Venusinens Nachtabenteuer im Kolosseum bei der Katze Schmeichelspeichel und im Palatinum

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Max Dauthendey: Venusinens Nachtabenteuer im Kolosseum bei der Katze Schmeichelspeichel und im Palatinum (1892)

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Spät im Mondscheintaumel
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Wandelt Venusine
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Durch des Kolosseums
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Alte Prachtruine,

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Geht durch Mondscheinflecken
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Über Steinkadaver,
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Die voll Zeiten stecken.

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In der Kaiserloge,
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Wo einst Neros Tatze
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Auf der Brüstung spielte,
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Saß da eine Katze.

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Sie war vor Jahrtausend
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Stolz in Rom Hetäre; –
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Heute Mäuse mausend.

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Venus sie zu kosen
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Streichelt ihren Rücken.
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Doch wer kannte jemals
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Aller Katzen Tücken!

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Pfauchend bös in Miene
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Beißt die Katz den Daumen
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Ab der Venusine.

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Wüchs er nicht der Göttin
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Neu nach kurzer Weile,
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Wär' sie nicht mehr Venus
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Gleich nach dieser Zeile.

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Doch er wuchs ihr wieder. –
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Staunend drückt die Katze
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Zu die Augenlider. –

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»sag was dich so kränkte
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Daß Du mich gebissen?«
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Fragte Venusine
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Jene aufs Gewissen.

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Diese nur miaute
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Und sich als Hetäre
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Nicht sofort vertraute.

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Denn die Katze fürchtet
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Nichts so sehr auf Erden,
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Als heut unter Menschen
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Nochmals Mensch zu werden.

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Schwieg darum verlegen,
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Ließ sich nur mit Mühe
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Zu der Red' bewegen.

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»schmeichelspeichel heiße
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Heut' ich unter Katzen.
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Wohn' im Kollosseum,
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Wo mich Mäuslein atzen.

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Mäuslein sind wie Christen,
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Die schon vor dem Tode
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Dunkelleben fristen.

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Saß im Kolosseum.
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War – ich darf mir's trauen,
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Heut noch laut zu sagen –
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Göttin unter Frauen.

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Nero selbst, der Kaiser,
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Sprach bei meinem Eintritt
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In die Loge leiser.

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Einen jungen Tiger
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Hatt' ich aufgezogen.
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Diesem Tiere war ich
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Inbrünstig gewogen.

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Niemand ich mehr brauchte,
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Sprang er auf mein Lager,
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Und sein Zunglapp rauchte.

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Bei den Venusspielen,
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Wo man auch auf Frauen
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Geile Tiere hetzte,
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Wollt der Kaiser schauen

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Meinen jungen Tiger
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Über alle Bestien
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Als des Tages Sieger.

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Herrlich war die Hitze,
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Wie mein Tiger tötet'
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Bären und die Löwen
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Und mit Blut sich rötet.

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Doch die Jungfrau'n rührte
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Er nicht an am Kleide,
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Weil sein Herz mich spürte.

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Wohl gab's leises Murren,
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Als er sich nicht regte,
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Ohne Liebesregung
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In die Sonn' sich legte,

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Und die Jungfrau'n schonte,
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Auf zur Loge blinzelt,
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Wo ich Beifall lohnte.

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Wenn ein Tier nicht hörte,
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Mußt' man's töten lassen.
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Niemand dachte diesmal
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Den Entschluß zu fassen.

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Alles klatscht aufs Neue,
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Lacht nach meiner Loge,
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Gratuliert zur Treue.

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Nur der Sitte wegen
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Sprangen Gladiatoren
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Hin zu meinem Tiger,
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Faßten seine Ohren.

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Schauten nach der Mitte
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Auf die Kaiserloge,
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Denn auch das war Sitte.

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Hob sich Nero's Daumen,
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Hieß das: laßt ihn leben!
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Senkt' er ihn, so konnte
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Man den Tod gleich geben.

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Doch auch Vesta's Frauen
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Hattens Recht der Daumen –
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Nie war dort zu trauen.

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Nero hebt den Daumen
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Und entläßt den Tiger.
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Beifall brüllts Gebäude
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Meinem flotten Sieger.

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Doch ich mit Erbleichen
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Seh': die Priesterinnen
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Gebens Todeszeichen, –

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Senken ihre Daumen, –
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Und die Schwerter blinken.
115
Wie ein Lamm so schuldlos
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Mußt' mein Tiger sinken.

117
Einen Schrei zerknicke
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Ich im Halse, stürze,
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Brech' mir das Genicke.

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Kann's noch nicht vertragen,
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Heut nach Tausend Jahren:
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Fühl' ich einen Daumen
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Über meinen Haaren,

124
Weckt mich Brunst zum Tiger,
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Den ich einst umhalste, –
126
Ewig bleibt er Sieger.«

127
»schmeichelspeichel, höre:
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Trugst Du niemals wieder
129
Seit den Heidenzeiten
130
Neue Menschenglieder?

131
Dieses möcht' ich fragen,
132
Wenn Erinnerungen
133
Deine Ruh nicht plagen?«

134
»ach, die neuen Zeiten,«
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Sprach gedehnt die Katze,
136
Und sie schnitt zum Monde
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Spuckend eine Fratze,

138
»sind nicht das auf Erden.
139
War noch einmal Menschin,
140
Möcht's nicht nochmals werden.

141
Saß in Hintergassen,
142
Nicht mehr in Palästen.
143
Sittenpolizisten
144
Jetzt die Luft verpesten.

145
Und die Lieb' konnt' nimmer
146
Niemals richtig blühen,
147
Ängstlich war man immer.

148
Niedrig war mein Wirken.

149
Und ich stahl mir Leben,
150
Wie und wo ich konnte;
151
Eckel saß daneben.

152
Eckel vor den Menschen
153
Hat mich nicht verlassen,
154
Die den Leib, der liebte,
155
Spotteten und hassen.

156
Leidenschaft tat fehlen.
157
Heut die ärmsten Leute
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Brüsten sich mit Seelen.

