Venusinens nackter Spaziergang in Mailand

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Max Dauthendey: Venusinens nackter Spaziergang in Mailand (1892)

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Venus kam zum Süden
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Und verließ die Wagen,
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Die sie unterhaltend
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Mailand zugetragen.

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Spät noch durch die Straßen
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Ging sie durch den Regen,
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Mußt' die Schlepp' hochfassen.

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Eckehardt und Amor
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Sahen unterdessen,
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Wie die Bernhardiner,
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Als ob nichts gewesen,

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Wieder Menschen waren,
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Tadellos in Haltung,
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Mit frisierten Haaren.

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Venusine machte
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Mailand fast verlegen.
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Müde tat die Dame
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Still ihr Kleid ablegen.

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Ganz als Göttin handelnd,
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Unterm Schirme nackend,
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Geht sie dort lustwandelnd.

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Dunkelheit und Regen
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Sind ihr sehr gewogen,
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Haben undurchdringlich
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Sie der Welt entzogen.

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Einsam, ungesehen
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Kann sie in den Straßen
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Nackend sich ergehen.

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Zu dem großen Dome
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Kommt sie abends heiter.
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Auf dem Platz, gußeisern,
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Steht ein Standbildreiter.

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Dieser möcht' sich rühren,
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Zuckt in allen Nieten,
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Venus zu entführen.

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»noch ist nicht die Stunde!«
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Venus winkt hinüber,
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Und die Liebessehnsucht
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Geht ihm schwer vorüber.

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»erst,« ruft sie verstohlen,
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»muß ich hier noch spaßen,
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Dann sollst du mich holen!«

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Duft aus Venushaaren
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Und von Venusbrüsten
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Fühlten auf den Straßen
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Alle, die gern küßten.

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Ruchbar wird die Fährte
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Einer Götterdame,
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Die von höchstem Werte.

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Und ganz Mailand mußte
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Mit gehobnen Nasen
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Venus Spur nachgehen,
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Keiner konnt' sie fassen.

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Stadtherr und auch Bauer
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Rochen Feurigkeiten;
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Alle fühlten Schauer.

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Macht es der Schirokko,
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Daß das Pflaster glühet?
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Jeder zu erklären,
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Sich erhitzend mühet.

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Niemand kann es lösen.
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Klärt sich's nicht im Guten,
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Löst man es im Bösen.

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An der Glaspassage
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Stehen unter Hungern
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Ein Paar arme Dirnen,
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Brot sich zu erlungern.

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»s'ist der Dirnen Rühren,«
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Rufen Liebestolle,
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»das wir brennend spüren!«

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Alle, die es sehen,
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Wie die Dirnen leiden,
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Alles spürt ein Hungern
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In den Eingeweiden:

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»alle reichen Drohnen
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Sollen heute teilen,
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Die im Golde wohnen.

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Stürmt! Sie sollen bluten!
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Sengt und brennt mit Morden!
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Wir, wir tragen Hunger
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In der Brust als Orden.

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Rottet Euch zusammen!
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Werft sie wie die Ketzer
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In des Hungers Flammen!«

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Es beschwört die Hitze
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Bilderspuk in Wüsten.
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»auf zum Paradiese!«
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Schreit's aus dürren Brüsten.

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Dürstend nicht nach Minne,
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Morden sie mit Brennen, –
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Blaß flieht Venusine.

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Venusine schaudernd,
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Funken in den Haaren,
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Sieht die Stadt voll Wölfe
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Und voll Raubtierscharen.

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Menschen wie Hyänen
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Über Leichen springen,
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Blutdurst in den Zähnen.

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Häuser rot wie Blumen
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Schon voll Feuer glühen.
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Venusine flüchtet
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Nach dem Dom mit Mühen.

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Erst beim Eisenreiter
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In dem Eisensattel
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Wird sie breit und heiter.

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Dieser faßt sie zärtlich,
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Kürzt des Pferdes Zügel.
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Venusin umhalst ihn,
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Er rückt fest im Bügel.

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Setzt, – es ist 'ne Freude
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Solchen Ritt zu sehen, –
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Hoch aufs Domgebäude.

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Als ob's Marmor regnet,
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Steht in Zack und Strahlen
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Mailands Dom auf Erden
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Sehr zum Wohlgefallen.

