»ja,« kam's von einer Andern

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Max Dauthendey: »ja,« kam's von einer Andern Titel entspricht 1. Vers(1892)

1
»ja,« kam's von einer Andern
2
»hab's Herrn Heinz nie verdacht,
3
Sein Herz tat fleißig wandern,
4
Es war dazu gemacht.

5
Auch meine Frau tut gleichen
6
Der Frau Brigitte sehr.
7
Zwei Männer, ganz als Leichen,
8
Gab sie für Heinzen her.«

9
Die sieben andern Ammen
10
Taten ans Herz sich fassen.
11
Sie rückten eng zusammen
12
Und stellten fort die Tassen.

13
»die Fürstin«, sprach die Eine
14
Und wischte sich den Mund,
15
»warf Perlen vor die Schweine
16
In ihrer Hochzeitsstund.«

17
Es ward Bonaventura
18
Bald untreu ihrem Mann.
19
Weil von ihm kaum 'ne Spur da,
20
Von dem, was da sein kann.

21
Mit einem Wort, es lebte
22
Der Fürst nur von Morphin.
23
Der Fürstin widerstrebte
24
Alles, was Medizin.

25
Sie fühlte sich verstanden
26
Vom Attaché de l'O ....,
27
Und da sie sich schon kannten,
28
Traf man sich leicht mal wo.

29
Sie kam im dichten Schleier
30
Zum ersten Rendez-vous.
31
Im Wald fühlt man sich freier,
32
Nur Bäume sehen zu.

33
Doch wie die Fürstin schwärmend
34
Anschaut den Attaché,
35
Schien er ihr nicht erwärmend,
36
Weil jemand in der Näh.

37
Ein Mann suchte für Tinte
38
Galläpfel, und es blitzt
39
Sein Aug wie eine Flinte,
40
Sein Blick, der zielt und sitzt.

41
Der Mann folgt ihren Schritten,
42
Zuerst war sie empört.
43
Er hat in Waldesmitten
44
Ihr Rendez-vous gestört.

45
Und auch am nächsten Tage
46
War überall er da.
47
Der Wald ward eine Plage
48
Frau Bonaventura.

49
Gewisse Augen sitzen
50
Von manchem Mannsgesicht.
51
Dann muß jed' Weib erhitzen,
52
Will sie es oder nicht.

53
Sie konnt ihn nicht vergessen.
54
Und er, der so geschaut,
55
Das ist Herr Heinz gewesen –
56
Sein Herz nahm sie zur Braut.

57
Der Attaché, nicht näher
58
War der von Heinz entzückt
59
Er glaubt, es wär ein Späher
60
Vom Fürsten ausgeschickt.

61
Darum schlug er zur Schonung,
62
Für Auge und für Ohr,
63
Auf morgen seine Wohnung
64
Als Rendez-vousplatz vor.

65
Die Fürstin in Gedanken
66
Sagt' gleichgültig nur: Ja.
67
Denn bei den Liebeskranken
68
Ist wenig Stimme da.

69
Fürstin Bonaventura
70
Hat sich nicht eingestellt.
71
Sie fand, 's wär mehr Natur da,
72
Wenn sie den Waldweg wählt.

73
Und diesmal wich die Fürstin
74
Dem Augenblick nicht aus,
75
Sie lehnte sich an Heinz hin,
76
Sprach: »Hier bin ich zu Haus.«

77
Denn bei ihm fand sie Sprache,
78
Er schwört bei jedem Kuß.
79
Natürlich war die Sache
80
Und nicht bloß, weil man muß.

81
Er tat nicht Galle suchen,
82
Er suchte ihren Mund.
83
Und unter grauen Buchen,
84
Da trieben sie es bunt.

85
Wie Zweige vom Epheue
86
War Leib an Leib gerankt.
87
Sie schwuren schwere Treue,
88
Und niemals würd' gezankt.

89
Sie konnt' ihn los nicht lassen,
90
Noch wie der Mond aufging,
91
Küßt sie ihn ohne Maßen –
92
Der Wald fast Feuer fing.

