»ja wirklich,« sprach da Eine

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Max Dauthendey: »ja wirklich,« sprach da Eine Titel entspricht 1. Vers(1892)

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»ja wirklich,« sprach da Eine
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»nichts ist vor Lieb' gefeit,
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Herrn Heinz liebten einst reine
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Zwilling zur Veilchenzeit.

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Und da gibt's nichts zu lachen,
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Die Lieb ist wundersam.
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Und Liebe konnt' es machen,
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Daß Totes wiederkam.«

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Die sieben andern Ammen
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Mußten ans Herz sich fassen.
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Sie rückten eng zusammen
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Und stellten fort die Tassen.

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»aurora und Alice,«
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So hieß ein Zwillingspaar.
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So ähnlich waren diese,
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Es fehlte dran kein Haar.

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Durch einen Blumenladen
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Ernährten sie sich keusch.
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Wie Rosen still auf Drahten
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Lebten sie ohn' Geräusch.

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Heinz kam zur Rosenhecke
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Hinter den Ladenpult,
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Und nur zum Ankaufszwecke
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Empfing man ihn mit Huld.

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Es wagten nie die Damen
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Die Käufer anzusehn.
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Selbst wenn Ausländer kamen,
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Blieb jede schamrot stehn.

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Sie sahen nur auf Hände,
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Man schlug nie auf den Blick,
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Erkannten ohn' Umstände
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Den Mensch am Handmimik.

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Konnten durch Handschuh lesen,
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Was jeder Käufer denkt,
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Wenn sie dem obern Wesen
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Auch keinen Blick geschenkt.

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Sah'n nur den kleinen Finger
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Und wußten es sogleich:
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Trotz Diamantendinger
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Sind Menschen doch nicht reich.

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Sie müssen noch was haben,
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Noch ein besondres Air.
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Denn sonst, bei allen Gaben,
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Sind ihre Hände leer.

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Bei Heinzens Hände fielen
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Sie beide fast zur Wand.
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Sie war ganz ohne Schwielen
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Und doch die Schicksalshand.

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Zum ersten Male tauten
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Die beiden Damen auf.
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Und ihre Blicke blauten
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Heinz bis zum Hals hinauf.

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Von Beiden die Aurora,
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Sie ward besonders rot.
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Was flüstert ihr ins Ohr da:
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Der Mann, der bringt den Tod!

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Wogegen die Alice
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Den Heinzen fast anblickt.
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Und eben es war diese,
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Die dann am Heinz erstickt.

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Herr Heinz kauft hundert Rosen
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Und alle ohne Draht.
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Weil er die Stengellosen
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Von je verachtet hat.

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Herr Heinz kam jeden Morgen
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Und kaufte wie verrückt,
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Ihm taten Freunde borgen,
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Weil's Geben sie entzückt.

69
Im Herbste, wo die Veilchen
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In zweiter Blüte stehn,
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Da mußt nach einem Weilchen
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Ein Zwilling einsam stehn.

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Denn Heinz, er hat's entschieden:
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Er nähm Fräulein Auror'.
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Ihm schien die mehr zu sieden,
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Und kam ihm wärmer vor.

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Alice stand im Laden
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Am Sonntag Nachmittag,
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Heut' ging die Stadt zum Baden,
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Herbstglut am Himmel lag.

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Sie mochte nicht mal denken
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An das geringste Bad.
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Konnt den Gedank nicht lenken
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Von Heinz, den sie nicht hat.

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Sie ist schon längst entschlossen,
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Und heute wird's getan,
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Sie füllt sich einen großen
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Waschkorb mit Veilchen an.

89
Sie ist mit ihrem weißen
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Firmungsgewand geschmückt.
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Tat Tränen stolz verbeißen
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Und hat sich tief gebückt.

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Im Waschkorb zu ersticken
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Sucht sie durch Veilchen Ruh.
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Ein Talglicht blöd von Blicken
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Sieht ihr mit Tränen zu.

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Auf einen weißen Bogen
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Schrieb sie es vorher hin:
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»aurora, bin betragen,
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Weil ich Dein Zwilling bin.«

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Mit Heinz kommt heim Aurora
102
Und sucht im Ladenraum:
103
»alic' war doch zuvor da!
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Jetzt sieht man sie ja kaum.«

105
Die Talglichttränen stanken,
106
Das Licht war eben aus.
107
Es raucht noch in Gedanken –
108
Aurora schlich hinaus.

109
»ach, Heinz, komm doch mal näher,
110
Ich glaub', es ist wer tot,
111
Es riecht nach Leichen eher
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Als wie nach Rosenrot.«

113
Heinz kommt ganz in Gedanken,
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Zum Veilchenkorbe hin,
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Fühlt seine Kniee wanken
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Und sagt: »Es liegt wer drin.«

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Tief unter blauen Veilchen
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Lag die Alice weiß,
119
Sie zuckte noch ein Weilchen
120
Und starb dann schnell mit Fleiß.

121
Untröstlich war Aurora,
122
Herr Heinzen schluchzt mit Macht.
123
Ein Licht war noch zurvor da,
124
Und jetzt war's still und Nacht.

125
Und noch nach langen Jahren
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Sieht man den Heinzen viel,
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Mit seltsamen Gebahren
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Zur Veilchenzeit oft still,

129
In eine Hand voll Veilchen
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Den Kopf hineingesteckt,
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Das treibt er so ein Weilchen,
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Bis ihn Aurora weckt.

133
»ich wollte es nur fühlen«
134
Spricht Heinz dann lebensmüd,
135
»ob Veilchen wirklich kühlen,
136
Wenn's Blut im Herzen glüht.«

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Heut' sitzt am Sarge diese
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Aurora, und sie weint,
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Denkt: glücklich ist Alice,
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Jetzt kriegt sie meinen Freund.

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Und seufzend streut Aurora
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Ihm Parmaveilchen hin:
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»ach wärst Du wie zuvor da,
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Weil ich noch lebend bin!«

145
»jetzo«, schloß hier die Amme,
146
»will ich Kaffee einschenken.
147
Lieb ist 'ne wundersame
148
Sache und gibt zu denken.« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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