Abenteuer der ersten Amme

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Max Dauthendey: Abenteuer der ersten Amme (1892)

1
Herr Heinz lag früh im Lenzen
2
In einem langen Sarg,
3
In rädergroßen Kränzen
4
Sein Schelmgesicht er barg.

5
Am Hemd floß rot ein Fädchen,
6
Dieweil er holde Ehr'
7
Von seinen schönen Mädchen
8
Verteidigte zu sehr.

9
Herr Heinzen lag erschossen,
10
Es war ein arger Schlag;
11
Die schönsten Tränen flossen
12
An seinem Todestag.

13
Es war ein Schlag, ein harter,
14
Acht seiner liebsten Frauen
15
Mußten von dieser Marter
16
An einem Tag ergrauen.

17
Sie fanden sich zusammen
18
Und hielten Totenwacht
19
Und haben Kind und Ammen
20
Zum Sterbhaus mitgebracht.

21
Sie saßen hell in Tränen
22
In dickem Trauerflor,
23
Voll Schmerz bis zu den Zähnen,
24
In Schwarz bis an das Ohr.

25
So saßen, wie acht Geister,
26
Die Frau'n im fünften Stock,
27
Und unten beim Hausmeister
28
Die Ammen Rock bei Rock.

29
Auch sie hockten beisammen,
30
Schauernd bis ins Gebein.
31
Es schenkten die acht Ammen
32
Sich heißen Kaffee ein.

33
Sie schürten in dem Ofen,
34
Das Feuer machte Mut.
35
Nie fehlt's an Redestoffen
36
Dem Domestikenblut.

37
Kaffee, er läßt die Zungen
38
Wie Flämmlein weitergehn,
39
Und Jede wird gezwungen
40
Brühheiß was zu gestehn.

41
So auch die warmen Ammen,
42
Sie hielten nicht mehr an,
43
Taten ihr Herz auskramen,
44
Und jede kam daran.

45
Und Jede ihrer Herrin
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Darin den Vorzug gibt:
47
Kein Weib sei in der Welt drin
48
Vom Heinzen mehr geliebt.

49
Herr Heinz, er war ein Sünder,
50
Dem man mit Himmeln lohnt.
51
Denn – lobten die acht Münder –
52
Zu schön er küssen konnt.

53
»ja nie«, begann die Eine,
54
»niemand den Mann verdamm,
55
Für den die Frau, die meine,
56
Fast zum Schafott hinkam.

57
Die Mutter wollt nicht geben
58
Den Heinzen ihr als Mann,
59
Brigitt nahm ihr das Leben,
60
Wofür sie fast nichts kann.«

61
Die sieben andern Ammen
62
Taten ans Herz sich fassen.
63
Sie rückten eng zusammen
64
Und stellten fort die Tassen.

65
»die Mutter«, sprach die Achte
66
Und wischte sich den Mund,
67
»brigitte sehr bewachte,
68
Als sie in Blüte stund.«

69
Sie war mit 16 Jahre
70
Noch ein gar wildes Kind,
71
Trug lockenrunde Haare
72
War wirbelig wie der Wind.

73
Sie schritt mit runden Waden,
74
Quecksilbrig war ihr Gang.
75
In ihrer Mutter Laden
76
Zu sitzen sie sich zwang.

77
Gemälde und Antiken
78
Bot sie dort alt zum Kauf,
79
Doch jung den Käuferblicken
80
Fiel die Brigitte auf.

81
Die Mutter, sehr begierig,
82
Erwartet's Angebot.
83
Brigitte fand das schmierig
84
Und wurde öfters rot.

85
Heinz hatte keinen Taler
86
Und wollt um's Mädchen frein.
87
Herr Heinz war auch kein Maler,
88
Nur Liebe flößt's ihm ein.

89
Die Liebe sprach: gehe male,
90
So gut Du kannst, das Kind.
91
Und sag, der Kaiser zahle,
92
Sonst freist du in den Wind.

93
Die Mutter glänzt wie Firniß,
94
Entzückt hört sie die Bitt:
95
Der Kaiser wünscht das Bildnis
96
Von Fräuleinchen Brigitt!

97
Man wünscht sie dort zu schauen,
98
Gemalt auf Leinewand.
99
Herrn Heinz wollt man's vertrauen
100
Und seiner Pinselhand.

