daß sein Schiff nach China segle,
132
Und ein Hochbootsmanns-Platz noch offen sei.

133
Ob er den wolle? Viele Wochen noch
134
Sei's bis zur Abfahrt. Ob den Platz er wolle?
135
Und Enoch sagte ohne Zögern Ja,
136
Und freute sich, daß sein Gebet erhört.
137
So schien des Mißgeschickes Schatten jetzt
138
Nicht ernster, als wenn eine flücht'ge Wolke
139
Der Sonne glanzerhellte Bahn verdeckt,
140
Und ihren Schatten als ein Inselchen
141
Von Licht aufs Wasser wirft: – doch, wenn er ging,
142
Was sollte dann aus Weib und Kindern werden?
143
Lang dachte Enoch seinen Plänen nach.
144
Das Boot verkaufen? – ach, er liebt' es so!
145
Wie manchem Sturm hatt' er in ihm getrotzt!
146
Er kannt' es, wie der Reiter kennt sein Roß –
147
Und dennoch wollt' er's tun, und mit dem Geld
148
Für Annie Waren kaufen, daß sie handle
149
Mit allem, was der Schiffersmann bedarf –
150
So hielte sie, indes er fern, wohl Haus.
151
Konnt' er nicht handeln auch im fremden Land?
152
Die Reise mehrmals machen? zweimal, dreimal –
153
So oft wie nötig – reich dann heimgekehrt,
154
Zuletzt ein größres Fahrzeug sich erstehn,
155
Mit mehr Gewinn ein leichtres Leben führen.
156
Die schmucken Kleinen gut erzogen sehn,
157
Und friedlich hier beenden seine Tage?

158
Also beschloß er alles bei sich selbst;
159
Dann zu der bleichen Annie kehrt' er heim,
160
Die noch ihr kränkelnd Kind, ihr jüngstes, nährte.
161
Sie sprang mit einem Jubelruf empor
162
Und legt' ihm in den Arm das schwache Kind;
163
Und Enoch nahm's, befühlt' ihm Arm' und Beine,
164
Taxierte sein Gewicht, und herzt' es warm,
165
Doch fand er nicht den Mut, von seinem Plan
166
Mit ihr zu reden, eh' am andern Tag.

167
Zum erstenmal, seit Enochs Ring sie trug,
168
Bekämpfte Annie seinen Willen jetzt,
169
Doch nicht mit trotzig keifendem Widerspruch,
170
Sondern mit mancher Träne, manchem Flehn
171
Und manch betrübtem Kuß bei Tag und Nacht
172
(denn jedes Unheil sah sie draus entspringen)
173
Beschwor sie ihn, wenn lieb ihm sei ihr Wohl
174
Und seiner Kinder Wohl, nicht fortzugehn.
175
Doch da er nicht an sich, nur an die Kinder
176
Und sie gedachte, frommte Nichts ihr Bitten;
177
Fest blieb er, trotz des Grams, und setzt' es durch.

178
Sein liebes altes Boot schlug Enoch los,
179
Und kaufte Waren ein, und mühte sich,
180
Das kleine Stübchen, das zur Straße blickte,
181
Zum Laden umzuwandeln, mit Gesims,
182
Regal und Fächerbord an allen Wänden.
183
So schaffte Enoch bis zum letzten Tag,
184
Und ließ durchs Hüttchen Axt und Hammer schallen
185
Und Säg' und Bohrer kreischen, während Annie
186
Vermeinte, daß man ihr Schafott erbaue,
187
Bis alles fertig war, und seine Hand
188
– Der Raum war enge – alles fast so hübsch
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Und dicht geordnet, wie Natur ihr Kraut
190
Und Blümchen eingeschachtelt; und der Gute,
191
Der bis zum letzten Augenblicke gern
192
Für Annie tätig war, schlich müd hinauf
193
Ins Bett, um bis zum Morgen fest zu schlafen.

194
Und Enoch blickte diesem Abschiedsmorgen
195
Ins Auge kühn und heiter. Annies Furcht
196
Verlacht' er, ob auch leid ihr Schmerz ihm tat.
197
Doch als ein braver, gottesfürcht'ger Mann
198
Beugt' er sein Knie, und in der hehren Stimmung,
199
Wo Gott im Menschen und der Mensch in Gott ist,
200
Erfleht' er Segen für sein Weib und Kind,
201
Was auch sein Los sei, und dann sagt' er froh:
202
»annie, durch Gottes Huld wird diese Fahrt
203
Uns allen heitres Wetter noch bescheren.
204
Halt rein den Herd, das Feuer hell für mich,
205
Denn eh' du's denkst, mein Kind, kehr ich zurück.«
206
Dann, leis' des Säuglings Wiege schaukelnd, sprach er:
207
»und dieser hübsche, kleine, schwache Knirps,
208
– Ich lieb' ihn eben darum ja noch mehr –
209
Gott segn' ihn! auf dem Knie soll er mir sitzen,
210
Ich will erzählen ihm von fremdem Land,
211
Froh soll er lachen, wenn ich wiederkehre.
212
Komm, Annie, schau' zum Abschied mutig drein!«

213
Sie hört' ihn reden also hoffnungsvoll,
214
Und hoffte selbst beinah; doch als er nun
215
Den Redestrom auf ernstre Dinge lenkte,
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In derber Schifferweise predigend
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Von Gottvertraun und Vorsicht, hörte sie,
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Und hört' ihn nicht; dem Mädchen gleich im Dorf,
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Das ihren Krug am Brunnen niedersetzt,
220
Und,
221
Hört und nicht hört, derweil er überfließt.
222
Doch endlich sprach sie: »Enoch, du bist klug,
223
Allein trotz aller deiner Klugheit weiß ich,
224
Daß ich dein Antlitz nimmer wiederseh.«

225
»hm«, scherzte Enoch, »deines werd' ich sehn,
226
Annie, mein Schiff wird hier vorüberfahren
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An dem und dem Tag; leih' ein Fernrohr dir,
228
Such' mein Gesicht, und lache deiner Furcht.«

229
Doch als der letzte Augenblick erschien,
230
Sprach er: »Mein Weib, sei mutig und getrost,
231
Sieh nach den Kleinen, und bis heim ich kehre,

