1
Wozu denn das ewige Sorgen,
2
lieb Mütterchen! gib es doch auf!
3
Sorgen macht alles nur schlimmer
4
und ändert doch nichts im Lauf!
6
möcht ich, daß froh du wärst
7
und nicht mit Gedanken um uns,
8
deine Kinder, das Herz dir beschwerst.
9
Du hast dich in deinem Leben
10
wahrlich genug gesorgt,
11
du gabest mit Zinseszins ihm
12
zurück, was es dir geborgt ...
13
Du bist bald siebzig Jahre
14
und mich dünkt, du hättest nun
15
nicht bloß ein Recht mehr, nein,
16
auch die Pflicht, dich auszuruhn.
17
Du trugest Leid und Schmerzen,
18
ohn daß sich ein Wort dir entrang,
19
du gingest mit schwerem Herzen
20
so manchen schweren Gang ...
21
und als der Vater erblindet,
23
du wurdest nie müde in treuer
24
frohwilliger Freudigkeit!
25
Nur als er dann starb, da freilich
26
wurde merklich weißer dein Haar,
27
doch deine Liebe zu uns
28
blieb so jung, wie sie immer war.
29
Und nun sind wir groß geworden
30
und wanderten in die Welt,
31
und ein jedes hat sich fürs Leben
32
sein gutes Ziel gestellt ...
33
Du aber, lieb Mütterchen, gib jetzt
34
dein Sorgen endlich auf,
35
Sorgen sieht alles nur schwärzer
36
und ändert doch nichts im Lauf!
37
Du weißt ja, wir haben niemals
38
Arbeit und Umtrieb gescheut,
39
wir haben, im Gegenteil, immer
40
uns jeglicher Mühe gefreut,
41
und wenn auch nicht alles ging,
42
wie man wünschte, es möchte gehn,
43
so blieb doch keines mutlos
44
oder müßig am Markte stehn.
45
Wir haben uns, Gott sei Dank,
46
immer selber zu raten vermocht,
47
und schlug auch vieles fehl,
48
hat uns doch nichts unterjocht.
49
Daß einem das Herz einmal schwer
50
und daß man weniger froh,
51
das will nichts heißen, Mutter,
52
das geht einem jeden so.
53
Man hätte mitunter ja manches
54
leichter und schneller erreicht,
55
wenn man weniger.. stolz gewesen
56
und rücksichtsloser vielleicht,
57
und wenn ... ja, ja, wenn du früher
58
nicht immer so abgewehrt,
59
wenn der Vater warnen wollte:
60
›güte hätte gar keinen Wert,
61
und Bescheidenheit und dergleichen
62
sei ja ganz schön fürs Haus,
63
draußen im Leben doch gälte
64
nur Vorteil und nur Faust!
65
Seid ohne Arg wie die Tauben,
67
aber: auch klug wie die Schlangen,
68
setze sie gleich hinterher.‹
69
Es hätte uns manche Enttäuschung
70
erspart und manche Gefahr ...
71
und doch, ich möchte nicht anders
72
gewesen sein als ich war,
73
denn auf die Dauer ist's doch nichts
74
mit allzuleichtem Gewinn ...
75
ich warte gern und möchte
76
nicht anders sein, als ich bin!
77
Aber drum laß auch dein Sorgen,
78
du weißt nicht, wie stark mein Arm!
79
wie zuversichtfröhlich und reich
80
mein Herz in der Brust und wie warm!
81
Und ob auch manche Blüte
82
von Wetterschlag verheert,
83
das Lied meiner Jugend hat mir
84
nicht Blitz, noch Frost zerstört!
85
und noch grüßt blaurotflammend
86
der Stern vom leuchtenden Pol,
87
wie damals vor Jahren, als ich
88
zum erstenmal sagte Lebwohl!
89
Nur zweifeln darfst du nicht, Mutter,
90
das nimmt die Zuversicht ...
91
und Siegvertrauen muß haben,
92
wer da im Kampfe ficht.
93
In lodernder Schönheit Prangen
94
liegt offen vor mir die Welt,
95
verkämpft ist und überwunden
96
was lang mir die Jahre vergällt,
97
die Ketten, die mich gebunden,
98
liegen zersplittert im Grund,
99
frei bin ich, Mutter, und stark
100
und freudig und jung und gesund,
101
und in goldenen Morgenfeuern
102
glänzt sonnenhell mein Ziel ...
103
und wer sich so stark fühlt, Mutter,
104
für den ist Kampf nur Spiel!