101
Die Mutter eigenhändig
102
Nahm ihre Tochter her
103
Und fragte sie lebendig,
104
Ob sie dagegen wär.

105
»der Kaiser will Dein Bildnis
106
Und das ist seine Bitt':
107
Der Herr dort macht den Grundriß.
108
Sieh Dir ihn an Brigitt!«

109
Brigitte, unbefangen,
110
Sah sich den Herren an
111
Und kriegt nicht rote Wangen,
112
Die Jede kriegen kann.

113
Jeder, die noch im Leben
114
Herrn Heinz den Schelm ansah,
115
Mußt einen Ruck es geben,
116
Denn dazu war er da.

117
Sein Blick war wie zwei Hände,
118
Die um die Taille faßten,
119
Trug Frauen durch die Wände,
120
Wenn sie ihm grade paßten.

121
Doch diesmal tat er selber
122
Rot vor Brigitte stehn,
123
Fühlte sich schwach wie Kälber,
124
Die ihren Metzger sehn.

125
Brigitt, backfischverächtlich,
126
Sah zu dem Maler auf.
127
Ihr Blick sprach sehr beträchtlich:
128
Steig mir den Buckel 'nauf!

129
Die Mutter tat's nicht achten.
130
Sie sprach: »Herr Heinz, mein Herr,
131
Ich hege kein Verdachten,
132
Dem Handwerk alle Ehr',

133
Doch bring ich die Brigitte
134
In Dero Malersaal,
135
So bei der Sitzung, bitte,
136
Sitz ich auch jedesmal.

137
Man kann ein Kind nicht einsam
138
Aus seinen Händen geben,
139
Da ich von Gott es annahm
140
Als Kapital fürs Leben.«

141
Herr Heinz durft sich nicht sträuben,
142
Sonst weckte er Verdacht,
143
Tät gern die Mutter stäuben,
144
Weil sie's ihm sauer macht.

145
Tagtäglich naht Brigitte
146
Und sitzt als Kopfmodell.
147
Die Mutter hält auf Sitte
148
Und weicht nicht von der Stell.

149
Heinz rühret alle Farben
150
Auf seine Leinewand.
151
Die Pinsel schnell verdarben,
152
Trotzdem kein Bild entstand.

153
Brigitte fühlt ein Zwicken,
154
Weil sie still sitzen soll.
155
Sie kann sich nicht dreinschicken,
156
Das Zwicken macht sie toll.

157
Herr Heinz wird weiß wie Butter,
158
Da er nichts flüstern darf.
159
Die Ohren dieser Mutter,
160
Sie hören teufelsscharf.

161
Er hat auch keine Eile,
162
Starrt lang auf's Kopfmodell.
163
Brigitt, nach einer Weile
164
Eilt's ihr an jeder Stell.

165
Er bot ihr Zigaretten,
166
Trotzdem man so schon raucht.
167
Brigitte möcht' sich retten,
168
Da frische Luft sie braucht.

169
Nach Wochen wie ein Drachen
170
Sah sie die Mutter nahn.
171
Bös tat die Mutter lachen,
172
Und rief: »Der Malermann,

173
Er hat nicht einen Taler,
174
Just hör ich's vis-a-vis!
175
Und er ist auch kein Maler,
176
Nur ein verliebtes Vieh.«

177
Und ach! Die Mutter machte
178
Der ganzen Sache halt.
179
Da man's ihr hinterbrachte,
180
Daß Heinz um Liebe malt.

181
Herr Heinzen kriegte Fieber
182
Und legte sich zu Bett,
183
Und wünschte, daß er lieber
184
Gar nicht mehr leben tät.

185
Sein Hoffen auf Brigitten
186
Hing an dem dünnsten Haar.
187
Zu lang hat er gelitten,
188
Daß er ganz runter war.

189
Brigitt hatt' eine Freundin,
190
Ein ideales Haus.
191
Zum Laden kam die oft hin
192
Und sprach sich bei ihr aus.

193
Die Freundin sie war älter.
194
Mit seelisch hohem Klang
195
Sprach sie: »Brigitt, gefällt er
196
Dir nicht? Mir ist so bang!

197
Vergeblich war sein Werben.
198
Die Liebe ihn durchbohrt.
199
Herr Heinz, er liegt im Sterben,
200
– Vielleicht ist er schon fort.«

201
Brigitte rief erschrocken:
202
»adele hör mich an!
203
Ich fühlte stets ein Locken,
204
Was ich nicht deuten kann.«

205
»adele«, fleht Brigitte,
206
»dieweil Du älter bist,
207
Hätt ich gern eine Bitte:
208
Sag mir was Liebe ist!«

209
»die Liebe«, seufzt Adelen,
210
»die Liebe ist ein Bann,
211
Der Dich zuweilen quälen,
212
Zuweilen kitzeln kann.

