»ja«, sprach 'ne andre Amme

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Max Dauthendey: »ja«, sprach 'ne andre Amme Titel entspricht 1. Vers(1892)

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»ja«, sprach 'ne andre Amme,
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»die Liebe Räusche bringt,
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Das Herz gleicht einem Schwamme,
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Den Durst zum Trinken zwingt.

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Herr Heinz schlich mal im Dunkeln
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Bis an ein Ehebett.
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Denn Martha's Herz konnt funkeln,
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Weshalb er's holen tät.«

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Die sieben andern Ammen
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Mußten an's Herz sich fassen,
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Sie rückten eng zusammen
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Und stellten fort die Tassen.

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»frau Martha war 'ne feine
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Müllerin, blond und glatt.
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Niedlicher gab's gar keine
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Zehn Meilen um die Stadt.

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In ihrer weißen Mühle
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War's blank wie Mondenschein,
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Und stand die Mühle stille,
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War Martha nicht allein.

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Herr Heinz trieb sich vernarrt da
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Schon einen Tag herum.
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Am Fenster steht Frau Martha
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Und fühlt: ein Herz geht um.

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Herr Heinz, er schnappt nach Fliegen
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Und tat besonders faul
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Bei Dotterblumen liegen,
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Und Fliegen schnappt sein Gaul.

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Was will Herr Heinz nur tuen
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Mit seinem Messerlein?
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Es läßt ihn nicht mehr ruhen,
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Und er sticht sich's wo ein.

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Es dauert auch nicht lange,
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Ach, seht, sein Blut tropft warm!«
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»es stach mich eine Schlange!«
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Spricht Heinz und zeigt den Arm.

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Er zeigt ihn in der Mühle
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Der schönen Müllerin,
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Sie bleibt dabei nicht kühle
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Und muß ihn näher ziehn.

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Er simulierte Fieber
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Und bleibt acht Tage da.
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Und es ging erst vorüber,
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Nachdem noch mehr geschah.

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Am Neunten muß er weiter,
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Der Müller drängen tat.
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Heinz sprang in seine Kleider
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Und sollt' hinein zur Stadt.

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Die Müllerin, die sagte:
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»der Abschied hart mir fällt,
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Denn, was ich niemals wagte,
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Das hast Du angestellt.

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Wirst jetzt wie beide Arme
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An meinem Leib vermißt.
55
Die Welt im Liebesharme
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Für mich ganz krüpplig ist.

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Für Zuchtvieh und für Hühner
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Man Ausstellung bald hat,
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Dann werde ich auch kühner,
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Der Müller fährt zur Stadt.

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Dann sehe ich Dich wieder
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Mit Deinem Schlangenbiß.
63
Der Abschied drückt wie's Mieder.
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Ach, gäb's kein Hindernis!«

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Der Müller an der Türe,
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Er ruft Frau Martha laut,
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Dieweil er gern erführe,
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Was sie Herrn Heinz vertraut.

69
Herr Heinzen, unverhohlen,
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Nahm sich noch einen Kuß,
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Und ruft: »Ich hab gestohlen,
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Weil man hier stehlen muß.

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Herr Müller, müßt es leiden,
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Ich hab 'nen losen Mund,
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Tat stets auf Wiesen reiten,
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Auch wenn ›verboten‹ stund.«

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Er macht sich aus dem Staube,
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Der Müller flucht und droht.
79
Frau Martha in der Laube,
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Sie wird im Traum noch rot.

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Ja, ach! die Sehnsucht findet,
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Die Stunde ist ein Jahr.
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Und wenn das Herz sich windet,
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Scheint's Leben in Gefahr.

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So eilte auch Frau Martha
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Zum Schützenfest zur Stadt,
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Weil's bis zur Viehausstellung
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Zu lang gedauert hat.

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Heinz mietet voll Erwartung
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Ein kleines Gartenhaus.
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Macht Schulden voll Entartung,
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Doch reißt sich immer raus.

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Im Garten bei Rabatten
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Deckt er den schönsten Tisch.
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Frau Martha selbst tut braten
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In Sekt den besten Fisch.

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Des Nachts möcht' sie spazieren
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Zum Schützenfest hinaus,
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Ihr Kleid tut sie genieren,
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Sie zieht es darum aus.

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Vom Heinz nimmt sie 'ne Hose,
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Die war vom Militär,
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Sie sitzt ihr nicht zu lose
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Und wirkt auch nicht zu leer.

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Des Uniformrocks Watte
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Drückt etwas um die Brust.
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Doch gut sitzt die Kravatte,
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Und man spaziert mit Lust.