232
Halt alles wohl in Stand, denn ich muß fort.
233
Sorg' nicht um mich mehr, oder wenn du sorgst,
234
Wirf' deine Sorg' auf Gott;
235
Ist Er nicht dort in jenem fernsten Teil
236
Des Ostens? Wenn ich dorthin auch entfliehe,
237
Enteil' ich jemals Ihm? Das Meer ist Sein,
238
Das Meer ist Sein – Er schuf's.«
239
Enoch stand auf,
240
Schlang seinen Arm um sein gebeugtes Weib
241
Und küßte seine wirr erstaunten Kinder.
242
Allein das dritte, kränkliche, schlief jetzt
243
Nach einer fieberhaft durchwachten Nacht;
244
Als Annie dies aufnehmen wollte, sprach er:
245
»still, laß es schlummern! nie erinnert doch
246
Das Kind sich dran!« und küßt' es in der Wiege.
247
Und Annie schnitt von ihres Säuglings Stirn
248
Ein Löckchen ab, und gab's ihm! Dies bewahrt' er
249
Für alle Zeit; doch hastig nahm er jetzt
250
Sein Bündel, winkt' Ade, und schritt' von dannen.

251
Sie lieh am Tag, den Enoch ihr genannt,
252
Ein Fernrohr, doch vergebens war ihr Spähn;
253
Vielleicht verstand sie nicht das Glas zu stellen;
254
Vielleicht war trüb' ihr Aug', zittrig die Hand:
255
Sie sah ihn nicht, und während auf dem Deck
256
Er stand und winkte, fuhr das Schiff vorbei.

257
Sie sah dem Segel nach, bis es vertauchte
258
Am Horizont, und kehrte weinend heim.
259
Dann, ob sie gleich wie einen Toten ihn
260
Betrauerte, bemühte sie sich trüb,
261
Nach seinem Willen Jegliches zu tun;
262
Allein ihr Handel wollte nicht gedeihn,
263
Sie wußte nicht zu feilschen, und ersetzte
264
Den Mangel nicht durch Schlauheit, sie verstand
265
Sich nicht aufs Lügen, konnte unverschämt
266
Nicht fordern, um dann billiger abzulassen.
267
Und allzeit fragend: »Was wird Enoch sagen?«
268
Verkaufte mehr als einmal sie zur Zeit
269
Der Not und der Bedrängnis ihre Waren
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Für weniger, als sie dafür bezahlt.
271
Mit Sorg' und Trauer nahm sie's wahr, und so,
272
Der Nachricht harrend stets, die nimmer kam,
273
Erwarb ein dürftig Brot sie ihren Kindern,
274
Und lebt' ein Leben stiller Schwermut hin.

275
Das dritte Kind, das kränkliche, ward kränker
276
Von Tag zu Tag, obschon die Mutter es
277
Mit Muttersorgfalt pflegte; mocht' es sein,
278
Daß ihr Geschäft sie oftmals von ihm abrief,
279
Daß ihr gebrach, was ihm am nötigsten,
280
Und daß sie nicht des besten Arztes Rat
281
Bezahlen konnte: – wie dem immer sei,
282
Nach kurzem Zögern, fast eh' sie es bemerkte,
283
Entflog die kleine Seele himmelwärts,
284
Wie jäh ein Vöglein aus dem Käfig fliegt.

285
In jener Woche, als sie es begrub,
286
Schlug Philipps treues Herz, das nur bedacht
287
Auf ihren Frieden war – (er hatte sie,
288
Seit Enoch fortgegangen, nicht gesehn) –
289
In Reue, daß so lang er fern sich hielt.
290
»jetzt,« meinte Philipp, »wär's ein kleiner Trost
291
Vielleicht, wenn sie mich sähe«; und er ging.
292
Er schritt zuerst durchs öde Vorgemach,
293
Blieb drinnen vor der Tür ein Weilchen stehn,
294
Und trat, nachdem er dreimal angeklopft,
295
Und keiner ihm geöffnet, still hinein;
296
Doch Annie, die von ihres Kleinen Grab
297
Soeben erst zurück, in Trauer saß,
298
Mocht' keines Menschen Antlitz schaun, und kehrte
299
Der Wand das ihre zu, und weinte laut.
300
Da nahte Philipp sich und stammelte:
301
»annie, ich kam, um eine Gunst zu bitten.«

302
Die Leidenschaft der Antwort, die sie stöhnte:
303
»pah! Gunst von einem so verlaßnen Ding!«
304
Verschüchterte ihn halb; doch ungebeten,
305
Indes sich Lieb' und Schüchternheit in ihm
306
Bekämpften, setzt' er sich zu ihr und sprach:

307
»ich kam, von Enochs, deines Gatten, Wunsch
308
Mit dir zu reden; immer sagt' ich schon,
309
Daß du den besten, einen starken Mann
310
Gewählt; denn was im Herzen er beschloß,
311
Griff seine Hand auch an und setzt' es durch.
312
Und weshalb unternahm er diese Fahrt,
313
Und ließ dich einsam? Nicht, die Welt zu sehn,
314
Nicht zum Vergnügen – nein! um bessere
315
Erziehung seinen Kindern zu verschaffen,
316
Als du und er gehabt – Das war sein Wunsch.
317
Und kehrt er heim, so wird es ihn betrüben,
318
Wenn ungenützt ihr Lebensmorgen schwand.
319
Ja, ihn betrüben würd' es noch im Grab,
320
Wüßt' er, daß seine Kleinen wild umher
321
Wie junge Füllen sprängen. Darum, Annie,
322
– Haben wir uns von klein auf nicht gekannt? –
323
Beschwör' ich bei der Liebe dich zu ihm
324
Und seinen Kindern, mir nicht Nein zu sagen –
325
Denn, so du willst, wenn Enoch wiederkehrt,
326
Mag er's zurückerstatten – so du willst,
327
Annie – denn ich bin reich und gut gestellt.
328
Laß Knab' und Mädchen mich zur Schule senden,
329
Das ist die Gunst, die ich erbitten kam.«

330
Annie erwiderte, die Stirn zur Wand
331
Gekehrt: »Ich kann dir nicht ins Antlitz sehn;
332
Ich seh' so töricht und gebrochen aus.
333
Der Kummer warf mich nieder, als du kamst;
334
Jetzt, glaub' ich, wirft mich deine Güte nieder.
335
Doch Enoch lebt, das kündet mir mein Herz –
336
Er wird's erstatten: Geld läßt sich erstatten,
337
Doch deine Güte nicht.«
338
Und Philipp frug:
339
»annie, so darf ich's tun?«
340
Sie wandte sich,
341
Stand auf, und ließ die tränenvollen Augen
342
Auf seinem freundlich milden Antlitz ruhn;
343
Dann rief sie Segen auf sein Haupt herab,
344
Und drückte leidenschaftlich ihm die Hand,
345
Und schritt hinaus ins kleine Hintergärtchen.
346
Also gehobnen Mutes ging er fort.

