Venusinens Toilette, Schuhe, Korsette und Leberflecken

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Max Dauthendey: Venusinens Toilette, Schuhe, Korsette und Leberflecken (1892)

1
Prächtig sind die Tiere,
2
Die nichts sündig finden,
3
Leben ihrer Liebe,
4
Sterben und verschwinden.

5
Eitler doch als Pfauen
6
Sind die Menschenseelen
7
Und verbreiten Grauen.

8
Götterdämm'rung herrschte
9
Auf der Erde Trachten,
10
Denn die Götter konnten
11
Keinen Mensch mehr achten,

12
Hielten sich verborgen,
13
Nahmen mit die Freuden, –
14
Seufzen blieb und Sorgen.

15
In dem Hörselberge
16
Saß Frau Venusine
17
Tausend Jahr in Tränen
18
Und mit müder Miene.

19
Endlich aber fühlte
20
Sie die Zeit gekommen,
21
Die die Nacht fortspülte.

22
Alte Sitt' und Weisen
23
Gehen dann in Sprüngen,
24
Wenn die Götter kreisen
25
Und sich selbst verjüngen.

26
Denn auch ihrer Dauer
27
Liegt der Tod am Wege,
28
Sitzt die Zeit als Mauer.

29
Blühend unter Schmerzen
30
Schrie Frau Venusine:
31
»menschen, tote Tiere
32
Seid ihr ohne Minne!

33
Geist macht kaltes Dürsten.
34
Euch gilt heut die Liebe
35
Gleich den Pferdfleischwürsten.

36
Kindlich seid ihr Menschen,
37
Kindlich im Erfinden.
38
Denn ihr wollt die Liebe
39
Durch die Tinte binden.

40
Leidenschaften werden
41
Täglich unbequemer
42
Und gehaßt auf Erden.

43
Leidenschaftlich lobten
44
Mich einst frohe Heiden.

45
Selbst könnt ihr euch fluchen;
46
Schon im Mutterleibe
47
Darf euch Fluch aufsuchen.

48
Habt gar viel erfunden.
49
Machtet selbst euch schlechter.
50
Habt die Sünd' erdichtet.
51
Ihr, des Lebens Aechter,

52
Wollt auch Schuld einimpfen
53
Schon den Embryonen,
54
Unschuld bös beschimpfen.

55
Aber neue Zeiten
56
Treten unter Waffen.
57
Frei will sich die Freude
58
Neu bei euch erschaffen.

59
Bös nicht und nicht besser
60
Gleich den anderen Tieren,
61
Seid ihr, Bratenfresser. –

62
Söhnchen Amor, höre:
63
Rot wie eine Hummer
64
Schießt Du Dich nur müde,
65
Machst die Pfeil' nur krummer.

66
Wirf ihn fort den Bogen!
67
Mit Maschingewehren
68
Komm vor's Herz gezogen.

69
Menschen tragen Panzer-
70
Platten unter Hemden,
71
Drunter da verlachen
72
Dich die Unverschämten.

73
Siehe, wie Verbannte
74
Lebten wir im Berge
75
Von der Welt Verkannte!

76
Laß uns unter Leute
77
In die Städte gehen!
78
Zu lang man sich scheute
79
Uns ins Aug zu sehen.

80
Immer nur in Träumen
81
Sangen wir verborgen
82
Und in Gartenbäumen.

83
Nur wie Duft der Blumen
84
Die zum Frühling kamen,
85
Gar zu zart und süßlich
86
Wir uns stets benahmen.

87
Offen will ich streiten,
88
Leibeslust will leben,
89
Zeit verschiebt die Zeiten!

90
Eckehardt, Getreuer,
91
Wächter vor dem Bösen,
92
Laß nach Tausend Jahren
93
Deine Wach ablösen!

94
Hast den Berg behütet
95
Tausend Jahr vor Argem,
96
Sei mit Huld vergütet!

97
Sei verjüngt, und folge
98
Ohne graue Falte
99
Uns hinaus zum Berge,
100
Laß im Berg das Alte!

101
Trage jungen Scheitel,
102
Laß die weißen Haare,
103
Und werd' etwas eitel.«

104
»ja, wir wollen reisen«,
105
Sprach verjüngt der alte
106
Eckehardt, der Treue,
107
Mit der Denkerfalte.

108
»herrin, der ich diene,
109
Viele Dich vergaßen,
110
Zeig Dich Venusine!

