Achtzig Jahr sind ihre Beine

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Max Dauthendey: Achtzig Jahr sind ihre Beine Titel entspricht 1. Vers(1892)

1
Achtzig Jahr sind ihre Beine,
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Wackeln im Laternenscheine.
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Nachts, wo stinkend Kästen stehn,
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Muß von Tür zu Tür sie gehn.

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Lumpen sammelt sie auf Gassen,
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So viel ihre Säcke fassen,
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Schleicht gebückt die ganze Nacht,
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Weil der Hunger Beine macht.

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Mit Aristokratenhänden
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Tut sie jeden Lumpen wenden,
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Taxiert ihn auf Goldgehalt,
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Denn kein Lumpen wird zu alt.

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Unter Asche, Staubpapieren
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Kann sich Manches hinverirren,
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Was die Welt verachten tat,
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Und was trotzdem Taxe hat.

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Anastasia, die Großmutter,
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Mühsam sucht sie Lumpenfutter.
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Freudvoll flucht der alte Mund
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Über jeden Lumpenfund.

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Nimmt sie Lumpen in die Hände,
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Singen sie ihr ganze Bände.
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Lumpen sehn sich düster an,
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Dunkle Zeiten hängen dran.

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Zeiten, die sich nie vergessen,
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Sind auf Lumpen wie versessen.
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Anastasia weiß das gut,
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Mancher Lumpen klebt wie Blut.

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Manchen wirft man fort mit Schimpfen,
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Doch der Blick muß sich einimpfen,
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Als wär' dir der Lump verwandt,
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Kommt er stets dir in die Hand.

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Solcher Lump will dich nicht lassen,
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Findst ihn in den fernsten Gassen,
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Findst ihn jeden zweiten Tag,
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Diesen Lumpen, der dich mag.

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Heut' in dunkeln Morgenstunden
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Hat sich wieder was gefunden.
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Jemand sie beim Namen rief,
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Daß ihr's kalt im Rücken lief.

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Unterm Mond, blauangelaufen,
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Stand da Eine, konnt' kaum schnaufen,
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Eine Alte, kahl am Hirn,
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Einen Schatten um die Stirn.

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Fuchtelt mit dem Lumpenhaken,
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Lacht mit ausgedorrten Backen,
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Reißt Großmutter fast entzwei,
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Kreischt laut, daß sie Fatma sei.

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Anastasia tut die alten
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Dohlenaugen grinsend falten:
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Verdammt, als ob's gestern sei,
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Kennt man Fatma am Geschrei.

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Fünfzig Jahre sind's und drüber,
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Stehn sich wieder gegenüber:
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Wird nie ausgetanzt der Ball
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Auf der Erde Bettelstall?

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Sah sie oft schon nachts hier streichen,
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Wollt' gern ihrem Rock ausweichen.
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Manche Lumpenzeit nie stirbt,
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Gleich wie manch' Lump nie verdirbt.

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»fatma ist nicht auszurotten«,
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Tat die Alte kichernd spotten.
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»nur die Zeit, die geht herum,
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Und die Flasche bringt sie um.«

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Fatma zieht aus tiefster Tasche
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Eine abgenützte Flasche,
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Ladet Anastasia ein:
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»heute soll ein Festchen sein!

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Laß die Lumpensäcke laufen!
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Wollen alten Kümmel kaufen.
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Lad' dich in mein Kellerloch,
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Käserinden hab' ich noch.

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Wollen uns mal bene tuen,
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Ganz wie einst in Atlasschuhen,
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Wenn wir uns gut prall geschnürt,
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Blank geschminkt, laut aufgeführt.

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Heute sind wir Klappersteine.
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Einmal schwammen wir im Weine,
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Und die Welt war Tag und Nacht
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Damals nur für uns gemacht.

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Öfters zahltest Du die Zechen,
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Dafür will heut' ich mal blechen.
83
Manches schiebt sich lange auf,
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Einmal aber kommt man drauf.«

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Anastasia, ohne Tücke,
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Fühlt der Freundschaft Scherbenstücke,
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Mehr noch als der Kümmel lockt,
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Das was rings um Fatma hockt.