347
Zur Schule sandte Philipp drauf die Kleinen,
348
Kauft' ihnen Bücher, und wie Einer für
349
Die eignen Kinder sorgt, sorgt' er für sie
350
In jeder Art. Wenn er auch, Annies willen
351
Sich fürchtend vor dem müß'gen Dorfgeklätsch,
352
Des Herzens liebsten Wunsch sich oft versagte,
353
Und selten über ihre Schwelle schritt,
354
Sandt' er doch durch die Kinder Obst und Kraut,
355
Die erst' und letzten Rosen seines Gartens,
356
Kaninchen von der Düne, und mitunter
357
– Besondrer Feinheit wegen, sagt' er dann,
358
Daß sein Geschenk sie nicht verletze – Mehl
359
Aus seiner Mühle hohem Klapperwerk.

360
Ein Rätsel blieb für Philipp Annies Sinn;
361
Kaum überwand sie sich, wenn er erschien,
362
Aus überströmend dankerfülltem Herzen
363
Zu stammeln ein verhauchend Dankeswort.
364
Doch war er Eins und Alles ihren Kindern;
365
Aus fernstem Winkel eilten sie herbei,
366
Sein herzlich Grüßen herzlich zu erwidern.
367
Sie waren Herrn bei ihm in Haus und Mühle;
368
Ermüdeten sein Ohr mit kleinen Leiden
369
Und Freuden, spielten mit ihm, kos'ten ihn,
370
Und »Vater Philipp« hieß er. Philipp kam
371
Zu gut, was Enochs fernes Bild verlor;
372
Denn unbestimmt schien Enoch wie ein Traum,
373
Ein Schattenbild, das man im Morgengraun
374
Am Ende einer Baumallee erblickt,
375
Und das entschwebt, der Himmel weiß, wohin.
376
Zehn Jahre flossen so ins Meer der Zeit,
377
Seit Enoch Herd und Vaterland verließ,
378
Und keine Nachricht kam von ihm nach Haus.

379
Ins Holz zum Nüssepflücken wollten einst
380
Mit andern Kindern Annies Kinder gehn,
381
Und Annie ging mit ihnen; da begehrten
382
Sie die Gesellschaft Vater Philipps auch.
383
Sie fanden ihn, der Arbeitsbiene gleich,
384
Bestaubt von weißem Mehl, und als sie sprachen:
385
»komm mit uns, Vater Philipp,« schlug er's ab;
386
Doch als die Kinder ihn am Ärmel zupften,
387
Lacht' er, und fügte gern sich ihrem Wunsch,
388
– War Annie nicht bei ihnen? – und ging mit.
389
Doch als sie halb die steile Dün' erstiegen,
390
Just wo des Haselholzes Saum zur Schlucht
391
Hinab sich neigt, verließ die Kraft sie ganz,
392
Und seufzend sagte sie: »Laß hier mich ausruhn.«
393
Zufrieden ruhte Philipp neben ihr,
394
Indes die Jüngern all' mit Jubelruf
395
Fortstürmten von den Ältern, und sich lärmend
396
Durchs helle Hasellaub hinunter stürzten
397
Zur Schlucht, und sich zerstreuten, das Gezweig,
398
Das widerstrebend schlanke, niederbeugend,
399
Die bräunlichen Büschel abzureißen, laut
400
Sich hier und dort ausrufend im Gehölz.
401
Als Philipp so an ihrer Seite saß,
402
Vergaß er ihrer Gegenwart, und dachte
403
An jene dunkle Stunde hier im Holz,
404
Da wie ein wundes Reh er in die Schlucht
405
Hinab gekrochen war; und endlich sagt' er,
406
Sein biedres Haupt erhebend: »Annie, horch,
407
Wie lustig sind sie drunten im Gehölz! –
408
Du bist wohl müde?« denn sie sprach kein Wort.
409
»recht müd'?« sie barg ihr Antlitz in die Hand.
410
Da fuhr er fort, halb ärgerlichen Tons:
411
»verunglückt ist das Schiff, für immer hin!
412
Nichts mehr davon! Wenn du ins Grab dich härmst,
413
So sind sie ganz verwaist.« Und Annie sprach:
414
»ich dachte daran nicht, doch – seltsam ist's –
415
So einsam fühl' ich mich bei ihrem Jubel.«

416
Philipp, ein wenig näher rückend, sprach:
417
»annie, es liegt mir etwas auf dem Herzen,
418
Und auf dem Herzen lag mir's schon so lang,
419
Daß endlich es heraus muß, wenn ich auch
420
Nicht weiß, seit wann es mich gedrückt. O Annie,
421
Es ist nicht möglich, nicht zu hoffen mehr,
422
Daß er, der fern zehn lange Jahre blieb,
423
Am Leben noch; wohlan denn! laß mich reden:
424
Es schmerzt mich, arm und hilfsbedürftig dich
425
Zu sehn, und helfen kann ich nicht nach Wunsch,
426
Wenn du nicht – Frauen, sagt man, fassen schnell –
427
Vielleicht verstehst du schon, was ich begehre –
428
Ich wünsche dich zur Frau. Ich wäre gern
429
Ein Vater deinen Kindern; lieben sie
430
Mich nicht wie einen Vater? weiß ich doch,
431
Daß ich sie liebe wie mein eignes Blut!
432
Und sieh, ich glaube, wärst du erst mein Weib,
433
Dann könnten wir nach all' den trüben Jahren
434
Der Ungewißheit noch so glücklich sein,
435
Wie Gott den Seinen es vergönnt. Bedenk' es!
436
Vermögend bin ich, unabhängig, frei
437
Von Sorgen, außer der um dein Geschick;
438
Wir haben uns von klein auf ja gekannt,
439
Und länger liebt' ich dich, als du es weißt.«

