1. Die Flucht vor dem Herren

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Otto Erich Hartleben: 1. Die Flucht vor dem Herren (1896)

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Es geschah des Herren Wort zu Jona:
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Mach dich auf und wandre in die grosse
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Ninive und predige darinnen
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von dem heiligen Zorne deines Gottes,
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denn es ist vor mich heraufgekommen
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ihre Bosheit, und ich will sie strafen.

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Aber Jona traute nicht dem Zorne
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seines Herrn und hörte nicht auf seine
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Stimme, sondern floh hinab zum Meere.
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Und da er ein Schiff fand, das bereit war,
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auf die hohe See hinaus zu steuern,
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gab er Fährgeld und bestieg es eilends –
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vor dem Herren auf das Meer zu flüchten!

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Doch da sandte Zebaoth die Stürme
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übers Meer, dass sich ein Ungewitter
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hochgewaltig aufhob aus der Tiefe,
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weisse Wellen rings das Schiff umstürzten –
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also, dass sie glaubten, es zerbräche.

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Furcht und Graun ergriff das ganze Schiffsvolk,
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und es schrie ein jeglicher zu seinem
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Gott. Sie warfen alle Lasten, Güter,
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das Geräte selber, das im Schiff war,
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über Bord. – Nur Jona war hinunter
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in das Schiff gestiegen – lag und schlief.

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Doch ihn weckte jetzt der Herr des Schiffes,
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trat zu ihm und sprach: Was schläfst du? Stehe
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auf und ruf auch du jetzt deinen Gott an:
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ob vielleicht er unser denken möchte,
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dass wir nicht verdürben. – Aber Jona
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wusste kein Gebet – er beugte schweigend
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seine Stirn und dachte seiner Sünde.

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Lasst uns losen! riefen da die Schiffer.
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Lasst uns losen, dass wir so erfahren,
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wer von uns es sei, um dessentwillen
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solches Übel unser Schiff betroffen,
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wem das Unheil gilt, das uns vernichtet.

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Und es fiel das Los und fiel auf Jona.

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Scheu zur Seite wichen da die Leute,
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und sie fragten: Sprich, warum geschieht uns
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Solches? Was ist dein Gewerbe? Woher
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kommst du, und von welchem Volke stammst du?
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Jona richtete sich auf und sprach:
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Ein Ebräer bin ich und den Herren
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Zebaoth, den Gott der Himmel fürcht ich,
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der das Meer gemacht und alles Trockne.

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Seines Wortes heiliger Diener war ich
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bis hierher. Er ist es, der uns heimsucht,
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und ich bin es, der vor ihm gefrevelt,
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denn es war an mich sein Ruf ergangen
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und ich bin mit euch zu Schiff gestiegen –
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vor dem Herren auf das Meer zu flüchten.
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Nehmet mich und werft mich in die Wogen,
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und das Meer wird vor euch stille werden,
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und des Sturmes Kehle wird vertrocknen.

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Doch die Leute scheuten sich und trieben
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heiss in Müh und Angst das Schiff zu Lande,
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immer wieder nach dem Hafen strebend,
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stets vergeblich – unerbittlich tobte
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wider sie mit Ungestüm das Meer.

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Da erhuben sie die Hände alle
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auf zu Gott und beteten und schrien:
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Herr, Herr! Lass uns nicht vergehn ob dieses
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einen Schuld! – Und sie ergriffen Jona:
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Herr, Herr! Rechne uns nicht zu unschuldig
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Blut! – Und warfen ihn hinab ins Meer.

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Sieh: da stand das Meer vor ihnen stille,
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schlief und rastete von seinem Wüten.
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Seiner Wasser Spiegel lag geglättet,
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und vertrocknet war des Sturmes Kehle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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