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Die Menschen im Gedränge,
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Die weichen selten aus,
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Und oft geht aus der Enge
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Ein Mensch getrennt heraus.

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Herr Heinz, er tat verlieren
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Die Martha; angst und bang
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Sucht er auf allen Vieren
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Und sucht sie stundenlang.

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Verfolgte die Soldaten
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Und untersucht ihr Haar.
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Doch meist sie kurzes hatten
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Und Martha's länger war.

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Die kommt spät heim zur Mühle
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Als Korporal abnorm.
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Dem Müller 's nicht gefiele,
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Säh er die Uniform.

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Doch fühlt sie kein Erschöpfen,
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Der Ausflug tat so gut.
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Sie tut den Rock aufknöpfen
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Und fühlt Soldatenmut.

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Sittsam schleicht sie zur Kammer,
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Legt an die Weibertracht.
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Ruft ohne Katzenjammer:
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»herr Müller, gute Nacht!«

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Der ließ sich gar nicht stören!
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Früh denkt er nur: was hat –
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Das ist doch zum Empören –
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Die Frau für 'ne Kravatt?

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Die Martha, ach, sie hatte
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Noch immer um den Hals
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Die Militärkravatte.
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Gut stand's ihr jedenfalls.

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Doch tat sie sich schnell fassen.
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Als sie der Müller weckt,
143
Sprach sie zu ihm gelassen:
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Sie halte nichts versteckt.

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Kravatten sei'n erfunden,
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Galvanisch für die Zähn',
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Und düstre Fistelstunden,
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Die würden auch vergehn.

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Der Müller mußt' es glauben,
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Wollt er es oder nicht,
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Wenn ihm auch Zipfelhauben
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Samt Kopf daran zerbricht.

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Und als es sich so machte,
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Daß er mal Zahnweh hat,
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Frau Martha heimlich lachte,
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Sprach: »Kauf Dir 'ne Kravatt!«

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Doch ach, bei der Geflügel-
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Ausstellung in der Stadt,
159
Da hält er ihr die Zügel,
160
Martha nicht Freiheit hat.

161
Der Müller die Frau Martha
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Mit keinem Worte schont
163
Und spricht: »Du bist vernarrt, da
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Herr Heinz die Stadt bewohnt.«

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Der Müller will nur sprechen
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Von Viechern, und er höhnt:
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»du sollst nicht Ehe brechen,
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Heut' werd' ich preisgekrönt.«

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Dann bei der Hahnparade
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Kriegt ein Diplom der Mann,
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Gewinnt bei dem Glücksrade
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'nen Bramaputrahahn.

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Macht dann im Glück 'ne Pause,
174
Daß er sich Wein bestell',
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Den Hahn bringt zum Gasthause
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Er spät im Korbgestell.

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Stellt sorgsam ihn ins Zimmer,
178
Und dunkel war's zur Nacht.
179
Gut schläft er dann wie immer,
180
Hat nicht an Heinz gedacht.

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Doch Martha möcht' kopfstehen
182
Vor Liebe und vor Wut,
183
Und nur der kann's verstehen,
184
Der Andere lieben tut.

185
Da kam ans Bett geschlichen
186
Der Heinz, ruft: »Martha, komm!«
187
Fast wäre sie verblichen.
188
Denn es spricht vom Diplom

189
Im Schlaf der feiste Müller,
190
Und Martha wartet heiß.
191
Erst als er wieder stiller,
192
Verläßt sie ihn ganz leis.

193
Sie fühlt des Heinzen Lippen,
194
Das hat so wohl getan.
195
Doch plötzlich hört man kippen
196
Das Korbgestell vom Hahn.

197
Der Müller könnt' erwachen –
198
Heinz zieht die Martha schnell –
199
Als sie die Tür aufmachen,
200
Scheint Mond aufs Korbgestell.

201
Den Hahn tut Mondschein wecken,
202
Er glaubt, 's ruft Tagespflicht,
203
Da er im Korb muß stecken,
204
Verwechselt er das Licht.

205
Es kreischt der Bramaputra
206
Sein höchstes Kikeri.
207
Der Müller dreht sich um da
208
Und brummt: »das Hahnenvieh!«

209
So hat Herr Heinz entführet
210
Ein Weib vom Ehebett.
211
Wer liebt, für den gebühret,
212
Daß er es besser hätt'.

213
Und heut fühlt sie Herzschwäche,
214
Ein Mühlrad könnt man drehn.
215
Die Tränen wie Sturzbäche
216
An Heinzens Sarg hingehn.

217
»und jetzt«, schloß hier die Amme
218
»will ich Kaffee einschenken.
219
Wahr ist's: kein Herz verdamme!
220
Tut's auch die Ehe kränken.« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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