Jemand muß heut' noch sterben

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Max Dauthendey: Jemand muß heut' noch sterben Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Jemand muß heut' noch sterben,
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Ein Hund heult in die Nacht.
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Die Zähn' klappern wie Scherben,
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Jed' Amme Kreuze macht.

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Und Alle Kälte fühlen,
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Der Ofen ist fast leer.
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Man muß den Ofen füllen,
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Und Eine redet mehr.

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Klagt: »Männer selbst mit Glatzen,
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Die sind im Klatsch zu Haus.
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Bis Speicheldrüsen platzen,
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Und länger hält man's aus.«

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Zufällig bin ich selber
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Vertraut mit Rosali'.
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Wir sind nicht blöde Kälber,
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Wie Jener uns verschrie.

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Wohl schrieb sie Schreibmaschine,
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Kindsmädchen war sie keins.
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Mit Königinnenmiene
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Verlobte sie sich Heinz.

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Sie traf den Heinz, nicht blöde,
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In einem Luftkurort.
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Und dort in luft'ger Öde
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Da fiel das Treuewort.

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Er lernte sie dort kennen, –
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Als sie im Sarg schon lag.
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Gar greulich ist's zu nennen –
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Es war ihr Scheintodstag.

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In einer Stallremise
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Stand aufgebahrt der Sarg.
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Weil im Hotel man diese
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Zufälle gern verbarg,

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Kurgäste leicht erschrecken.
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Der Wirt sprach irritiert:
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»tut mir die Leich' verstecken,
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Sonst mein Hotel verliert.«

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Heinz fand die junge Dame
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Im Sarg, abseits gestellt.
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Hielt diese Art infame,
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Und in der Nacht gequält

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Von überbösen Träumen,
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Eilt er, wo man sie barg.
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Als könnt' er was versäumen,
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So wartet er am Sarg.

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Scheucht von ihr Mäus und Ratten
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Und hält die Totenwacht.
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Denn Rosa's Eltern taten
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Erst kommen Abends acht.

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Die Zeit wird ihm nicht lange,
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Konnt' Rosa sich besehn.
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Ganz blaß auf jeder Wange,
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Fand er sie wunderschön.

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Die Finger so symetrisch,
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Das Ganze war ihm neu,
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Und Rosa noch ein Backfisch.
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Herr Heinzen, sonder Scheu,

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Sprach: »Schöne, junge Dame,
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Weshalb kam ich zu spät!
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Würd' wahr jetzt die Annahme
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Daß man noch leben tät,

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Ich würde Sie verehren
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Mehr als ein Leben lang.
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Warum tun Sie sich wehren?
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Zeigen sie Lebensdrang!

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Ach, Sterben ist elendig,
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S'ist kalt 'ne Leiche sein.
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Ach, würden Sie lebendig,
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Wir liebten uns zu Zwein.«

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Sie hat ihn angeblinzelt –
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Heinz glaubt, daß er schlecht sieht.
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Bis Rosa etwas winselt,
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Und's Heinz zu Rosa zieht.

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Er sieht die Leich' sich rühren,
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Neu war auch dieses sehr.
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Die tat ihr Herz anschüren
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Und lebte mehr und mehr.

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Der Heinz mocht' niemand sprechen,
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Holt seine Frühbouillon,
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Will ihr den Mund aufbrechen
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Und einfiltern davon.

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Doch geht's nicht in der Eile.
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Der Heinz stürzt in das Haus,
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Holt eine Nagelfeile,
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Bricht ihr zwei Zähne aus.

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Die Suppe macht ihr Hitze,
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Auf wacht sie
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Fliegt auf mit einem Sitze –
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Fort war die Totenruh'.

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Heinz lacht im vollen Glücke,
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Die Leiche sie wird rot.
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Ihr Mund lacht mit der Lücke
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Und wünscht zur Suppe Brot.

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Spricht, als sie stark gegessen:
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»hab jedes Wort gehört.
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Schön ist's im Sarg gewesen,
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Man war so ungestört.«

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Sie lacht dabei so eigen,
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Heinz ihr den Arm dann gibt.
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Sie konnt' dem Sarg entsteigen,
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Die Rosa ganz verliebt.

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Heinz nahm sie auf die Arme
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Und trug sie zum Hotel.
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Dort unterm Kellnerschwarme
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Der Wirt ruft: »Ober, schnell!

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Ist das nicht unsre Leichen
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Aus dem Remisenstall?
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Sie tut ihr furchtbar gleichen,
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Und lebt auf jeden Fall.«

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Der Ober wirft die Sauce
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Der Remoulade hin.
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Er wackelt in der Hose
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Und sagt: »Ja, die lag drin.«

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Die Gäste an dem Fenster
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Vom großen Speisesaal
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Stehn blaß da wie Gespenster,
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Und das Hotel wirkt fahl.

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Rosa von Heinz getragen,
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Sie fand das Leben neu.
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Spricht: »Schön ist's, nicht zum sagen,
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O Heinz, Dir bleib' ich treu!

