Heute früh, im nebelnassen

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Max Dauthendey: Heute früh, im nebelnassen Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Heute früh, im nebelnassen
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Morgen rückten durch die Gassen
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Heulende Fleischklumpen an.
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Menschen man nicht sagen kann.

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Eine wüste Bettlerherde
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Schwoll an wie der Schlamm der Erde,
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Als ob reif, mit einem Schrei,
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Ein Geschwür geborsten sei.

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Und die eleganten Straßen
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Schienen kaum den Kot zu fassen.
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Der Geschäftsgang stockte still.
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Jeder fragte, was das will.

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Tausend Mäuler voll Gegreine,
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Menschenstummel, ohne Beine,
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Schoben, karrten sich heran.
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Wie ein Lumpenberg kam's an.

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Vor dem Polizeigebäude
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Sammelte sich an die Meute,
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Unheimlich und trauervoll,
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Keiner wußte, was das soll.

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Drunter die Dämonenalten
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Schienen stutzig Rat zu halten,
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Fragten endlich, scheu versteckt,
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Nach dem Polizeipräfekt.

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Schwierig sie die Rede bauten,
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Die sie erst wie Speichel kauten.
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Nur das Eine wurde klar:
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Irgendwo 'ne Jungfrau war.

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Von der Jungfrau war die Sprache
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Und von einer Mördersache.
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Endlich schrie sich Jemand rot:
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»unsere Jungfrau, die ist tot!

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Tot ist sie, tot ist Fifine!«
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Tausend schrien's mit
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Ein Geheule wüst entstand,
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Als käm's Weltend' in das Land.

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Weiter tat sich's klar dann machen:
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Gestern konnt' Fifin' noch lachen,
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Heute früh liegt Fifin' tot,
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Grauerwürgt im Morgenrot.

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Die Fifin', die eine, ihre
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Bettlerköchin im Quartiere,
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Sie, die in der Garküch' stand
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Von dem Betteleiverband.

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Unsterblich ist sie gewesen,
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Nicht nur durch gekochtes Essen,
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Mehr noch durch die Jugendkraft
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Und die holde Jungfraunschaft.

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Fifin' war am heutgen Tage
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Unbedingte Lebensfrage.
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Soviel ward allmählich klar,
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Daß ihr Tod nicht richtig war.

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Noch mußt' man den Mörder missen.
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Wer hat sie auf dem Gewissen?
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Und es sprach sich scheu herum:
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Ungerächt geht sie jetzt um.

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Keiner konnt' den Mörder raten,
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Selbst nicht Polizeisoldaten.
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Und man murrte schon darob,
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Als sich Jemand vorwärtsschob.

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Übernächtig in den Haaren,
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Drängte Jemand durch die Scharen.
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Auch sein Inneres, verstört,
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War, als ob's ihm nicht gehört.

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Seine Arme, die erschreckten,
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Hängten sich um den Präfekten.
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Schreiend klappt er in die Knie:
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Unschuldig wär' er wie nie!

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Aufrichtig mit ganzer Miene
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Schwur der Mörder von Fifine:
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»niemand hat den Mord gemacht.
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Liebe hat sie umgebracht.«

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Alle sollten es nur wissen:
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Niemand hat sie am Gewissen,
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Tot lag sie mit stummem Mund
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Schon in erster Morgenstund'.

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Nämlich Jeden ließ sie schwitzen,
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Jeder wollte sie besitzen.
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Alle diese Bettelleut'
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Hatten sich um sie gebläut.

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Endlich mußte man sich einen:
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Lieben sollt' Fifine Keinen,
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Jungfrau bleiben, vorderhand,
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Für den Betteleiverband.

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»doch ich kann's nicht mehr verhehlen,
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Heimlich tat sie sich vermählen,
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Und ich bin der Jungfrau Mann,
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Der sie nur beweinen kann.

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Gestern traute uns ein Pater.
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Abends war'n wir im Theater.
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Wunderschön war es darin,
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Wollten heute wieder hin.