440
Annie erwiderte mit sanftem Ton:
441
»du warst ein Engel Gottes unserm Haus,
442
Gott segne, Gott belohne dich dafür
443
Mit einem Wesen, glücklicher als ich.
444
Vermag ein Mensch zum zweitenmal zu lieben?
445
Kann ich dich lieben, wie ich
446
Was ist's, das du begehrst?« – »Ich bin zufrieden,«
447
Versetzte Philipp, »wenn nach Enoch nur
448
Du mich ein wenig liebst.« – »Oh,« rief sie aus
449
Voll Bangen, »lieber Philipp, wart ein Weilchen!
450
Wenn Enoch kommt – doch Enoch kommt wohl nie –
451
Ach, wart ein Jahr, ein Jahr ist nicht so lang,
452
In einem Jahr werd' ich verständ'ger sein;
453
O, wart ein Weilchen!« Philipp sagte trüb:
454
»annie, da ich mein Leben lang gewartet,
455
Kann ich's auch länger noch.« – »Nein,« rief sie aus,
456
»du hast mein Wort, es sei – in einem Jahr!
457
Willst du nicht dein Jahr tragen, wie ich meins?«
458
Und Philipp sprach: »Ich will mein Jahr ertragen.«
459
Dann schwiegen sie, bis Philipp, aufwärts blickend,
460
Des hingeschiednen Tags erloschnen Strahl
461
Hinter dem Hünengrab verschwinden sah.
462
Den Tau für Annie fürchtend, stand er auf
463
Und rief mit lauter Stimm' ins Holz hinab.
464
Die Kinder kamen her mit ihrer Beute;
465
Dann schritten sie hinab zum Dorf, und dort
466
Vor Annies Tür gab er ihr sanft die Hand,
467
Und sagte: »Annie, als ich zu dir sprach,
468
War's deine schwache Stunde. Unrecht tat ich.
469
Ich bin dein eigen stets, doch du bist frei.«
470
Und Annie weint' und sprach: »Du hast mein Wort.«

471
Sie sprach's; und wie in einem Augenblick,
472
Indes sie nach wie vor ihr Haus bestellte,
473
Und noch sein letztes Wort im Ohr ihr klang,
474
Daß er sie länger liebe, als sie's wisse,
475
Verwandelte der Herbst sich wieder schon
476
Zum Herbst, und wieder trat er vor sie hin,
477
An ihr Versprechen mahnend. »Ist's ein Jahr?«
478
Frug sie. »Ja, wenn die Nüsse wieder reif sind,
479
Komm und sieh nach.« Doch sie vertröstet' ihn –
480
So viel sei zu besorgen – solch ein Wechsel! –
481
Vier Wochen noch – mehr fordere sie nicht –
482
Er hab' ihr Wort – vier Wochen, und nicht mehr.
483
Und Philipp sprach, indes im Aug' ihm trüb
484
Die lebenslange Sehnsucht glomm, und leis
485
Die Stimme bebte wie des Trunknen Hand:
486
»wähl' deine Zeit, Annie, wähl' deine Zeit.«
487
Vor Mitleid weinte Annie fast um ihn.
488
Und dennoch hielt sie stets ihn zögernd hin
489
Mit mancher kaum glaubwürdigen Entschuld'gung,
490
Versuchend seine Treue und Geduld,
491
Bis abermals ein halbes Jahr entschwand.

492
Nachgrad begann das müßige Dorfgeklätsch,
493
Das stets empört ist, wenn es sich verrechnet,
494
Zu zürnen, als sei Unrecht ihm geschehn.
495
Die einen dachten, Philipp spiele nur
496
Mit ihr; die andern, wenn sie spröde tue,
497
So sei's, um sichrer ihn ins Garn zu locken;
498
Und andre lachten sie und Philipp aus,
499
Als wüßten beide selbst nicht, was sie wollten;
500
Und Einer, dem im Hirn wie Schlangenbrut
501
Gift'ge Gedanken zischten, munkelte
502
Von Schlimmerm gar. Ihr eigner Sohn schwieg still,
503
Obschon sein Blick oft seinen Wunsch verriet;
504
Doch ihre Tochter drängt' und drängte sie,
505
Den Mann zu frei'n, der ihnen allen lieb,
506
Und von der Armut Joch ihr Haus zu retten.
507
Und Philipps Rosenwangen wurden fahl
508
Und bleich; und wie ein schwerer Vorwurf drückte
509
Dies alles sie.
510
Als sie in einer Nacht
511
Nicht schlafen konnte, betete sie brünstig:

512
»herr, gib ein Zeichen mir! Ist Enoch tot?«
513
Dann, eingeengt vom dunkeln Wall der Nacht,
514
Ertrug sie nicht der Ungewißheit Graus,
515
Sprang auf vom Bett und machte Licht sich an,
516
Ergriff verzweiflungsvoll das heil'ge Buch,
517
Schlug rasch es auf, ein Zeichen drin zu finden,
518
Und las das Wort, auf das ihr Finger traf:
519
»an einem Palmbaum.« Das war Nichts für sie,
520
Kein Sinn darin; sie schloß das Buch und schlief.
521
Und sieh! ihr Enoch saß auf einem Hügel,
522
An einem Palmbaum, über ihm die Sonne.
523
»tot ist er,« dachte sie, »und selig singt er
524
Hosianna in der Höhe; dorten scheint
525
Die Sonne der Gerechtigkeit, und dies
526
Sind wohl die Palmen, die das frohe Volk
527
Einstmals hernieder streute mit dem Ruf:
528
Hosianna in der Höhe!« Sie erwachte,
529
Entschlossen sandte sie zu ihm, und rief:
530
»es steht der Hochzeit nichts im Wege mehr.«
531
»gottlob!« versetzt' er, »dein- und meinetwillen,
532
Wenn du mich freien willst, laß es gleich geschehn.«

533
So wurden diese Zwei vermählt, und fröhlich
534
Erklang der Hochzeitsglocken Schall darein.
535
Doch fröhlich nimmerdar schlug Annies Herz.
536
Ein Schritt schien neben ihrem Pfad zu wallen,
537
Sie wußte nicht, woher; ein Flüstern hauchte
538
Ihr in das Ohr, sie wußte nimmer, was;
539
Auch blieb sie niemals gern allein zu Haus,
540
Und wagt' alleine niemals auszugehn.
541
Was fehlt' ihr doch, daß, eh' sie eintrat, oft
542
Die Hand so zögernd auf dem Türgriff weilte?
543
So angstvoll? Philipp glaubt' es zu verstehn:
544
Ihr Zustand ließ erklären solche Angst,
545
Sie war in Hoffnung. Doch als sie geboren,
546
War mit dem neuen Kind sie selbst erneut,
547
Die neue Mutter zog ihr in das Herz,
548
Ihr guter Philipp war ihr alles nun,
549
Und jene rätselhafte Ahnung starb. –

550
Und wo war Enoch? Glücklich fuhr dahin
551
Das Schiff »Fortuna«, ob auch in der Buch
552
Biscayas rauhe Winde, ostwärts stürmend,
553
Es schwer bedrohten; aber ungeschädigt
554
Glitt durch den Sommer es der Welt hinab,
555
Und dann nach einer langen Fahrt ums Kap
556
Bei häufigem Wechsel gut' und schlechter Winde
557
Durchfurcht' es noch einmal die Sommerwelt,
558
Allwo des Himmels Odem stetig blies,
559
Und sanft es trieb durchs goldne Inselmeer,
560
Bis es den Hafen fern im Ost erreichte.

