Venusine wird Frau eines Sergeanten, wobei sie

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Max Dauthendey: Venusine wird Frau eines Sergeanten, wobei sie (1892)

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Venus wandelt nächtlich
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Draußen bei Kasernen,
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Dirnenhaft gekleidet,
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Unter den Laternen.

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Fähnrich und Sergeanten
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Sich mit Säbelrasseln
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Fleißig nach ihr wandten.

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Und bald folgt ihr Einer
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In die Seitengassen,
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Drückt ihr fest die Hüften,
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Kann sie nicht mehr lassen.

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Venus war nicht böse,
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Freut sich seiner Hände
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Und des Schnurrbarts Größe.

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Ehrlich sind Soldaten,
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Weil sie gradaus lieben,
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Deshalb ist die Venus
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Auch bei ihm geblieben,

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Tat mit Lust sich schenken
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Jede Nacht von Neuem,
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Ohne jed' Bedenken.

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Der Sergeant bald sagte:
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Nie mehr wollt er scheiden.
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Heirat wär das Beste
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Zwischen ihnen beiden.

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Venus, unter Lachen,
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Freut sich seiner Treue
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Und tat Hochzeit machen.

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Beim Kasernenhofe
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Öffnet Venusine,
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Als die Frau Sergeantin,
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Eine Schnapskantine

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Und lebt ohne Wolke
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Lustig so drei Tage
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Beim Soldatenvolke.

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An dem dritten Abend
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Macht, zur Mittnachtstunde
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Der Sergeant im Hause
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Noch einmal die Runde,

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Als er in den Kellern
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Gläserklingen hörte
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Und Geräusch von Tellern.

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»venusine!« rief er;
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Ist ans Bett geschlichen.
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Doch das Bett stand einsam –
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Venus war entwichen.

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Der Sergeant, der blasse,
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Eilt und sieht im Keller
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Zwei bei einem Fasse.

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Eine Kerze brannte.
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Venus saß im Schooße
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Einem Mann. Sie tranken.
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Er war ohne Hose,

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Ohne West' und Kleider.
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Der Sergeant, er stolpert
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Und verrät sich leider.

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Fluchend richtet er sich
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Wieder auf die Beine.
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Da stand Venus vor ihm
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Lächelnd und alleine,

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Ihr Besuch verschwunden. –
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Nur der Teufel hatte
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So schnell fortgefunden.

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»stirb!« schrie ohn' Besinnen
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Der Sergeant betrogen.
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Und er hat den Säbel
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Wütend blank gezogen.

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Venus, immer lächelnd,
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Lächelt unerschrocken,
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Mit dem Hemd sich fächelnd.

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Der Soldat verwundert
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Läßt den Säbel sinken,
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Weil der Venus Reize
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Unterm Hemd ihm winken.

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Doch nicht gleich zu Willen
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Ist er heut der Dame,
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Stürzt erst fort im Stillen.

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Schließt sie ein im Keller
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Und läßt Venus warten.
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Gräbt ein Loch im Dunkeln
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Draußen in dem Garten,

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Schlägt ein Kreuz darüber –
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Und geht dann von Neuem
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Zu der Liebe über.

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Hebt sie auf die Arme,
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Wirft sie auf ihr Lager.
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Liebt sie wild inbrünstig;
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Sein Gesicht wird hager,

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Blutleer seine Miene.
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Leib an Leib im Lieben
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Würgt er Venusine.

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Als ihr Leib sich streckte
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In der Todesstarre,
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Schneidet er ein Löckchen
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Noch von ihrem Haare,

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Trug sie dann zum Garten,
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Wo die Hände zärtlich
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In die Erd' sie scharrten.

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Tiefe Trauer zeigt er,
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Doch zeigt keine Reue,
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Legt sich auf sein Lager
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Und schläft ein aufs Neue.

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Venus aber, lächelnd,
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Ist zurückgekommen,
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Wieder hemdenfächelnd;

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Legt sich ihm zur Seite,
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Sprach: »Du hast gelitten,
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Männlich Dich benommen!
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Will dich darum bitten:

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Diesen Leib, den schenke
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Ich Dir lebend wieder, –
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Ewig an mich denke!«

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Und sie läßt zur Seite
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Eine Frau ihm liegen,
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Schön, wie sie die Menschen
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Nie auf Erden kriegen,

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Gleich dem Venusbilde, –
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Macht die Nacht vergessen
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Und verläßt ihn milde.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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