Venusinens Morgenspaziergang auf der Via Appia unter unschuldigen Gräberbewohnern

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Max Dauthendey: Venusinens Morgenspaziergang auf der Via Appia unter unschuldigen Gräberbewohnern (1892)

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Auf der Appiastraße,
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Wo die Grabruinen
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Manchen armen Leuten
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Als Behausung dienen –

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Und das Gras, als Futter
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Ihren Ziegenherden, –
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Lebten Sohn und Mutter.

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Auf dem Grabhauf steckten,
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Gleich wie ein Paar Ohren,
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Ein Paar Fensterläden.
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In zwei Eisenrohren

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Und in den Zypressen
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Sang nachts der Schirokko
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Wie in Feueressen.

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Sohn und Mutter liebten
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Sich wie Ehegatten.
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Nie des Sohnes Lippen
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Je geküßt sonst hatten.

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Eifersüchtig wachte
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Über ihn die Mutter,
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Nur an sie er dachte.

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Saß er bei den Herden,
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Fuhren reiche Fremde
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Oft an ihm vorüber.
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Er in Hos' und Hemde

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Hat sie nie beneidet,
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Denn wer liebt, vor Allem
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Niemals Mangel leidet.

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Prachtvoll war die Mutter,
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Konnt' sich lassen sehen.
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Doch auch sie tat niemals
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Unter Menschen gehen.

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Lebte bei den Toten,
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Die verbotner Liebe
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Straflos Obdach boten.

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Doch nicht so die Menschen,
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Die in Nachbargräbern.
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Machten sich zu Rächern
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Und zu Schandangebern.

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Einer sprach zum Andern:
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Sohn und Mutter müßten
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Ins Gefängnis wandern.

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Doch die Mutter holte,
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Ums Gerücht zu stillen,
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Eine Frau dem Sohne
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Gegen beider Willen.

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Und sie riet ihm düster:
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»nimm das Weib, denn schweigen
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Muß jetzt das Geflüster!

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Bleibst mir trotzdem weiter
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Herz- und Bettgenosse.
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Größer wächst nur immer
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Meine Lieb, die große.

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Laß die Menschen neiden!
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Köstlich im Geheimen
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Schmeckt die Lust uns beiden.«

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Eifersucht kommt früher,
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Als man glaubt gekrochen.
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Härter als Gedanken
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Sind des Fleisches Knochen,

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Zu dem jungen Weibe
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Fühlte bald die Mutter
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Haß im ganzen Leibe.

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Und sie wollte gehen,
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Wollt' den Sohn verlassen.
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Da begann auch dieser
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Still sein Weib zu hassen.

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Mocht sie nicht mehr rühren.
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Schrie: eh' woll' er sterben,
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Als dies Weib noch spüren.

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»glücklich war man früher.
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Pfeifend bei den Herden
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Lag ich, wie die Sonne,
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Leidlos auf der Erden.

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Mutter, zum Verderben
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Ward's Gered' der Leute!
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Mutter, ich will sterben!«

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»sohn, Dein Bett auf Erden
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Muß auf Gräbern stehen!
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Willst nach Rom du schauen,
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Mußt durch Gräber sehen.

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Sollst mir niemals sterben!
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Doch Dein Weib im Hause
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Lebt uns zum Verderben.«

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In der Nacht da scharrten
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Sohn und Mutter, beide,
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Schweigend eine Grube
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In der nahen Heide.

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Legten jene nieder,
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Die sie leicht erschlagen –
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Und sind glücklich wieder.

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Keiner hat's gesehen,
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Und doch ist ein Deuten
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Bald nach ihrem Hause
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Unter Nachbarsleuten.

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Stets man lauter munkelt,
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Und die Lust zu köpfen
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Aus den Augen funkelt.

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Doch die Mutter fürchtet
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Nicht mehr das Gelichter.
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Stolz legt sie zum Sohne
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In der Nacht sich dichter.

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Ruft: »

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Und bald holt man Beide
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Aus dem Bett im Grabe.
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»richter!« sprach die Mutter,
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»meine einz'ge Habe

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War die Lieb' zum Sohne,
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Dem ich Weib gewesen; –
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Den Geliebten schone!