561
Für eigne Rechnung kaufte Enoch dort
562
Seltsame Mißgestalten, wie der Markt
563
Zu jener Zeit sie gut bezahlte, auch
564
Für seine Kinder einen goldnen Drachen.

565
Glückloser war die Heimfahrt. Anfangs zwar
566
Erhob das busenüppige Schiffsbild sich,
567
Kaum schaukelnd, Tag für Tag, in stiller See
568
Über des Buges federkrausem Schaum;
569
Dann kam Windstille, wechselnde Winde dann,
570
Dann lange Zeit ganz widrige; und zuletzt
571
Ein Sturm, der sie in schwarzer Nacht verschlug,
572
Bis mit dem Angstruf: »Brandung!« fast zugleich
573
Ein Krach erscholl, und alle, bis auf Enoch
574
Und zwei Gefährten, in das Meer versanken.
575
Die halbe Nacht an schwimmendem Takelwerk
576
Und Balken fest sich klammernd, trieben sie
577
Gen Morgen hin zu einer reichen Insel,
578
Die einsam lag in einsam ödem Meer.

579
An Lebensunterhalt gebrach es nicht,
580
An saftigen Früchten, großen Nüssen, Wurzeln;
581
Und schier so zahm vor Wildheit war das Wild,
582
Daß hilflos fast es sich ergreifen ließ.
583
In einer seewärts blickenden Bergesschlucht
584
Erbauten dort sie eine Hütte sich,
585
Und deckten sie mit breiten Palmenblättern
586
Halb Hütte, Höhle halb. So weilten sie
587
In diesem Eden alles Überflusses,
588
Bei ewigem Sommer, schweren Herzens doch.

589
Denn einer, fast ein Knabe noch, der Jüngste,
590
Der in der Nacht des Schiffbruchs sich verletzt,
591
Starb hin, drei Jahre lang lebend'gen Tod.
592
Sie pflegten ihn. Nach seinem Heimgang fanden
593
Die andern einen sturmgefällten Stamm,
594
Und Enochs Kamerad, der unvorsichtig
595
Nach Indianerart mit Feuer ihn
596
Aushöhlte, sank, vom Sonnenstich ereilt,
597
Ins Grab, und Enoch blieb allein jetzt übrig.
598
In diesen beiden Todesfällen las
599
Er Gottes Mahnung: »Harre deiner Stunde!«

600
Den bis zum Gipfel waldbewachs'nen Berg,
601
Die Lichtungen, die hoch empor sich wanden
602
Gleich Pfaden, die zum Himmel aufwärts ziehn,
603
Der schlanken Palme hängenden Federbusch,
604
Des Käfers und des Vogels Strahlenschein,
605
Der langen Trichterwinden Farbenpracht,
606
Die um der mächt'gen Stämme Schaft sich rankten
607
Und bis zum Waldsaum liefen, all das Glänzen
608
Und Glühn des breiten Gürtelrings der Welt
609
Sah er; doch was er gern gesehen hätte,
610
Das sah er nie: ein freundlich Menschenantlitz,
611
Und statt der Menschenstimme liebem Ton
612
Vernahm er nur der Wasservögel Schrei,
613
Der Brandung Donneranprall an das Riff,
614
Das Rauschen riesiger Bäume, deren Laub
615
Und Blüten hoch im Blau verschwanden, oder
616
Das Brausen eines Waldbachs in das Meer,
617
Wenn er am Ufer hinschritt, oder taglang
618
Oft in der seewärts blickenden Bergschlucht saß,
619
Nach einem Segel spähend übers Meer.
620
Kein Segel Tag für Tag, doch jeden Tag
621
Des Sonnenaufgangs scharlachrote Pfeile
622
Zwischen den Palmen, Farn und Klippenreihn;
623
Das Glanzmeer auf den Wassern fern im Ost;
624
Das Glanzmeer auf der Insel ihm zu Häupten;
625
Das Glanzmeer auf den Wassern fern im West;
626
Die großen Sterne dann am Himmelsdom,
627
Das hohler brütende Meer, und wiederum
628
Des Sonnenaufgangs Pfeile – doch kein Segel!

629
Oft lag er dort so still auf seiner Wacht,
630
Daß Rast auf ihm die goldne Eidechs hielt.
631
Ein Traumbild, das gewebt aus vielen Träumen,
632
Stieg spukhaft vor ihm auf; oft auch beschwor
633
Er selbst gespenstig Leute, Stätten, Dinge,
634
Die er auf einer dunklern Insel einst
635
Gekannt, die fern jenseits der Linie lag:
636
Die Kinder, Annie und das kleine Haus,
637
Das Mühlengäßchen und den Heckenweg,
638
Den Taxus-Pfau, den alten Edelhof,
639
Den Schimmel und das Boot, das er verkauft,
640
Die finstre Düne, grauer Nebel Flor,
641
Sprühregen, den Geruch von welkem Laub,
642
Und leisen Klageton bleifarbner Flut.

643
Einst hört' er auch in seine Ohren klingen,
644
Zwar leis, doch lustig – weit, ach, weit entfernt –
645
Den Schall der Kirchenglocken seines Dorfs;
646
Da sprang er auf, er wußte nicht warum,
647
Ihn schauderte, und als sein Blick die schöne
648
Verhaßte Insel wieder vor sich sah:
649
O, wenn sein armes Herz sich nicht zu Dem
650
Gewendet, der allgegenwärtig ist,
651
Und keinen ganz verläßt, der zu ihm spricht,
652
Gestorben wär' er da vor Einsamkeit.

