Leben ist so eingerichtet

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Max Dauthendey: Leben ist so eingerichtet Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Leben ist so eingerichtet:
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G'scheit ist Jedermann im stillen,
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Doch wer noch so klug es sichtet,
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Handelt dumm meist widerwillen.

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Hast Du Dir auch vorgenommen,
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Dunkle Kräfte nicht zu leiden,
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Fühlst sie mit verstopften Ohren.
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Denn Gefühl läßt sich nicht meiden.

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Leda war bei der Gesandtin
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Zu Besuch, mit Gönnermiene.
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Sah sie Einen und erfand ihn
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Lieb, genoß sie's mit Routine.

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Immer lag auf langen Stühlen
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Sie in den Salons herum
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Und ließ ihre Wimpern fühlen,
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Wie ein Impfer sein Serum.

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Lange Stühle wie Altäre
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Trugen festlich Ledas Glut.
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Wenn der Stuhl mal kürzer wäre,
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Machte es sich nicht so gut.

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Ledas indische Muss'line
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Hüllten gutgepflegte Reize,
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Und verkappt lebten die Sinne,
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Wie die Falken bei der Beize.

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Hatte sie mal klar bekommen,
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Wen sie wünschte sich als Sieger,
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Hat sie Rücksicht nie genommen,
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Machte Jünglinge zu Tiger.

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Nun bei der Gesandtin sollte
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Heut' man eine Hochzeit geben.
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Ihre Tochter trauen wollte
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Einem Grafen man fürs Leben.

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Sorglos kam man vom Altare,
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Spät erhob man sich vom Mahle.
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Leda dann wie Liebesware
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Auf dem längsten Stuhl im Saale

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Sich hinlegt; tut mit den Wimpern
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Durch die festerhitzte Menge
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Nach dem Bräutigame klimpern –
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Diesen zieht es aus der Enge,

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Fühlt gleich seinen Absatz wanken,
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Hört laut seine Lackschuh knarren,
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Sieht, daß sie ganz in Gedanken
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Mit ihm fortgegangen waren.

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Leda hat mit schwüler Wange
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Kaum ihr Auge aufgehoben,
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Und die Hochzeitsnacht ward lange,
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Wenn nicht ewig, dann verschoben.

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Weil sich Ledas Augen dehnen,
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Fühlt er seines Blutes Schwächen,
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Sieht am langen Stuhl sich lehnen,
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Möcht' den langen Stuhl zerbrechen.

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»heute Nacht laß mich nicht warten,«
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Läßt sich Ledas Stimm' vernehmen,
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»rechts der Pavillon im Garten«, –
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Nochmals tat ihr Aug' ihn lähmen.

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Dann erhob sie sich vom langen
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Stuhl, er durft' sie nicht berühren,
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Ist vom Bräutigam gegangen;
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Der konnt' kaum die Braut noch spüren.

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Wackelnder als ging's auf Eier,
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Schlug sein Herz, das Neugetraute,
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Daß ihm vor der Hochzeitsfeier
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Hinterm Hochzeitsfracke graute.

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Abends nach dem Feuerwerke,
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Als sich alles retirierte,
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Fühlt der Bräutigam die Stärke,
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Daß er Leda gern düpierte.

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Schleunig schrieb er ein Paar Zeilen,
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Schlich dann völlig ungesehen
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Hin, wo sich die Wege teilen
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Und zum Pavillone gehen.

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Will die Absag' auf der Stelle
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Durch die Ritz' der Türe schieben,
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Aber einmal vor der Schwelle,
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Ist es nicht dabei geblieben.

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Selbst durchs Brett der weißen Türe
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Sieht er brenzelig ein Funkeln,
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Als ob's aus der Hölle führe –
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Ledas Augen sind's im Dunkeln.

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Und sein Blut schlägt Narrenflammen,
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Drückt die Hand auf die Türklinken;
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Hinter ihm stürzt was zusammen, –
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Ach, sein Brautstand tat versinken.

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Schnell steht er im Handumdrehen
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In dem Pavillon, dem großen,
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Muß im Dunkeln weitergehen,
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Einen langen Stuhl umstoßen.

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Er greift zu mit beiden Händen,
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Leda tut vor Wonnestöhnen –
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Es war nicht mehr abzuwenden,
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Er muß ihrer Liebe fröhnen.

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Wenn er nur Gedanken hätte –
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Aber Liebe kann nicht denken,
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Denkt nicht an die Braut, die nette.
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Widerwillen muß er kränken.

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Nie mehr hat er heimgefunden,
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Floh mit Leda vor dem Morgen,
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Widerwillig schlug er Wunden
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Und macht' andern Leuten Sorgen. –

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So kann's Leben an Dir handeln,
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Ganz wider Dein Grundbenehmen.
103
Tut es so mit Dir anbandeln –
104
Sollte sich das Leben schämen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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