Ein kleines, ganz winziges Zimmer

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Max Dauthendey: Ein kleines, ganz winziges Zimmer Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Ein kleines, ganz winziges Zimmer
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Sieht oben vom Dach auf die Welt.
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Im Fenster liegt Abendgeflimmer.
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Keins ahnt, was das Zimmer enthält.

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Im Zimmer da sitzt Fräulein Esther,
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Gouvernante von unten im Haus.
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Sie preßt ihre Zähne noch fester,
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Denn traurig sieht's rings um sie aus.

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Zum Teufel man soll's ja nicht sehen!
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Die Leute sind so ideal!
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Die Esther liegt nämlich in Wehen,
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Die Wehen, die werden fatal.

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Die Esther, die preßt ihre Hände,
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Die Esther verzerrt ihr Gesicht.
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O Gott, wenn so Jemand sie fände!
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Auf Sitte legt jeder Gewicht.

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Besonders beim Stande der Lehrer –
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Die Esther, sie preßt auf den Mund
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Aus Marmor den Briefebeschwerer,
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Der erst auf dem Schreibtische stund.

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Gottvater, sie darf ja nicht schreien!
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O Himmel, Du ahnst es wohl nicht,
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Wie schwer heut' die Menschen verzeihen. –
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Ach, Lieb' ist nicht nur ein Gedicht!

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Die Lieb' ist entsetzlich zu tragen!
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Und hauptsächlich, wenn was entsteht.
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Und Niemandem darf man es sagen,
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Wenn's nicht standesamtlich hergeht.

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Denn alle es stündlich betonen:
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Vermeide Geschichten mit Herrn!
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Und hier gleich danebenan wohnen
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Nähmädchen, die horchen so gern.

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Kein Seufzer, kein Schrei darf hindringen.
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Die Zungen, die schlügen mich tot. –
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Die Esther, sie fängt an zu singen,
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Sie singt im Gesang sich blaurot.

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Sie singt hohe Coloraturen
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Und singt viele Volkslieder laut;
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Erleidet gebärend Torturen,
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Weil sie sich zu schreien nicht traut.

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Daneben die Nähtermaschinen,
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Die poltern und stampfen, gottlob!
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Sie rasseln wild überm Verdienen,
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Daß leis' sich manch' Seufzer dreinschob.

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Und dann singt sie wieder hinreißend,
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Sie denkt: ach, die Lieb' war es wert,
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Wenn man, seine Schmerzen verbeißend,
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Im Singen die Kinder gebärt.

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Denn Liebe kann mächtig erheben
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Und klein ist dagegen das Leid.
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Die Menschen, die nie was erleben,
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Die urteilen auch nicht gescheit.

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Nur spät erst in nächtlichen Stunden,
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Da haben, voll törichter Scham,
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Die Nähmädchen Esther gefunden,
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Als ihr schon das Sterben ankam.

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Die Mädchen, sie hörten im Winde,
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Der nachts um die Dachstuben strich,
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Die Stimme wie von einem Kinde,
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Die nicht von den Ohren mehr wich.

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Erst glaubte man, 's käm vom Kamine.
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Da horchte man bald an der Wand.
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Die Jüngste, genannt Josephine,
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Am schnellsten die Sache verstand.

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»daneben hats Fräulein geboren,
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Durchs Schlüsselloch sah ich's im Gang.«
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Sie rief es, rot bis in die Ohren,
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Weil's doch gar so aufregend klang.

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Die Esther, gestorben im Singen,
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Lag neben dem Sopha in Ruh'.
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Im Hause die Klatschmäuler gingen,
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Und kein Mund im Haus ging mehr zu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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