Einmal, in der Sommerfrische

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Max Dauthendey: Einmal, in der Sommerfrische Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Einmal, in der Sommerfrische,
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Stand auf einem Gasthaustische
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Schön poliert ein Grammophon,
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Dieses hatte Menschenton.

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Prächtig schrie sein Blechzylinder.
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Solches lockt zuerst die Kinder,
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Doch auch Damen ist Geschrei
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Nicht so gänzlich Einerlei.

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Manche stand mit langem Halse
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An dem Trichter und der Walze.
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Denn nicht Jeder sieht gleich, wie
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Vor sich geht die Melodie.

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Keiner glaubt von diesem Dinge,
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Daß es Stimmen fertig bringe.
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Niemand gar vermutet hätt',
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In dem Dinge ein Quartett.

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Ist 'ne Nummer abgelaufen,
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Darf man sich 'ne andere kaufen.
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Und weil es die Walze kann,
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Kommt auch ein Tenor daran.

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Der Tenor brüllt aus dem Trichter,
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Und verzückt sind die Gesichter.
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Manche Dam' hätt's gern heraus,
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Wie sieht der Tenor wohl aus!

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Und mein Gott, wer hätt's erwartet!
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Schicksale sind abgekartet!
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Eine Dame – das kommt vor –
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Wird besessen vom Tenor.

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Ach, er singt so unverfroren
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Sich ins Herz ihr und die Ohren.
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Aus der Walze, die sich schiebt,
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Singt ein Mann, den's nicht mehr gibt.

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Ihn, der einst hineingeschrieen,
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Möcht' die Dame an sich ziehen;
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Und die Dam', mit einem Wort,
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Geht nicht mehr vom Trichter fort.

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Ach, total tut sie erwarmen,
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Möcht' den Trichter fest umarmen.
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Endlich kauft sies Grammophon.
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Hätt' sie nur was mehr davon!

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Aber ich darf's nicht verhehlen,
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Sie tat nur die Nachbarn quälen.
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Kaum kam der Tenor ins Haus,
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Stirbt ein jedes Stockwerk aus.

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Und auch sie wär' dran gestorben,
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Wärs Gehör nicht erst verdorben.
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Jetzt ihr's nicht mehr schaden kann,
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Denn sie wurde taub daran.

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Doch weil sie nicht blind, die Tauben,
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Schraubt sie weiter an der Schrauben,
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Schont auch gar nicht den Tenor,
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Bis er seine Stimm' verlor.

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Wenn sich auch die Walzen drehen,
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Kein Tenor tut mehr entstehen;
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Denn das Grammophon, das hat
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Endlich mal die Sache satt.

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Nur die Dam' ist noch vorhanden.
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Und nach Jahren noch, da fanden
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Wir sie an dem Grammophon
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Horchend und verzückt davon.

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Keiner könnt' es ihr beibringen,
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Daß die Walzen nicht mehr singen.
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Trotz sie taub auf jedem Ohr,
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Hört sie heut' noch den Tenor.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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