111
Auch der Barbarossa
112
Stieg schon vom Kyffhäuser.
113
Heute hinter Bergen
114
Wohnen nur Duckmäuser.

115
Deine roten Schleier
116
Lüfte Venusine,
117
Trag die Hüften freier!«

118
»ja, getreuer Wächter,
119
Fest bin ich entschlossen,
120
Will zu Menschen gehen,
121
Die mich schwer verdrossen,

122
Die mich froh einst lobten
123
Und dann gegen alle
124
Fleischeslüste tobten.

125
Diese armen Menschen
126
Will ich jetzt beglücken.
127
Ohne Leibesliebe
128
Geht die Seel' in Stücken.

129
Ich will nicht mehr bangen
130
Vorm Verstand der Zwerge
131
Und vor seinen Zangen.

132
Will mal Rom aufsuchen,
133
Wo man mich verstoßen;
134
Wo man einst aus Wollust
135
Tötete mit Rosen.

136
Möglich, daß ich finde
137
Dort noch eine Größe,
138
Der ich mich verbinde.

139
Erst will ich mich kleiden
140
Gleich den Menschenfrauen,
141
Die heut in den Städten
142
In die Welt sich trauen.

143
Auch sind stolze Kleider,
144
Trotz der Götterwürde,
145
Keinem Weib zur Bürde.«

146
»herrin Venusine,
147
Kleider, die verbergen
148
Mängel nur und reizen
149
Unter Menschenzwergen.«

150
So sprach wie die Alten
151
Eckehardt der Junge,
152
Konnt' den Mund nicht halten.

153
»eckehardt, viel weiser
154
Hast Du sonst geraten.
155
Kleider sind die Sauce
156
Schmackhaft bei dem Braten.

157
Jederzeit bei Damen
158
Waren Kleider nötig,
159
Das gehört zum Rahmen.

160
In den Tausend Jahren,
161
Die ich hier versonnen
162
In dem Hörselberge,
163
Hab ich's ausgesponnen.

164
Ja, sogar das Schnüren
165
Soll die Venus leiden,
166
Gilt es zu verführen.

167
Enger sind nicht Kleider
168
Als die Einsamkeiten
169
In dem Hörselberge,
170
Die mir Qual bereiten.

171
Soll mal was geschehen,
172
Muß man nicht nur kritisch
173
Drauf herniedersehen.

174
Bringt mir alle Dinge,
175
Die ein Weib heut zieren!
176
Alles will ich tragen,
177
Nichts soll mich genieren.«

178
Zofe Melusine
179
Naht beim Wink der Wimper,
180
Dient mit kluger Miene.

181
Bringt zuerst die Schuhe,
182
Doch die haben Tücken.
183
Ach, von hundert Paaren
184
Will nicht Eines glücken.

185
Keines will recht sitzen.
186
Zof' und Göttin zerren,
187
Zof' und Göttin schwitzen.

188
Venus Füßen waren
189
Klein noch die Enormen,
190
Und man mußte extra
191
Neue Schuhe formen.

192
Füße leicht sich breiten,
193
Trug man nur Sandalen
194
Seit den Ewigkeiten.

195
Eckhardt konnt' die Trauer
196
Nicht gleich überwinden,
197
Als der Herrin Füße
198
In den Schuh'n verschwinden.

199
Nachdenklich im Gehen
200
Starrt' er sonst versunken
201
Auf der Göttin Zehen.

202
Konnt' sich dran durch Stunden
203
Wie an Röslein weiden,
204
Doch jetzt litt sein Auge
205
Hühneraugenleiden.

206
Stets doch blieb der Alte,
207
Eckehardt der Junge
208
Mit der Denkerfalte.

209
Melusine brachte
210
Spitzen aus den Städten,
211
Die auch höchste Damen
212
Gern getragen hätten.

213
Doch die seidnen Faden
214
Kitzeln sehr die Göttin,
215
Wie ein Nest von Maden.

216
Niemals man je besser
217
Eine Frau frisierte,
218
Als klein Amor selber
219
Die Mama toupierte.

220
Still hält sie ohn Klagen,
221
Trug bald Nadeln, Kämme
222
Und auch Haareinlagen.

223
Zofe Melusine
224
Schnürt sie auch ins nette
225
Fischgebeinte schlanke
226
Seidene Korsette.

227
Eckehardt erbittert
228
Flucht auf seidne Kerker,
229
Drin man sich vergittert.

230
»herrin, Deine Brüste
231
Werden noch zwei Wunden
232
Hinterm Fischbeingitter
233
Lebst Du keine Stunden.«

234
Kaum hat er's gesprochen
235
Kracht schon das Korsette,
236
Hing geknickt zerbrochen.

237
Wie zwei Füllen sprangen
238
Venusinens Brüste
239
Bei dem ersten Atem
240
Durchs Gebeingerüste.

241
Auch ein neues Mieder
242
Tat nicht lange halten,
243
Leicht knickt sie es nieder.

244
Bis man ihr die Büste
245
Faßt in Draht und Banden,
246
Und die wilden Brüste
247
Sich gelähmt dreinfanden.

248
Strumpfband und auch Kragen,
249
Hutnadeln und Hüte
250
Lernte sie zu tragen.

251
Venusin studierte
252
Auch die Umgangsbücher,
253
Lernt mit Gabeln essen
254
Und braucht Taschentücher.

255
So ward sie zur
256
Bei der Hemdabnahme.

257
Eins nur macht ihr Sorge:
258
Kaum ist sie entkleidet,
259
Seufzt sie, daß sie nirgends
260
Ach, an Fehlern leidet.

261
Nirgends sitzt ein Flecken
262
Irgendwo am Leibe,
263
Nichts kann sie entdecken.

264
»und ich will nicht besser
265
Als die Erdenfrauen
266
Mich in Männernähe
267
Fleckenlos getrauen.