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Über Schnörkel, Spitzen
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Sprengt der Reiter zierlich,
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Ohne sich zu ritzen.

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Oben angekommen
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Auf der höchsten Platte,
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Venusine wilde,
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Blut'ge Tiefsicht hatte.

124
Rot voll Menschenmaden
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Platzen die Paläste
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Drunten wie Kaskaden.

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»ach,« rief Venusine,
128
»lieber Eisenritter,
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Minne wollt ich bringen,
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Man versah sich bitter.

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Seht, auch Mord will's geben!
132
Hunger ist die Allmacht
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Nächst der Lieb im Leben.

134
Ihr allein von Allen
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Konntet mich erspähen.
136
Euer Eisenauge
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Kann im Dunkeln sehen.

138
Will auch nichts verschieben;
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Drunten dieses Morden
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Sei Musik beim Lieben!«

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»herrin Venusine,«
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Sprach der Eisenreiter,
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»trag Euch gern durch Feuer,
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Und trag Euch noch weiter.

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Wollt Euch an mich schmiegen,
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Mir die Lippen geben,
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Könnt mich ganz verbiegen.

148
Wohl bin ich aus Eisen,
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Bin nicht rostgefressen,
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Nur beim Guß, o Herrin,
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Hat man eins vergessen:

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Man wollt' nicht markieren,
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Daß ich männlich fühle,
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Tat sich furchtbar zieren.

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Meist bei Standesbildern,
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Die zur Jetztzeit Mode,
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Will man ganz vergessen,
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Daß geliebt der Tote.

159
Seine Lebensstärke
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Darf kein Weib erhitzen.
161
Falsch geht man zu Werke.«

162
Traurig kommt die Frage
163
Göttin Venusinen:
164
Wozu Standesbilder
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Sonst auf Plätzen dienen?

166
Wenn sie Männlichkeiten
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Ganz geschlechtlos zeigen
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Und verflacht den Zeiten?

169
Schmach erfüllt den Ritter,
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Der im Leben bieder
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Gern die Frauen herzte.
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Leere drückt ihn nieder,

173
Nichts dünkt ihm mehr munter.
174
Venus bleibt im Sattel,
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Er stürzt sich hinunter.

176
Venus schließt die Augen,
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Gibt dem Gaule Flügel.
178
Tauscht mit Mailands Mauern
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Romas sieben Hügel.

180
Früh sieht sie vom Pferde
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Schon Sankt Peters Kuppel
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Und der Dächer Herde.

183
Wo sie einst Verehrung
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Fand in allen Tönen,
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Hofft sie mit den Menschen
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Endliches Versöhnen.

187
Sie kann kaum noch danken,
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Ihrem Eisenhengste
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Schmelzen schon die Flanken.

190
Wiehernd kann er sprechen,
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Fleht und wünscht zum Lohne,
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Daß er Mensch jetzt würde
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Und in Häusern wohne.

194
»ach, ich muß besorgen,
195
Du wirst gern mal wieder,
196
Dich als Pferd verborgen.

197
Mensch«, spricht Venusine,
198
»dies zu sein, erlaube,
199
Lohnt sich am geringsten
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Heutzutage, glaube!«

201
Doch er tat beharren, –
202
Da macht Venusine
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Zweifüßig den Narren.

204
Hoch tat er stolzieren
205
Dieser Gaul vor Allen;
206
Tat als Mensch gar eitel
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Sich im Herz gefallen,

208
Trug 'ne Reisemütze,
209
Spiegelt seine Neuheit
210
Gern in jede Pfütze.

211
»höre,« spricht die Göttin,
212
»wird es Dir zum Bösen,
213
Daß du Mensch geworden,
214
Kann es Dich erlösen:

215
Grüßt Du eine Stute,
216
Macht sie Dich zum Hengste,
217
Frei vom Menschenblute.

218
Wirst wie einst die Eltern,
219
Gehst auf Deinen Hufen,
220
Bist ein Pferd wie jene,
221
Die Dich einst erschufen.

222
Troll jetzt Deiner Straßen!
223
Hätt zum Dank Dich lieber
224
Gleich als Pferd belassen.«

225
Venusine eilet,
226
Daß sie ihm entschwindet.
227
An dem Hauptbahnhofe
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Sie's Gefolge findet.

229
Amor unter Küssen,
230
Eckehardt in Sorgen,
231
Kommen sie zu grüßen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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