93
Sie sprach: »Ich bin entschlossen,
94
Noch heute reiß ich aus,
95
In meiner Staatskarossen
96
Fliehn wir zur Stadt hinaus.«

97
Sie nahm all ihre Broschen
98
Und's silberne Besteck.
99
Der Fürst fror in Galoschen,
100
Starb Mittags noch am Schreck.

101
Herr Heinz und seine Fürstin,
102
Sie flohn durch Feld und Straß'.
103
Die Pferde flogen glatthin,
104
Weil nichts im Wege saß.

105
Doch an dem nächsten Flecken
106
Traf sie ein langer Brief;
107
Und dieser tat bezwecken,
108
Daß nachts man nicht mehr schlief.

109
Der Attaché schrieb klagend:
110
Er wollt' sie nochmals sehn,
111
Der Fürstin Lebwohl sagend,
112
Nur so könnt' er bestehn.

113
Er sei im städt'schen Garten
114
Mittags von eins bis zwei.
115
Und möcht' nicht länger warten,
116
Auf's Höchst' bis Viertel drei!

117
Und sei sie nicht entschlossen
118
Und käme nicht genau,
119
So hätt' er sich erschossen –
120
Er schösse nicht in's Blau.

121
Die Frau wollt' er verfluchen,
122
Dies Weib, das ihn betört;
123
Sein Geist würd' sie aufsuchen,
124
Auch wenn er nächtlich stört.

125
Die Fürstin las das Schreiben
126
Dem Heinzen, Satz um Satz.
127
Heinz zwang sie nicht zu bleiben,
128
Sprach: »Geh hin, schönster Schatz!

129
Hast meine warmen Küsse
130
Als einen Talisman,
131
So daß Revolverschüsse
132
Und Dolch nichts schaden kann.«

133
Die Fürstin ging zum Garten,
134
Wie Heinzen ihr's empfahl.
135
Sie tat bis zwei Uhr warten
136
Und tat es ohne Qual.

137
An Heinz dacht' sie beständig,
138
Um zwei ging sie nach Haus.
139
Froh, daß sie ganz lebendig,
140
Zog sie die Uhr heraus.

141
Schob sacht den Zeiger weiter,
142
Den sie vorher verstellt.
143
Denn deshalb hat sie leider
144
Das Rendez-vous verfehlt.

145
Sie hat sich schlau gerettet
146
Aus dieser schweren Stund.
147
Und Heinz hat recht gewettet:
148
Sie kehrte heim gesund.

149
Doch abends, da sie eben
150
Im Bett ihr Haar aufsteckt,
151
Sieht sie was Weißes schweben.
152
Was Schüttelfrost erweckt.

153
Sie muß ans Bettend starren,
154
Als müßt' dort Jemand stehn.
155
Mit Angst in allen Haaren
156
Muß sie das Weiße sehn.

157
Heinz sagt, es ist 'ne Falte
158
Im Vorhang. 'S geht nicht fort.
159
Sie fühlt die Luft, die kalte, –
160
Der Attaché sitzt dort.

161
Sie floh in Schreckensnöten
162
Zu Heinz unter die Deck.
163
Da muß der Geist erröten,
164
Und später blieb er weg.

165
Doch eh er ging für immer,
166
Sprach er: »Bonaventur,
167
Du Weib, Du bist noch schlimmer
168
Wie's Weib sonst von Natur.«

169
Und früh las sie im Blatte,
170
Man fand den Attaché
171
Erschossen, wo sie hatte
172
Verfehlt ihn ganz exprés.

173
So tat Bonaventura
174
Aus Liebe zu Herrn Heinz.
175
Für ihn war sie jetzt nur da,
176
Und alles war ihr eins.

177
Liegen so Zwei im Bette
178
Und kommt auch noch ein Geist,
179
Sind sie der Nachwelt fette
180
Beweis', was Liebe heißt.

181
Und heut weint meine Fürstin
182
Noch mehr als Jede weint.
183
Es starb ihr Lebensgeist hin
184
Mit Heinzen, ihrem Freund.

185
»auch ich«, schloß hier die Amme
186
»will jetzt Kaffee einschenken.
187
Wahr ist's, kein Mensch verdamme!
188
Das Leben gibt zu denken.« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.