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Ja, ich hab gemordet,
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Denn ich wollte lieben.
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Jedem steht sein eigen
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Schicksal vorgeschrieben.

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Furchtbar ist das meine.
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Die Natur schafft Lüste, –
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Das Gesetz kennt keine.

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Und die Urteil' töten
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Leichter als die Hände.
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Dem Gesetzbuchstaben
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Ich mein Blut verpfände.

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Schont den Sohn des Leibes!
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Hört die Stimme einer
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Mutter – und des Weibes!«

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Doch das Urteil zeigte
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Vorerst kein Erbarmen.
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Vom Schaffott empfangen
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Und von Henkersarmen

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Dort erst, am Gerüste,
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Kam dem Sohn die Gnade; –
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Nur die Mutter büßte.

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Lächeln auf den Lippen
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Ging sie hin zum Beile.
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Süß schien ihr das Leben
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Noch die kurze Weile.

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Hab geliebt, genossen –
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Dacht' sie, »und kann sterben«.
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– Hat ihr Aug geschlossen ...

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Wenig Jahre später
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Auf der heißen Heide,
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Trieb der Sohn die Ziegen
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Wie zuvor zur Weide.

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Hat es fast vergessen
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Mord und Todesurteil,
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Als wär nichts gewesen.

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Just an jenem Tage,
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Da mit Sonntagmiene
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Aus dem Appiatore
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Wandelt Venusine,

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Nahm der Bursch ein Bräutchen.
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Wieder zwischen Gräbern
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Liebten sich zwei Leutchen.

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Amor zeigt es Venus
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Auf den Zehenspitzen,
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Daß in einem Grabturm
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Junge Leutchen sitzen,

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Die sich erst gefunden,
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Sich im Schoße liegen
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Ohne Zeit und Stunden.

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Ein Leib stillt dem Andern
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Brünstig die Gelüste.
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Sie beißt seinen Nacken,
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Er beißt ihre Brüste.

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Kühl im Grab sie liegen;
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Draußen in der Hitze
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Springen Bock und Ziegen.

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Amor und die Venus,
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Jeder süß erschauert:
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»mutter, seit heut morgen
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Hab' ich zugemauert.

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Merken tat's nicht Einer,
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Brachte ihnen Essen, –
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Wundern tut sich Keiner.«

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Wirklich war der Eingang
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Vor dem Grab geschlossen
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Mit antiken Krügen
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Und mit Broten, großen.

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Wein war in den Krügen.
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Braut und Bräut'gam tranken
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D'raus in tiefen Zügen,

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Aßen auch vom Brote.
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Venus lacht im Stillen.
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»die«, spricht sie, »sind Götter,
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Haben ihren Willen.

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So war auch die Erde
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In den Adamstagen
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Sorglos von Gebärde.«

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»
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Flüstert eine Stimme,
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»des
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Pracht doch hat auchs

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Mit Verstand genossen
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Sind schön Gut und Böse,
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Selbst wenn Blut geflossen.«

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Und die Stimme malte
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Blutrot aus dem Blauen
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Jenes Burschen Jugend. –
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Venus sieht mit Grauen

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Mord an seinen Händen
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Und die Lust der Mutter,
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Lust einst seinen Lenden.

202
Sieht das große Wehe,
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Das wie's Gute waltet,
204
Und aus Schmerz und Tragik
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Schönheit sich gestaltet.

206
Sieht blutschändend küssen
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Sohn und Mutter beide,
208
Weil die Herzen müssen.

209
»teufel«, sprach die Venus,
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»bist mir nachgeschlichen!«
211
»göttin,« sprach der Teufel,
212
»ich bin nie gewichen.

213
Bin im Geist daneben,
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Wo uns eint Int'resse,
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Kann mich nicht fortheben.«

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Venus rief: »Vor allem
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Bist Du Mann der Männer!
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Und als Frau bewundre
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Ich den Lebenskenner.

220
Stets sind Energien
221
Eine Lust dem Weibe, –
222
Drum sei Dir verziehen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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