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Wohl ist Liebe nicht zum Lachen,
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Fifin' nahm zu ernst die Sachen.
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Jeden Augenblick sie schwor:
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So was Schön's käm' nie mehr vor.

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Sonst tat sie nur immer kochen
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Alle Tage, alle Wochen.
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Nicht weil sie nach Essen roch,
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Hielt sie jeder Bettler hoch.

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Sie stand in der Bettlerküchen
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Über allen den Gerüchen,
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Schon ihr Anblick hat genährt,
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Heilig wurde sie erklärt.

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Reichlich gab sie zum Erbauen
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Brüste, Wangen, schön zu schauen.
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Ich vertiefte mich mit Lust –
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Keiner hat das End' gewußt.

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Hör' sie noch ins Ohr mir sagen:
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Jede wäre zu beklagen,
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Die nicht eine Nacht bekäm' –
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Auch, wenn's bös' ein Ende nähm.

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Während alle Pulse rasen,
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Rief sie lachend in Extasen:
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Möglich ist's, daß ich am Tag
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Jetzt nie wieder kochen mag.«

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Liebe, die vergoldet Lumpen.
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Fifin' rief's bei Talglichtstumpen:
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»küßt Du mich, wird's allemal
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Hell wie im Theatersaal.«

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»und kein Kuß ging ihr daneben.
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Ihr Lieb' mußt man erleben.
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In und um sie, ohne Maß,
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Überall ein Herz ihr saß.

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Erst im frühsten Morgenschlummer
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War's, als preßte mich ein Kummer.
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Als ob etwas drückt aufs Dach,
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Wurde ich beklommen wach.

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Schrecken riß mich fast in Fetzen,
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Eiskalt saß ich im Entsetzen.
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Grau, wie's Licht vom frühen Tag,
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Fifins Leiche bei mir lag,

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Mit dem Lächeln ohne Gleichen,
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Unwahrscheinlich wie nur Leichen. –
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Schnell ich einen Ruck mir gab
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Und sprang auf wie aus dem Grab.

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Nichts wollt' sich an Fifin' rühren.
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Furchtbar war ihr Tod zu spüren.
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All mein Schrein blieb ohne Zweck –
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Meine Füße rannten weg.

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Und ich lief und kann's nicht nennen,
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Wie und wohin ich tat rennen.
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Vorwärts lief ich ohne Ziel,
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Hinter mir lag's leichenstill.

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Hab nochs Aug' voll Totenflecken,
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Seh' die Stadt voll Leichen stecken.
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Und ich bitt' Euch: nehmt mich auf,
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Daß ich nicht ins Wasserlauf'!«

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Jenem Mann, der so gesprochen,
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Hing die Kinnlad' wie gebrochen.
151
Alle sahen es ihm an:
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Lügen sind da keine dran.

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Der Präfekt sprach: »Meine Herren,
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Keiner darf sich hier beschweren.
155
Ist das Leben mal vorbei,
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Nützt Euch keine Polizei.

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Geht jetzt heim, Ihr guten Leute!
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Fifin' ward der Liebe Beute.
159
Die Natur 's nicht Jedem gibt,
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Daß er so wie Fifin' liebt.«

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Und gleich feuchten Brunnensteinen
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Sah man Tausend lautlos weinen.
163
Jedes Herz ward Fifin's Grab,
164
Jammernd senkt man sie hinab.

165
Heimwärts dann die Bettler krochen,
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Weiterschleppend ihre Knochen.
167
Aber jeder Bettelblick
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Trug verklärter sein Geschick.

169
Stolz gab Jeder Dir zu lesen:
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Fifin' ist dran schuld gewesen,
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Daß man dort, wo's elegant,
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's Herz gezeigt vom Bettlerstand.

173
Trotz des Stankes und des Schimmel
174
Hat der Ärmste einen Himmel.
175
Lieb' macht selbst 'ne Bettlerin
176
Zu des Tages Königin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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