653
So über Enochs früh ergrauend Haupt
654
Zog Jahr für Jahr die Sonn'- und Regenzeit
655
Wechselnd dahin. Sein Hoffen, einst noch wieder
656
Die Seinen und die Heimatsflur zu sehn,
657
War noch nicht tot, als sein verlass'nes Los
658
Ein plötzlich Ende nahm. Ein andres Schiff,
659
Das Wassermangel litt, von seinem Kurs,
660
Wie die »Fortuna« einst, durch Sturm verschlagen,
661
Warf Anker bei dem fremden Eiland aus;
662
Denn da der Steuermann bein Tagesdämmern
663
Durch eine Lücke in dem Nebelflor
664
Den Waldbach still bergunter fließen sah,
665
So fuhr ein Boot mit einigen Mann zum Strand,
666
Die Wasser suchend mit Geschrei das Ufer
667
Erfüllten. Von der Bergschlucht niederstieg
668
Der Eremit mit langem Haar und Bart,
669
Braun, kaum ein Menschenbild, seltsam gekleidet,
670
Mummelnd und murmelnd wie im Blödsinn fast,
671
Mit unartikulierter Hast, durch Zeichen
672
Bedeutend, niemand wußte, was; doch wies er
673
Den Weg zu Strömen süßen Wassers bald;
674
Und als er zu den Leuten sich gesellt
675
Und ihren Reden horchte, ward gelöst ihm
676
Die lang gebundne Zunge, bis er endlich
677
Verständlich sich dem Schiffervolk gemacht.
678
Sie nahmen, als die Fässer sie gefüllt,
679
Ihn mit an Bord, und dort erzählt' er ihnen
680
In abgebrochnen Worten sein Geschick.
681
Unglaublich schien's zuerst, doch mehr und mehr
682
Horchten sie auf, verwundert und gerührt,
683
Und gaben Kleidung ihm und freie Fahrt.
684
Doch half er oft den andern, um die Last
685
Der Ungeselligkeit hinwegzuscheuchen.
686
Keiner von allen war aus seiner Gegend
687
Und konnt' auf seine Fragen Rede stehn,
688
Wenn er nach etwas frug, woran ihm lag.
689
Langweilig war die Fahrt und endlos fast,
690
Das Schiff seetüchtig kaum; doch immer flog
691
Sein heimkehrdurft'ger Geist dem trägen Wind
692
Voraus, bis er in trübumwölkter Luft
693
Wie ein Verliebter tief ins Herz hinab
694
Einsog den tauigen Wiesen-Frührauch Englands,
695
Der von dem bleichen Strande hergeweht;
696
Und alles Schiffsvolk legt' an jenem Tag
697
Sich selber eine Mitleidssteuer auf
698
Für den verlaßnen Mann und gab sie ihm;
699
Dann setzten sie im selben Hafen ihn
700
Ans Land, von wo er einstmals ausgefahren.

701
Kein Wort sprach Enoch dort zu irgendwem;
702
Heimwärts – zu welchem Heim? hatt' er ein Heim? –
703
Schritt er durchs Land. Schön war der Nachmittag,
704
Sonnig, doch kühl; dann wälzte von der See
705
Ein Nebel, durch die Schluchten angelockt,
706
An denen jene beiden Häfen lagen,
707
Sich auf, und hüllte ein die Welt in Grau,
708
Schnitt ab des Heerwegs Ende seinem Blick,
709
Und ließ ihn rechts und links nur schmale Streifen
710
Von Ackerland, Gehölz und Weide sehn.
711
Schwermütig pfiff auf blätterlosem Baum
712
Der Fink, und durch des Nebels feuchten Schwall
713
Sank raschelnd niederwärts das welke Laub.
714
Dicht troff der Nebel, schwärzer ward die Nacht;
715
Doch endlich schien ihm durch des Nebels Flor
716
Ein Licht zu blicken, und er war am Ort.
717
Die lange Straße dann hinunter schleichend,
718
Von Unheilsahnung trüb bewegt, den Blick
719
Gesenkt aufs Pflaster, kam er an das Haus,
720
Wo Annie einst gelebt und ihn geliebt,
721
Und wo in jenen sieben frohen Jahren
722
Sie ihm die lieben Kinderchen geschenkt;
723
Doch als er alles still und dunkel fand
724
(ein Anschlagzettel sagte, zum Verkauf
725
Sei ausgestellt das Hüttchen), schlich er weiter,
726
Und murmelte: »Tot, oder tot für mich!«

727
Er kam hinab zur kleinen Werft am Wasser,
728
Und sucht' ein Wirtshaus, das er einst gekannt,
729
Altmodisch aufgezimmert von Gebälk,
730
So wurmzernagt, baufällig, rings gestützt,
731
Daß er es kaum zu finden mehr verhoffte;
732
Doch nur gestorben war der Mann, der einst
733
Es hielt; und seine Witwe, Miriam Lane,
734
Führt' es mit täglich kärgerem Gewinn;
735
Einst lärmten hier Matrosen, jetzt war's still,
736
Und bot nur dann und wann ein Bett dem Wandrer.
737
Hier weilte Enoch schweigend manchen Tag.

738
Doch Miriam Lane war gut und schwatzte gern,
739
Sie setzte oft sich zu ihm, und erzählte
740
Ihm mit dem andern, was im Dorf geschehn,
741
Harmlos – denn Enoch war so braun, gebeugt
742
Und alt – die ganze Chronik seines Hauses:
743
Des Säuglings Tod, wie Annie bald verarmt,
744
Wie Philipp ihre Kinder jahrelang
745
Zur Schule sandte, wie er um sie warb,
746
Wie sie ihn lange hinhielt, ihre Heirat,
747
Und wie dann Philipps Kind geboren ward;
748
Und über Enochs Züge glitt kein Schatten
749
Und keine Regung; wer ihn so gesehn,
750
Der hätte wohl geglaubt, daß minder ihn,
751
Als die Erzählerin, ihr Wort berühre;
752
Nur als sie, Enochs denkend, endete:
753
»der Arme war verschollen und verloren«,
754
Schüttelt' er feierlich sein graues Haupt,
755
Und murmelte: »Verschollen und verloren!«
756
»verloren!« klang's ihm tief im Herzen nach.

