Venusine thront im Himmel, wo sie jüngstes Gericht hält und den Liebesdichter Dauthendey an ihre

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Max Dauthendey: Venusine thront im Himmel, wo sie jüngstes Gericht hält und den Liebesdichter Dauthendey an ihre (1892)

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Brennend brannte Sonne
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Auf die Weinbergmauern,
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Selbst die Steine konnten
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Einem schwitzend dauern.

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In dem juliblauen
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Himmel standen Wolken
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Weißgedeckt zu schauen,

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Weißgedeckt wie Tische,
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Die auf Gäste warten.
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Dauthendey, der Dichter,
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Sah's von seinem Garten.

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Nahm vom Stall den Schimmel,
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Den er täglich reitet,
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Sprengte in den Himmel.

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Sah der Erde Väter
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An den Tischen schmausen;
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Aßen, tranken, lachten
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Ohne lange Pausen.

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Biblische Gesichter
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Grüßten ihn gar höflich,
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Ihn, der Liebe Dichter.

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Venusine selber,
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Frei von Kleid und Schleppe,
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Rannte ihm entgegen
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An der blauen Treppe.

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Fiel ihm in die Arme,
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Lacht mit vollen Backen
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Frei von Trän' und Harme.

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ȟber Deinem Garten
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Deckten wir die Tische.
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Alle Speisen warten,
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Suppe, Omelett', Fische,

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Kaviar und Kapaunen.
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Und die Musikanten
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Rufen mit Posaunen.

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Siehst Du Adam, Moses,
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Abraham und Aron?
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Siehst Du Homer, Dante,
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Goethe und auch Charon?

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Heut ist ›Jüngst's Gerichte‹.
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Deshalb kommt man nämlich, –
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Flott wird die Geschichte.

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Seit der Teufel neulich
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Schnell aus Lieb gestorben,
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Hat er samt der Hölle
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S' Himmelreich erworben.

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Himmlisches Gelichter,
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Platz«, ruft Venusine,
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»platz für meinen Dichter!«

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Dauthendey muß sitzen
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Ihr zur rechten Seite,
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Er, der schon sein Lebtag
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Um die Venus freite.

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Teufel sitzt zur Linken.
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Venus, Teufel, Dichter
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Dutzen sich und trinken.

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Venusine drückte
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Unterm Tisch die Zehen
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Beiden von den Gästen –
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Liebe mußt' entstehen.

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Lange konnt's nicht dauern,
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Ward die Luft zu enge
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Selbst in Himmelsmauern.

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Teufel eifersüchtig
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Ließ sich gar nichts merken.
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Dauthendey, erstickend,
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Mußt' am Wein sich stärken.

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Die vom Testamente,
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Von dem alt und neuen,
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Sagten: »Prost Entente!«

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Venusin verlegen
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Küßte ihren Dichter.
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Teufel lachte vorne,
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Hinten schnitt er G'sichter.

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»bin ich nicht gestorben
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Jüngst erst Dir zu Liebe
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Und jetzt unverdorben?«

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Also fragte leise
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Teufel Venusine.
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Diese aber teuflisch
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Lacht mit Himmelsmiene:

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»unter uns gesprochen
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Hast Du einst nach Schwefel
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Besser mir gerochen.

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Teufel, warst mir lieber,
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Wie Du noch am Leben
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Wilder als ein Wilder,
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Die nicht Gnade geben.

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Heute hier im Himmel
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Lieb ich mehr den Dichter,
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Mehr selbst seinen Schimmel.«

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Zornig ward der Teufel
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Über alle Maßen.
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Wollte gerne wettern,
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Aber selbst das Hassen,

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Das ihm gut gestanden
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Unten in der Hölle,
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Kam ihm jetzt abhanden.

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Gütig war der Böse
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Gar nicht zu erkennen;
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Ängstlich von der Tafel
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Tat er weiterrennen,

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Ängstlich aus dem Saale
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Fort von allen Guten,
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Fort vom Liebesmahle.

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An der blauen Treppe
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Stand des Dichters Schimmel.
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Diesen stiehlt der Teufel,
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Reitet aus dem Himmel.

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Seine Wege münden
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Wieder auf die Erde,
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Will dort Höllen gründen.

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Und dort wird er Zensor,
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Der den Dichter bindet,
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Kritikus daneben,
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Der die Haut ihm schindet.

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Bis er davon müde,
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In dem Reichstag sitzet
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Und plaidiert fürs Prüde.

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Aber alle Leiden,
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Die der Teufel dichtet,
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Nicht dem Menschen schaden,
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Der zur Venus flüchtet.

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Venus wird erlösen
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Alle ihre Dichter
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Von den Prüden, Bösen.

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Venus hat den Vorsitz
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An den Himmelstischen,
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Tut auch ihrem Liebling
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Selbst den Mund abwischen.

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Gar nichts muß er müssen,
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Läßt den Teufel fluchen,
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Darf die Venus küssen.

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Kommt man in den Himmel,
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Fragt Dich ins Gesichte
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Venusin, als Richter
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Von dem Weltgerichte:

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»tat Dein Blut auch lieben
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Echt und ohne Logik?
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Dann wird dageblieben.

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Hast Du's nicht gelernet,
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Dann nochmals auf Erden
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Mußt zum echten lieben
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Du geboren werden.

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Dann zurück zur Erde,
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Lerne Feuer fangen,
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Wie die Dichterpferde!

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Feurig ohn' Gedanke
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Nimm Unmöglichkeiten!
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Herzen sattelfester
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Als Gehirne reiten.

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Nicht mit Kritik-Miene
153
Schau aufs Ideale,
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Sonst flieht Venusine.«

155
Lebt jetzt wohl ihr Menschen,
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Die ihr dies gelesen!
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Ist euch manches fettig
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Und zu fett gewesen,

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Schleckt euch eure Hände.
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Von dem Venusreime
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Ist jetzt dies das Ende.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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