Die Teufelsballade vom Teufel ausgesonnen, um Venusine zurück zu gewinnen

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Max Dauthendey: Die Teufelsballade vom Teufel ausgesonnen, um Venusine zurück zu gewinnen (1892)

1
»am dritten Morgen nach Christi Tod
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Boten zwei Frauen im Garten
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Einander den ersten Morgengruß:
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Maria, die Schwester des Lazarus,
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Und Magdalen, die viel geliebt,
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Der Christus den Ehebruch vergibt.

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Die Frauen reichten sich stumm die Hand.
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Sie hatten nie einander gesehn,
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Doch Zwei, die zum selben Grabe gehn,
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Die werden schnell einander verwandt.

11
Maria erschien mir wie eine Braut,
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Die Liebe auf den Sternen sucht,
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Doch ihres Blutes Wärme mißtraut.

14
Ich fragte die Frauen: »Ihr wollt zum Grab?
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Ich komme und wälze den Stein Euch ab.«
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Sie dankten sich neigend. Wir gingen zur Gruft.
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Der Garten ward süß von Hochzeitsluft.
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Die Blumen erkannten Magdalen schnell,
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Und die Bäume wurden wie Fackeln hell.

20
Und Rosen waren wie Kohlenglut,
21
Nie habe ich Rosen so rot gesehn. –
22
Doch plötzlich fühlt ich nicht mehr mein Blut,
23
Und still war's, als sollte ein Wunder geschehen.

24
Ich sah, wie Maria zum Rosenstrauch kam,
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Einen Dornenzweig, der sie am Kleide nahm.
26
Sie schrie, wie ein Mensch im Schlaf aufschreit, –
27
Ihre Augen die höhlten sich tief und weit.

28
Sie rief die Rosen wie Leute an:
29
»ihr wißt es alle, kommt nur heran!
30
Sein Blut erwürgt' ich, ich elendes Weib.
31
Kein Herz, eine Eule hab ich im Leib.

32
Statt ihm die Lippen zum Kuß zu geben,
33
Statt die Stunden in seinem Arm zu leben,
34
Nahm ich zum Buhlen einen eisigen Wahn –
35
Ich stachelte Christus zum Sterben an.

36
Ich saß in der Tür und wir sprachen von Gott –
37
O, wie schien mir sein Mund wie die Herdflamme rot! –
38
Ich saß in der Tür und ich lud ihn nicht ein,
39
Ich machte meine Brüste zu Türmen aus Stein.

40
Meine Arme lagen mir tot in dem Schoß,
41
Mit Gedanken umschlang ich ihn kalt und groß.
42
Nie lief mein Herz mit mir davon,
43
Ich nannt ihn statt Liebster mein – Gottes Sohn«.

44
Maria fiel zu den Rosen hin:
45
»o, fühlt, rief sie weinend, wie kalt ich bin!
46
O, Rosen gebt mir mein Mädchenblut!
47
Wie weh euer Rot meinen Augen tut!
48
Ich hab meinen Gott zum Leichnam gemacht, –
49
Der Tod schläft bei mir nun jede Nacht.«

50
Maria weint und der Garten wird laut.
51
Magdalena kniet bei ihr: »Sei still seltne Braut!
52
O, Tröste Dich schnell, er wollte kein Weib,
53
Hatte Zeit nie zum süßesten Zeitvertreib.
54
Dein Kuß hätt ihm nicht den Tod genommen,
55
Durch mich ist der Tod über Christus gekommen.

56
Längst erwählte mein Blut sich den kühlen Mann
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Und schlich sich begehrend an ihn heran.
58
Ich sagte, ich wollte die Sünden büßen –
59
In Wahrheit trieb es mich ihn zu küssen.

60
Ich verkaufte Schmuck und mein bestes Gewand,
61
Nur daß ich die teuerste Narde erstand.
62
Den Geliebten zu salben, trat ich ins Haus, –
63
Mit Fluch in den Zähnen sprang ich hinaus.

64
Ich drängte mich ein in der Gäste Schar
65
Und öffnete weit mein prunkendes Haar.
66
Schön war ich, daß ich mich Keinem mehr gönnte,
67
Nur ihm den die keuscheste Kühle krönte.

68
Den Fuß ihm zu küssen, der schlank und weiß –
69
Wie eine Hand war der Fuß, – ich sehnte mich heiß,
70
Ich küßte ihn auch – teuflischer Genuß!
71
Ich fluche noch jetzt diesem eisigen Fuß.

72
Ich rieb seine Knöchel mit meinem Haar
73
Und küßte ihn drunter mit einer Schar
74
Von Küssen, jeder ein Liebesdorn –
75
O, noch in Erinnerung schüttelt mich Zorn!