159
Konnte nie mehr lieben.
160
Unter meinen Gästen
161
War ein Offizierlein,
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Einer von den Besten.

163
Ohne mir's zu sagen,
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Tat er'n Abschied nehmen –
165
Konnt' mich doch erst fragen.

166
Kommt da eines Abends
167
Ohne Epauletten,
168
War Zivil geworden, –
169
Nichts war mehr zu retten.

170
Sagte:
171
Daß sein Weib ich würde,
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Schied er von dem Degen.

173
Nichts war mehr am Menschen,
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Als er seine Seele
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Ohne Schneid und Degen
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Anbot mit Gequäle.

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Kannte nie die Frauen,
178
Die erst auf die
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Dann auf

180
Hat sich auch erschossen –
181
Gleich sind sie beim Tode –
182
Flüchten in die Gräber.
183
Allgemein ist's Mode.

184
Früher nur die Schlemmer
185
Gift zum Nachtisch nahmen –
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Jetzt tut's jeder Krämer.«

187
Venus hört nicht länger,
188
Was die Katze wußte,
189
Weil ihr Ohr in Spannung
190
Anderm lauschen mußte.

191
Durch die Nacht drang Schreien
192
Nah vom Palatinum,
193
Wie ein Kampf von Zweien.

194
Eine Mädchenstimme,
195
Eines Mannes Toben,
196
Und die Sterne zittern
197
In dem Himmel oben.

198
Scheu durch die Ruinen
199
Flieht die Römerkatze
200
Fort von Venusinen.

201
Alle Quadern kriegen
202
Menschliche Gesichter,
203
Und sie alle rücken
204
Unterm Moose dichter.

205
Venusine ahnte,
206
Daß sich dort ein dunkel
207
Schicksal Wege bahnte.

208
Mond hing wie die Perlen,
209
Welche Tränen bringen,
210
Überm Sack des Dunkels,
211
Drinnen Schreie ringen.

212
Venus eilte schneller
213
Zum Palatiumhügel,
214
Der ein Haufen Keller.

215
Fiebrig stinkt dort Erde
216
Unter Mosaiken,
217
Die wie bunte Augen
218
Toter Freude blicken.

219
Wo einst Duft von Ölen
220
Und von Narden rauchte,
221
Stehn verpestet Höhlen.

222
Venus sucht und findet
223
Nur vom Kampf die Schreie.
224
Selbst dem Götterauge

225
Kämpfen, denkt die Venus,

226
Jeder Gott auf Erden
227
Und auch Götterfrauen
228
Können Unsichtbarstes,
229
Sichtbar machend, schauen.

230
Ebenso der
231
Der sich ehrlich schindet.

232
Um sich je zu zeigen.
233
Und von jeher eigen.

234
Über ihr Bestehen
235
Oft die Götter zweifeln,

236
Venus sucht und findet,
237
Wo der Kampf statthatte,
238
Von der armen Psyche
239
Was vom Feigenblatte.

240
Und auf einem Sockel
241
Lag vom Teufel schneidig,
242
Heil auch, das Monokel.

243
»fräulein!« schrie der Teufel,
244
»anstand hatt' ich leider.
245
Trug zum Stelldicheine
246
Strikt hier meine Kleider.

247
Wenn sie ohne gehen,
248
Weckt das meine Wollust –
249
Was sollt' sonst geschehen?«

250
Darauf schrie die Psyche:
251
»alles ist gelogen!
252
Hab mich für die Schönheit
253
Einzig ausgezogen.

254
Sie sind eben wilder,
255
Leben nur dem Fleische,
256
Nicht für Kunst und Bilder.«

257
»teufel!« schrie der Teufel,
258
»wenn Sie mich doch kennen,
259
Wundert's mich im Stillen,
260
Daß Sie nach mir rennen!«

261
»bin ich Kuh mit Eutern
262
Die man packt?« schrie Psyche.
263
»nur Dich wollt' ich läutern!«

264
»nun von Ihren Eutern
265
War nicht viel zu merken.
266
Nicht mal eine Fliege
267
Könnte sich dran stärken.

268
Schönheit soll nicht leiden:
269
Werde mich jetzt läutern
270
Und mich auch entkleiden.

271
Wenn die Damen nackend
272
Für die Kunst einstehen,
273
Warum sollen Männer
274
Häßlichkeit begehen?

275
Männerbrust und Nacken
276
Können auch erbauen. –
277
Soll ich mehr auspacken?«

278
Keine Worte darauf
279
Von der Psyche lauten.
280
Heimlich ist sie worden,
281
Nur die Tränen tauten.

282
Dies der Venus wegen,
283
Die sie jetzt entdeckte:
284
Die macht sie verlegen.

285
Venus hat den Teufel
286
Endlich hier gefunden.
287
Psyche wollt's verhindern
288
Seit Millionen Stunden.

289
Psyche ward es inne:
290
In die offnen Arme
291
Flog ihm Venusine.

292
Als er'n Rock ablegte,
293
Konnt ihn Venus sehen.
294
Herrlich tat der Nackte
295
Auf Ruinen stehen,

296
Nackend im Palaste,
297
Wo er gleich den Göttern
298
Vor Jahrtausend' praßte.

299
Psyche seufzt zum Monde,
300
Der sie zu sich holte,
301
Kam nie mehr zur Erde,
302
Weil sie nicht mehr wollte.

303
Doch an Venusine
304
Freute sich der Teufel
305
Mit entzückter Miene.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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