757
Doch Enoch drängt's, ihr Angesicht zu sehn.
758
»säh' ich ihr liebes Antlitz wieder nur,
759
Und wüßte, daß sie glücklich!« Der Gedanke
760
Verfolgt' und quälte ihn, und trieb ihn fort,
761
Am Abend, als der herbstlich trübe Tag
762
Zu trübrer Dämmrung ward, hinan den Hügel.
763
Dort setzt' er sich, und blickte still hinab;
764
Dort stürmten tausend Bilder auf ihn ein,
765
Traurig, unsäglich traurig. Mählich lockte
766
Der trübe Schein behaglich trauter Glut,
767
Die fern aus Philipps Hinterhause glomm,
768
Ihn an, so wie die Leuchtturmflamme anlockt
769
Den Wandervogel, bis er toll drauf losstürzt
770
Und sein ermattet Leben dran zerschellt.

771
Denn Philipps Wohnung lag der Straße zu,
772
Das letzte Haus landeinwärts; doch dahinter
773
Zog sich, mit einer Heckentür ins Feld,
774
Ein Gartenviereck, sorgsam eingezäunt,
775
Und drinnen stand ein alter Eibenbaum
776
Mit immergrünem Laub, und ringsum lief
777
Ein Kiesweg, den ein Fußpfad quer durchschnitt.
778
Doch Enoch mied den Mittelsteig, und stahl sich
779
Den Zaun entlang bis an den Eibenbaum;
780
Und sah von dort aus, was er besser wohl
781
Gemieden hätte, wenn ein solches Weh,
782
Wie seins, ein »schlimmer« oder »besser« hat.

783
Denn auf dem blanken Tisch erglänzten Tassen
784
Und Silberzeug; so traulich war der Herd;
785
Und rechts vom Herde sah er Philipp sitzen,
786
Den einst verschmähten Freier seiner Frau,
787
Stramm, rosig, seinen Säugling auf dem Knie;
788
Und zu dem zweiten Vater beugte sich
789
Ein Mädchen nieder, eine jüngere,
790
Doch schlankre Annie Lee, mit blondem Haar
791
Und groß; es baumelte von ihrer Hand
792
An einer langen Schnur ein Ring herab,
793
Nach dem der Kleine mit den runden Ärmchen
794
Beständig griff, und doch ihn nimmer fing,
795
Und alle lachten; – links vom Herde sah er
796
Die Mutter, oft zum Kleinen hingekehrt,
797
Doch manchmal auch mit ihrem Sohne redend,
798
Der groß und stark an ihrer Seite stand
799
Und froh zu ihren Worten schmunzelte.

800
Als jetzt der auferstandne Tote sah
801
Sein Weib, nicht mehr sein Weib, und ihren Säugling,
802
Der nicht sein Kind war, auf des Vaters Knie,
803
Und all die Herzlichkeit, das Glück, den Frieden,
804
Und seine eignen Kinder, groß und schön,
805
Und jenen andern, der an seiner Statt
806
Sein Recht besaß und seiner Kinder Liebe, –
807
Da fühlt' er, ob auch alles Miriam Lane
808
Ihm schon erzählt, daß mächtiger der Anblick
809
Herzbrechender Dinge ist, als ihr Bericht,
810
Und taumelnd hielt er sich am Ast, aus Furcht,
811
Daß ihm entsetzensvoll ein Schrei entfahre,
812
Der wie der Donner des Gerichts im Nu
813
In Trümmer alles Glück des Hauses schmettre.

814
Er wandte drum sich leise wie ein Dieb,
815
Daß nicht der harte Kies verrät'risch knirsche,
816
Und längs des Zaunes sich hintastend, daß
817
Man nicht in Ohnmacht hingestürzt ihn finde,
818
Schlich er zum Heck, und öffnete und schloß,
819
So leise wie in einem Krankenzimmer,
820
Die Tür, und schritt hinaus ins freie Feld.

821
Dort wollt' er niederknien, doch seine Knie
822
Versagten ihm, und vorwärts stürzend grub er
823
Die Finger in das feuchte Erdreich ein
824
Und betete.
825
»es ist schwer zu tragen!
826
Was haben sie von dort mich weggeführt?
827
Allmächt'ger Gott und Heiland, der du mich
828
Auf meiner öden Insel aufrecht hieltest,
829
Halt aufrecht mich in meiner Einsamkeit
830
Ein Weilchen länger! Hilf mir, gib mir Kraft,
831
Ihr's nicht zu sagen, daß sie's nie erfahre.
832
Hilf mir, daß heilig mir ihr Friede sei.

833
Doch meine Kinder! Darf ich auch mit ihnen
834
Nicht reden? Keins von ihnen kennt mich ja.
835
Nein dennoch, nein! denn ich verriete mich.
836
Kein Vaterkuß dem Mädchen, das der Mutter
837
So gleich ist, noch dem Knaben, meinem Sohn!«

838
Und Sprache, Denken und Gefühl entwich,
839
Als hielt' ein Zauberschlaf ihn festgebannt.
840
Doch als er sich erhob und heimwärts ging
841
Nach seiner öden Wohnung, tief hinab
842
Die lange, schmale Straße, prägt' er es
843
Dem müden Hirn im Fürbaßwandern ein,
844
Als sei es der Refrain von einem Lied,
845
»ihr's nicht zu sagen, daß sie's nie erfahre.«

846
Er war nicht ganz unglücklich. Sein Entschluß
847
Und fester Glaube stärkt' ihn, und Gebet,
848
Das aus lebend'ger Willenskraft entfloß
849
Und durch die Bitternis der Welt emporquoll,
850
Wie Quellen süßen Wassers in der See,
851
Hielt ihn am Leben. »Diese Müllersfrau,
852
Von der Ihr spracht,« so frug er Miriam – »fürchtet
853
Sie niemals, daß ihr erster Mann noch lebt?«
854
»ach ja, die arme Seele, nur zu sehr!«
855
Versetzte Miriam; »sicher wär' es ihr
856
Ein Trost, wenn Ihr vielleicht ihr sagen könntet,
857
Daß Ihr ihn tot gesehn.« Und Enoch dachte:
858
»erfahren soll sie's, wenn der Herr mich rief,
859
Ich harre Seines Rufs;« und er begann,
860
Da er Almosen nicht erbetteln wollte,
861
Nach Arbeit sich am Hafen umzusehn.
862
Zu jedem Handwerk fast war er geschickt.
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Er war ein Böttcher und ein Zimmermann,
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Flocht Fischern Netze, oder half den Schiffern
865
Beim Laden und Entlöschen ihrer Bark,
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In der zum Strand sie Kaufmannswaren brachten.
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Und so verdient' er sich ein karges Brot.
868
Doch da er hoffnungslos für sich allein
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Nur schaffte, gab die mühevolle Arbeit
870
Ihm keine Lebenskraft; und als das Jahr
871
Vollendet seinen Kreislauf seit dem Tag,
872
An welchem Enoch heimgekehrt, befiel
873
Ihn eine schleichende Krankheit, die allmählich
874
Ihn schwächte und der Arbeit überhob,
875
Ans Haus, den Stuhl, und dann ans Bett ihn fesselnd.
876
Und Enoch trug sein Los mit heiterm Mut;
877
Denn froher sieht der Schiffer, der gestrandet
878
Auf ödem Riff, am Horizonte nicht
879
Das Boot, das rettungbringende, erscheinen
880
Durch Sturm und Brandungsschaum, als er den Tod
881
Ihm winken sah, das Ende alles Leids.