76
Der Fuß stand still, wie einer Schale Gestell,
77
Und Christus' Stimme sprach deutlich und hell:
78
»weib, Deine Sünden sie seien vergeben,
79
Da Du viel geliebt in Deinem Leben!«

80
Ich schlug mein Haar zurück, hob mein Haupt:
81
»wer hat es Dir, der nie liebte, erlaubt
82
Zu künden, daß ich Sünderin bin?
83
Ich bin Weib, Du aber warst niemals Mann!
84
Ich klag' Dich der größten der Sünden an!
85
Du tötest das göttlichste seligste Gut,
86
Du würgst das Verlangen im Fleisch und Blut.«

87
Mein Blick, der sagt' es ihm Wort bei Wort,
88
Ich selber schwieg und ging bitter fort.
89
Und später, da rief ich: »Kreuziget ihn!
90
Verächter der Frauen, Dir wird niemals verzieht!«

91
»doch heute da komm' ich aus Neugier her,
92
Er will auferstehen am Dritten, so sagte er.«

93
Die Andere zuckt, wie von Feuer getroffen,
94
Sie zeigt in den Garten – das Grab steht offen.

95
Beim Eingang der Gruft: liegt eine Gestalt.
96
Sie eilen und finden ein lächelnd Gesicht,
97
Eine Frau, die stirbt, und die Hand ist schon kalt,

98
Als ob von den Bäumen die Blätter schweben,
99
So legte sie Worte hin mit fliehendem Leben.
100
»meinem Herz, meinen Augen ist wohl geschehen!
101
Ich sah Dich neulebend Geliebter gehen!
102
Dein Mund war Freude im Morgenrot,
103
Die Freude gibt mir den köstlichsten Tod!«

104
Die Frau lächelt heimlich; als würde sie wach
105
Und sieht den Wolken am Himmel nach.

106
Eine Alte tritt klagend nah zu uns hin –
107
Die Mutter vielleicht, vielleicht Dienerin,

108
Spricht: »Schaut, sie hat Nächte betend durchwacht,
109
Ihr zärtlich Herz hat ein Wunder vollbracht!
110
Sie ist des Pontius Pilatus Weib
111
Und tötet aus Liebe zu Christus den Leib.

112
Zur Zeit, da Christus gefangen lag,
113
Bat sie um Gnade Nacht und Tag.
114
Pilatus fragt endlich: »Liebst Du ihn?« –
115
Und gab dann Christus dem Henker hin.

116
Sie hat ihn noch einmal im Traum gesehn
117
Und tot dann und schwor, er soll auferstehn.

118
Sie rief zu dem Gott der Leben gibt:
119
›o, Gott erhöre dies Blut das liebt!
120
Dem Toten gib Atem und mir seinen Tod!
121
Es mache mein Herz seinen Mund wieder rot.
122
Halt' mir im Auge das Lachen ein,
123
Und leg es ihm in die Hände hinein!
124
Es schein' meine Jugend aus seinen Wangen!
125
Und ist ihm das Grab wieder aufgegangen,
126
Und fragt er, wer ihn so eifrig liebt,
127
So sagt: eine Magd, wie es Tausend gibt.‹

128
Und heut in der Nacht, da geschah ein Schlag,
129
Sie, die noch jammernd am Estrich lag,
130
Sie lacht unter Tränen: ›Mein Herz hat's getan!
131
Es öffnet das Grab dem geliebten Mann.‹

132
Zugleich war im Hof ein großes Geschrei,
133
Man rief, daß Christus erstanden sei.
134
Ich hielt die Tür bis der Lärm verlief.
135
Dann eilten wir hin, sie suchte, sie rief,
136
Hob sich auf die Zehen, als habe sie Flügel. –
137
Die Sonne ging auf dort hinter dem Hügel ...«

138
Die Alte stottert, Schmerz stürzt ins Gesicht,
139
Schmerz, der ihr die Stimme aufschluchzend zerbricht

140
Die Sterbende lächelt und hebt ihren Arm –
141
Noch einmal werden die Lippen ihr warm.
142
Sie spricht von der Lieb und dem Tod berauscht,
143
Als ob sie Gespräche mit Wolken tauscht:

144
»einmal da hab ich im Traum Dich gesehn
145
Und wollte nicht mehr aus dem Traume gehn.
146
Im Haus war es schwül. Unterm Epheubaum
147
Da schlief ich und fand Dich Geliebten im Traum.

148
Wir tanzten zärtlich im Wiesengrund
149
Und ruhten in einem reichen Gezelt.
150
Die Herzen pochten uns Mund auf Mund,
151
Nur allein die Liebe war auf der Welt ...

152
Es kam Dein Bild, wie der Mond an die Wand
153
Gab Küsse und Lächeln und Frieden und schwand.«
154
Der Tod tritt dunkelnd zur Sterbenden hin:
155
»wird es Abend?« fragt sie, »wie glücklich ich bin.«

156
Magdalen' und Maria verbergens Gesicht,
157
Ich weiß nicht mehr, welche zur Toten spricht:
158
»du wußtest wie selig es ist zu leben!
159
Du einziges Weib hast Liebe gegeben.

160
Doch wen nur Gedanken asketisch lenken,
161
Der muß die Venus im Fleische kränken.
162
Denn Herzen dürfen nur zu zwein
163
Ins große Paradies hinein.« –

164
»seht«, sprach ich darauf mit festlichem Blick,
165
Und ich warf mein Haupt wie ein Gott ins Genick,
166
»er, der die Seele allein nur pries,
167
Verscherzt' wie der Teufel ein Paradies.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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