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Jene drallen Jugendzeiten,
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Wo sie um die Venus freiten,
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Wo sie wie der Mond zur Nacht
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Sich geputzt und fein gemacht.

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Die Kulisse ist verschoben!
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Ach der Mond, der hängt noch oben,
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Sieht sie mit dem Hintern an,
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Weil er nur noch spotten kann.

97
Und die beiden Alten wandern,
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Eine an dem Arm der andern,
99
Kaufen Doppelkümmel, rein,
100
Schließen sich bei Fatma ein.

101
In der Fatma Kellerkammer
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Finstert's wüst wie Altersjammer.
103
Für das Wiedersehensfest
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Brennt man einen Unschlittrest.

105
Fahl schaun beide Klapperköpfe,
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Sind wie vielgeflickte Töpfe.
107
Eine stiert die Andre an:
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Daß man so sich ändern kann!

109
Sie, die flottesten Hetären,
110
Heute zwei Schindangermähren!
111
Strotzend war einmal ihr Ruhm, –
112
Nur noch Lumpen gehen um.

113
Einen Zeitungsknäul sie finden
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Und drin alte Käserinden,
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Beide kauen ohne Zahn,
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Und der Kümmel gibt Elan.

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Kümmel schmatzend tun sie schwätzen,
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Und der Schnaps und's Unschlitt setzen
119
Hitzige Gesichter hin,
120
Und ein Wetter will aufziehn.

121
Fatma kreischt: »War ich nicht immer
122
Ein geschultes Frauenzimmer?
123
Wog mich auf für schweres Gold, –
124
Durch die Finger ist's gerollt!

125
Meine schönen Schulterbogen
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Haben Opern überwogen,
127
Wenn ich in der Matinee
128
Halbnackt in der Log' mich seh'.

129
Keinen konnt' die Oper rühren,
130
Nur mein Fleisch mußt' Jeder spüren,
131
Und der Blick von jedem Gauch
132
Hing wie Zangen mir am Bauch.

133
Weißt du, wenn's mir eingefallen,
134
Konnt' ich glühen wie Korallen.
135
Hatte es mir mal beliebt,
136
Fragte Keiner, was er gibt.

137
Mancher lebte so geschwinder,
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Warf für mich fort Weib und Kinder;
139
Sah mich einer zärtlich an, –
140
Ruinierte ich den Mann.«

141
Anastasia mit Vergnügen
142
Spricht: »Verdammt tust Du doch lügen!
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Doch auch Dich belog die Welt,
144
Weil sie heut' nicht zu Dir hält.«

145
Fatmas Zung' geht wie 'ne Spule,
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In ihr schwillt die alte Buhle,
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Prahlt vom Schlittennachmittag,
148
Wo der Schnee mal künstlich lag.

149
Einer hatte ihr zu Füßen
150
Tausend Fässer Salz streun müssen;
151
Von dem Schloß am Waldesrand
152
Eine Meile in das Land ....

153
Anastasia unterdessen
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Hat sich schweigend heißgesessen,
155
Etwas reißt sie wie die Gicht,
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Und wie Pfeffer brennt's Gesicht.

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Schmählich ist's ihr eingefallen:
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Diesem Einen unter allen
159
War es, dem sie sich verschwor –
160
Fatma doch kam ihr zuvor!

161
Fatma ist mit ihm verschwunden.
162
Schwieriger als Todesstunden
163
War ihr dieser Schicksalsschlag.
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Heute noch wurmt sie der Tag.

165
Schnaps nach Schnaps muß sie schnell trinken,
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Weil die alten Wunden stinken.
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Überall im Kellerloch
168
Schleicht jetzt dieser Eine noch.

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Damals dorrten ihr die Brüste.
170
Keiner mit Verstand so küßte,
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Keiner mehr so stark verstund
172
Einzubrennen seinen Mund.

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Hitzig war er wie die Heiden!
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Sie ließ ihn mit Wollust leiden,
175
Wollt ihm darum wiederstehn,
176
Um sein Herz seufzen zu sehn.

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Und im Grund mußt' man sich schämen,
178
Tadellos war sein Benehmen.
179
Dralle Schweine waren wir,
180
Und er immer Kavalier.