268
Dieses wär wie Tadel
269
Schwachen Menschenkindern,
270
Und ich halt auf Adel.«

271
Doch die Zofe meinte:
272
»göttin seid Ihr eben!
273
Göttern ist nicht zugleich
274
Menschliches gegeben.

275
Was sollten bezwecken,
276
Herrin Venusine,
277
Schwarze Leberflecken?«

278
»wisse,« spricht die Göttin,
279
»zu viel Reinheit blendet,
280
Daß das Alltagsauge
281
Sich dann abseits wendet.

282
Vor dem steifen Strauße
283
Tadelloser Lilien
284
Ist man nicht zu Hause.

285
Frauen geben Heimat
286
Abgehetzten Männern,
287
Die am Tage starten
288
Gleich den besten Rennern,

289
Die gern Hindernisse
290
Halszerbrechend nehmen
291
Und das Ungewisse.

292
Kommen solche müde
293
Abends von dem Traben,
294
Stört sie allzu Hohes,
295
Weil sie's Aug voll haben

296
Voll von Staub und Kohlen,
297
Sehen oft noch Ziffern,
298
Die sich überholen.

299
Eine kurze Spanne
300
Reicht die Nacht zum Morgen.
301
Dann pfeift die Maschine –
302
Feilschend kommen Sorgen.

303
In
304
Passen keine

305
Mehr denn
306
Ist dem Herz erquickend,
307
Stimmt den Körper milder.

308
Traulichkeit zu wecken
309
Will am Götterleibe
310
Ich die Leberflecken.

311
Eile Melusine,
312
Hol den Mediziner!
313
Er sei heut nicht Krankheits-
314
Sondern Schönheitsdiener.

315
Soll mir mit Lanzetten
316
Leberflecken impfen,
317
Von den braunen netten.«

318
»schwerlich,« sagt die Zofe,
319
»wird ein Arzt sich finden,
320
Weil die Luft im Berge
321
Menschen nicht verwinden.

322
Wer von all den kühlen,
323
Welche Leichen schneiden,
324
Wird nicht Venus fühlen?

325
Und dann muß er sterben,
326
Kann er nichts erreichen,
327
Würde er entlassen
328
Ohne Liebeszeichen,

329
Würde nie genesen,
330
Weil er hier im Berge
331
Ohne Luft gewesen.

332
Darum Herrin sage
333
Deine Wunschangaben!
334
Wo willst du die Flecken,
335
Die Verschämten haben?

336
Wie ich es dann mache,
337
Dir die Flecklein hole,
338
Sei dann meine Sache.«

339
»kluge Melusine,«
340
Venusin errötet,
341
»jegliche Sekunde
342
Wird ein Mensch getötet.

343
Stirbt er mal am Herzen,
344
Sind das auch bei Göttern
345
Einzig echte Schmerzen.

346
Wenn er mir gefiele,
347
Würd' ich ihn nicht schonen.
348
Aber sollt' er sterben,
349
Nur weil wir hier wohnen,

350
Weil die Luft im Berge
351
Schon den Tod kann bringen
352
Einem Menschenzwerge?!

353
Flott weg mal zu töten
354
Lieb ich sonst ohn' Maßen,
355
Heut' doch will ich Deinem
356
Rat mich überlassen.

357
Geh und bring die Flecken!
358
Kann ich nicht entdecken«.

359
Melusine kichert
360
Und ist schon verschwunden;
361
Hat verjüngt den Eckhardt
362
Unterm Tor gefunden.

363
Spricht: »Komm' auf ne Weile!
364
Kannst jetzt etwas lernen.
365
Schnell, ich habe Eile!

366
Sieh, ich will zum Arzte,
367
Und er soll mich impfen,
368
Daß uns nicht die Pocken
369
Einmal bös verglimpfen.

370
Ist die Impf geschehen,
371
Sollst Du's Venus tuen;
372
Komm' jetzt, sollst es sehen« ...

373
Venus fragt am Abend:
374
»hast Du sie die Flecken?«
375
»ja,« lacht Melusine,
376
»kann sie nicht verstecken.

377
Ach, der Arzt nicht ruhte,
378
Nicht nur bei drei Orten,
379
Wühlte er im Blute.«

380
Venus, bei der Lampe,
381
Sieht voll Sommersprossen
382
Ihre hübsche Zofe,
383
Punkt an Punkt durchschossen.

384
Venus lacht mit Schallen:
385
»so gut hat dem Doktor
386
Jeder Fleck gefallen?

387
Daß er sich dann übte
388
Und Dich ganz besäte?
389
Ach, wenn ich von Deinen
390
Hundert einen hätte!«

391
Eckehardt, verständig,
392
Impft sie, – und im Berge
393
Lachte man unbändig.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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