882
Denn eine Hoffnung dämmert' in ihm auf:
883
»wenn ich hinüber ging, mag sie erfahren,
884
Daß ich bis an mein Ende sie geliebt.«
885
Laut rief er Miriam Lane, und sagte: »Frau,
886
Es drückt mich ein Geheimnis – aber schwört,
887
Bevor ich's künde – schwört aufs heil'ge Buch,
888
Es zu bewahren, bis der Tod mich rief.«
889
»tod!« rief die gute Alte, »töricht Reden!
890
Ich sag' Euch, Mann, wir bringen Euch noch durch.«
891
»schwört,« herrschte Enoch streng, »aufs heil'ge Buch!«
892
Und halb erschreckt schwor Miriam auf das Buch.
893
Dann sprach er, und sein graues Auge ruhte
894
Auf ihr: »Habt Enoch Arden Ihr gekannt?«
895
»gekannt?« versetzte sie; »ja, doch entfernt.
896
Er kam die Straße manches Mal herab,
897
Erhobnen Haupts und scherte sich um keinen.«
898
Enoch versetzte trüb: »Nun ist sein Haupt
899
Gebeugt, und keiner schiert sich mehr um ihn.
900
Ich hab' wohl kaum drei Tage noch zu leben;
901
Ich bin der Mann.« Bei diesen Worten schrie,
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Ungläubig halb, halb ängstlich, Miriam auf:
903
»ihr Arden! – nein, um mehr als einen Fuß
904
War Arden größer.« Enoch sagte drauf:
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»mein Gott hat also mich herabgebeugt;
906
Die Einsamkeit, der Kummer brachen mich;
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Und dennoch bin ich der, der sie gefreit
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– Doch zweimal hat den Namen sie vertauscht –.
909
Ich freite sie, die Philipp Ray gefreit.
910
Hört zu!« Und dann erzählt' er seine Fahrt,
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Den Schiffbruch, sein vereinsamt Los, die Heimkehr,
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Wie er von fern auf Annie hingeschaut,
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Was er bei sich beschloß, und wie er's hielt.
914
Und als die Frau vernommen seine Mär,
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Entstürzte reichlich ihrer Tränen Strom.
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Indes im Herzen ihr die Sehnsucht nagte,
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Umher zu rennen in dem kleinen Dorf
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Und Enoch Ardens Leiden auszuschrein;
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Doch ihres Schwures scheu gedenkend, sagte
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Sie nur: »Seht Eure Kinder vor dem Tod!
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Laßt mich sie holen, Arden«, und sprang auf,
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Sie herzubringen stracks, denn Enoch schien
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Unschlüssig einen Augenblick, dann sprach er:
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»frau, stört mich nicht, so nahe meinem Tod,
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Laßt bis zuletzt mich meinen Vorsatz halten.
926
Setzt Euch, und merket auf und hört mich an,
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So lang mir Kraft zum Sprechen bleibt. Ich bitt' Euch,
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Wenn Ihr sie seht, so sagt ihr, daß ich starb,
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Sie segnend, für sie betend und sie liebend
930
Ja, von der Schranke abgesehn, die sich
931
Gebildet zwischen uns, so treu sie liebend,
932
Wie damals, als wir ruhten Haupt an Haupt.
933
Und meiner Tochter Annie, die so ganz
934
Der Mutter ähnlich ist, sagt ihr, daß ich
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Mit meinem letzten Hauch sie segnete.
936
Bringt meinen Segen gleichfalls meinem Sohn;
937
Und Philipp sagt, daß ich auch ihn gesegnet,
938
Denn immer hat er's gut mit uns gemeint.
939
Wenn meine Kinder, die mich lebend kaum
940
Gekannt, mich gern als Toten sehen möchten,
941
So laßt sie kommen, denn ich bin ihr Vater.
942
Mein Totenangesicht in Zukunft störe.
943
Ach, einer nur von meinem Fleisch und Blut
944
Wird mich umarmen dort in jener Welt;
945
Dies Haar ist sein; sie schnitt es ab und gab mir's,
946
Und all' die Jahre trug ich's auf der Brust,
947
Und dacht' es mitzunehmen in das Grab;
948
Doch anders denk' ich jetzt, ich werd' ihn sehn
949
Als sel'gen Engel; darum, wenn ich heimging,
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Gebt's ihr zurück, es mag ein Trost ihr sein,
951
Und als ein Zeichen wird's zugleich ihr gelten,
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Daß ich es bin.«
953
Er schwieg; und Miriam Lane
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Versprach mit so geläufiger Zunge alles,
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Daß er noch einmal strengen Blicks sie ansah,
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Und alles wiederholte, und noch einmal
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Gelobte sie's.
958
Die dritte Nacht darauf,
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Als Enoch bleich und reglos schlummerte
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Und Miriam, bei ihm wachend, eingenickt,
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Erscholl ein also laut Gebrüll vom Meer,
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Daß alle Häuser rings am Strand erbebten.
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Erwachend streckt' er seine Arme aus,
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Und rief mit lauter Stimm': »Ein Schiff! ein Schiff!
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Ich bin gerettet!« und mit diesem Wort
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Sank er aufs Bett zurück und sprach nicht mehr.

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So schied die starke, heldenmüt'ge Seele,
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Und selten sah ein stattlicher Begräbnis
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Das kleine Dorf, als da man ihn begrub.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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