181
Fatma, mit den Heuchelbrüsten,
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Konnt' mir diesen Mann verwüsten!
183
Sah, wie ich für ihn geschwärmt,
184
Hat ihn sich mit Kunst erwärmt.

185
Heut' noch läg' er mir zu Füßen –
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Scheusal Fatma, sollst mir's büßen!
187
Mache sie zu kaltem Aas,
188
Weil sie sich an mir vergaß.

189
Und die Alte muß ausspucken:
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Diese Fatma will ich ducken!
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Dieses soll mein Festlein sein,
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Heute ist die Rache mein.

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Anastasias Augen stechen,
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Ihre Hände wollen rächen ....
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Schnell fliegt's Schnapsglas an die Wand,
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Als ob sich ein Gift drin fand.

197
Und nach langen fünfzig Jahren
198
Tut ein Feuer in sie fahren.
199
Keiner wußte wie's geschah –
200
Mundoffen schweigt Fatma da.

201
Aufrichtet sich stier die Alte,
202
Blut brennt ihr in jeder Falte,
203
Und zum Schlag holt aus der Blick –
204
Fatma fröstelt's im Genick.

205
Aus dem Kiefer, aus dem hohlen,
206
Fällt das kleine Wort »
207
»ja, gestohlen hast du ihn!«
208
Anastasia schleudert's hin.

209
Ihre Fäuste, ihre steifen,
210
Nach dem Lumpenhaken greifen.
211
Ehe Fatma noch konnt' schrein,
212
Schlug das Eisen wütend ein.

213
Dann hört man's nur einmal klatschen,
214
Als tät eine Tür zupatschen.
215
Fatma fiel zur Diele tot,
216
Und die Bretter wurden rot.

217
Anastasia, nicht zufrieden,
218
Läßt ringsum die Rach' aussieden.
219
Stühle, alles was sie fand,
220
Links und rechts fliegt's an die Wand.

221
Sprühendheiß sind ihre Glieder;
222
Bei der Leiche hockt sie nieder,
223
Und sie pufft sie dann und wann,
224
Zählt ihr auf, was sie getan:

225
»glaubst du, Liebe läßt sich narren?
226
Alle sollten Gold dir karren!
227
Stahlst mir frech das Allerbest!
228
Finster ist mein Lebensrest.

229
Tatst mir seine Lippen schmatzen,
230
Schielend nur nach seinen Batzen!
231
Dieser Eine, er war mein, –
232
Stecktest dir ihn auch noch ein!

233
Konnt' dir kein Gewissen klopfen?
234
Gabst ihm geile Liebestropfen.
235
Hast an Liebe nie geglaubt,
236
Nur wie Elstern Gold geraubt.

237
Denk' ich heut' noch meiner Qualen,
238
Kann's dein Leben nicht bezahlen.
239
Dafür ist dein Tod zu klein,
240
Solltest tausend Mal tot sein.

241
Mein Herz ward zur Schinderkammer.
242
Widerlich lag drin mein Jammer.
243
Lange hebt man so was auf,
244
Einmal aber stößt man drauf.

245
Lebt ein Mensch auch unter Lumpen,
246
Keiner soll sein Ich verschlumpen.
247
Auch beim kleinsten Lebensstrund
248
Schmeckt die Rache stets gesund.«

249
Anastasia muß sich schneutzen,
250
Schatten an den Wänden kreuzen,
251
Paffend geht das Unschlitt aus,
252
Als ging Mordlust aus dem Haus.

253
Eine Weil' tut's Licht noch fackeln,
254
Und die Kammer scheint zu wackeln;
255
Anastasia starrt hinein,
256
Nickt erschöpft beim Leichnam ein.

257
Weiß nicht mehr, nach wieviel Stunden
258
Hat sie endlich heim gefunden;
259
Reulos ging sie von dem Ort.
260
Ungerächt blieb dieser Mord.

261
Wär' es auch herausgekommen,
262
Feig' hätt' sie sich nicht benommen.
263
Töter macht nicht das Schaffott,
264
Ist man schon im Grunde tot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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