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Ich war doch tot noch eben,
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Es hat mich nichts gefreut.
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Jetzt darf ich Dich erleben,
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Mein Scheintod mich nicht reut.

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Dir, Heinz, sag ich's aufs Neue:
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Der Scheintod ist ein Glück.
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Man bleibt dem Leben treue
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Und kommt darauf zurück.«

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Rosalie blieb am Leben.
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Des Abends schon um acht
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Die Eltern Segen geben,
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Daß sie Verlobung macht.

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Der Heinz war kreuzzufrieden
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Mit seiner Rosabraut.
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Doch selten wird hinieden
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Ein Glück blitzschnell gebaut.

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Die Braut tat's nicht gestehen,
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Daß Mutter sie sogar.
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Heinz braucht' s nicht nahzugehen,
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Da er nicht Vater war.

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In hoher Töchterschule
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Ward es ihr angetan.
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Singend das Lied von Thule,
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Kam sie als Buhle dran.

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König war ein Primaner
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Im Wäldchen vor der Stadt,
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Dazu Amerikaner,
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Der wieder reisen tat.

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Maifest war's; bei Kastanien,
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Wo Bilder man gestellt,
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Trug sie im Haar Geranien,
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Was sehr bei ihr gefällt.

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Manch Jungfrauengemüte
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Kommt unschuldig in Schuld
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Zur Maienkäferblüte,
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Denn Mai bringt Ungeduld.

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Darnach ward sie anämisch.
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Manche, die ahnten's doch.
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Die Menschen sind so hämisch –
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Bei Unglück lacht man noch.

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Die Mutter schickt die Rosa
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Zu jenem Luftkurort,
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Trotzdem man es schon so sah.
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Doch ward's nicht besser dort.

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Dort plötzlich tat ein Wunder
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Fast eine Medizin.
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Die Rosa schluckt's hinunter
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Und fällt dann scheintot hin.

169
Die Mutter, die zu Hause
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Stets über Rosa stöhnt,
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Trifft' s wie 'ne kalte Brause.
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Doch kaum ist sie's gewöhnt,

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Ward Rosa neu lebendig
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Und Abends echte Braut.
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Die Mutter eigenhändig,
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Sie segnet Heinzen laut.

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Heinz wollt' an Rosa haben
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'ne Art von Ideal.
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Weil alle ihm gleich gaben,
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Was man gibt allemal.

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Drum hat es ihm gefallen,
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Daß Eine an ihn denkt,
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Eine im Erdenwallen
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Selbstlos in ihn versenkt.

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Die Rosa konnt's vollbringen.
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Sie wartet zwanzig Jahr.
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Wenn auch die Jahre gingen,
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Die Brautschaft ewig war.

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Sie glaubte stets das Eine,
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Daß er noch kommen würd'.
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Doch hielt sie sich alleine
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Und ward Heinz nie zur Bürd

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Wie war sie heut' beklommen,
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Als jäh ein Telegramm
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Mit: Rosa eiligst kommen!
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Von Heinzen plötzlich kam.

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Sie fand gar keine Worte,
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Eilte mit jüngstem Blut.
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Ich schrie noch an der Pforte:
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»ach, Gnädige, Ihr Hut!«

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Wir, ach du meine Güte,
202
Kamen halbtot per Bahn,
203
Noch immer ohne Hüte,
204
Bei Heinz dem Leichnam an.

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Rosalie konnt' kaum denken
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Vor'm Sarg bei all' den Frau'n.
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Ich glaubt', es müßt' sie kränken,
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Heinz so geliebt zu schaun.

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Doch nein. Tief wie befreiet
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Atmet sie auf wie nie.
211
Haucht: »Heinzen, es verzeihet
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Verständig Rosalie.

213
Ich bleibe wie versprochen
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Auf ewig Deine Braut,
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Wir haben nichts gebrochen
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Auch wenn's darnach ausschaut.«

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Rosalie tat nicht weinen,
218
Erquickt vom Wiedersehn
219
Und tief mit sich im Reinen,
220
Blieb ganz verzückt sie stehn.

221
Ich glaub', könnt' er es machen,
222
Heinz hätt' sie jetzt geküßt,
223
Doch ideale Sachen
224
Man mit dem Leben büßt.

225
Es rinnt ein blutig Fädchen
226
Ihm rot vom Herzen her.
227
Schuld dran sind alle Mädchen,
228
Doch Rosa um so mehr.

229
Heinz hat auf sie geschworen,
230
Doch dieser Advokat,
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Hat's hinter beiden Ohren,
232
Der's Maul nicht halten tat.

233
Welch' Zufall, daß Babette
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Just im Kamin' gehockt!
235
Sonst ohne Zweifel hätte
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Kein Teufel heut frohlockt.

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»und jetzt«, schloß hier die Ammen
238
»kann sich's schon Jeder denken.
239
Nie kommt man mehr zusammen,
240
Nochmals will ich einschenken.« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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