213
Man kann dann kaum still sitzen,
214
Sie zwickt an jeder Stell« – –
215
»o, schweige«, rief voll Hitzen
216
Brigitt das Kopfmodell.

217
»ich hatte immer Eile,
218
Kam ich ins Ateliä,
219
Und wünscht' nach einer Weile,
220
Daß irgend was geschäh.

221
Lebhaft träum ich im Bette
222
Nachts von der Staffelei,
223
Von Pinsel und Palette –
224
Und's Leintuch reißt entzwei.«

225
»brigitte«, sprach Adelen,
226
»so sollte es ja kommen,
227
Ich kann's Dir nicht verhehlen:
228
Mir ist ein Stein genommen.

229
Denn sonst in seinen Schmerzen
230
Stirbt ja der arme Mann.
231
Du mußt ihn liebend herzen,
232
Damit er leben kann.«

233
»und ist er auch kein Maler,
234
Mausarm nur ein Student,
235
Und hat er keine Taler,
236
Weil er nur Schulden kennt, –

237
Was scheren mich die Taler«,
238
So ruft Brigitte schlank,
239
»ich brauch auch keinen Maler,
240
Wird er mir nur nicht krank!

241
Nie durft er mich anfassen,
242
Weil ich mich dumm benahm.
243
Er wurde hohl wie Tassen
244
Und mager von dem Gram!«

245
»ich gehe ihn zu holen!
246
Adele rief: ›Ich geh!‹
247
Dann küßt Ihr Euch verstohlen,
248
Indes ich Wache steh.«

249
Adele ist entwichen
250
Und lief, wo Heinzen wohnt.
251
Vom Tod schon angestrichen,
252
Stand der auf wie der Mond.

253
Kam weiß zur Ladenkammer.
254
Dort ward ihm wohl zu Mut,
255
Weil statt des kalten Jammer
256
Brigitt am Rock ihm ruht.

257
Sie taten Beid' erwarmen,
258
Brigitte küßt mit Lust
259
Und rief in seinen Armen:
260
»hätt ich das längst gewußt!

261
Du hättest nicht gelitten
262
Und wärst nicht krank und weiß.
263
Verzeih Deiner Brigitten!
264
Sie tat es nicht mit Fleiß.«

265
Herr Heinz vom Glück erkoren,
266
Noch schwach von Fiebernacht,
267
Hört dies in seinen Ohren
268
Und weiß nicht, was er macht.

269
Sein Kopf fällt wie 'ne Tonne
270
Schwer in Brigittens Schoß.
271
Ohnmächtig macht ihn Wonne,
272
Brigitte läßt nicht los.

273
Er rutscht ihr vor die Füße,
274
Steif wie ein Leichenam.
275
Das kommt von dem Geküsse,
276
Weil es zu plötzlich kam.

277
Starrkrampf hat ihn genommen
278
Und machte ihn scheintot.
279
»adele, Du mußt kommen!«
280
Brigitte schrie sich rot.

281
Adele sieht den Schrecken,
282
Noch nie kam ihr das vor –
283
Sie stürzt zur Apotheken
284
Und schreit nach dem Doktor.

285
Indessen rauft Brigitte
286
Verzweifelt jedes Haar,
287
Ruft: »Heinz stirb nicht, ich bitte,
288
Heinz, sag es ist nicht wahr!«

289
Da stand die Mutter plötzlich
290
Breit unterm Ladentor.
291
Ach Gott, jetzt wird's entsetzlich!
292
Jetzt geht ein Drama vor!

293
Die Mutter tat ersticken,
294
Sie schrie: »Wie sieht's hier aus!
295
Der Mensch läßt sich noch blicken?
296
Sofort wirf ihn hinaus!«

297
»ach Mutter«, rief das Mädchen,
298
»sieh ihn Dir doch erst an!
299
Es hängt an einem Fädchen
300
Sein Leben nur noch dran.«

301
»da hilft nichts«, kreischt die Alte,
302
»du machst mir Höllenschand;
303
Wenn ich ihn hier behalte,
304
Wirst Du mir stadtbekannt.

305
Wer will Dich dann noch haben,
306
Wenn du die Leut' belehrst,
307
Daß Du Dich Bettelknaben
308
Zum Schleuderpreis verehrst.«

309
»ach Mutter«, fleht sie wieder,
310
»ich liebe ihn so sehr.
311
Ich kniee vor Dir nieder,
312
Doch geb ich ihn nicht her.«

313
Die alten Zähne lachen:
314
»ach Gott, wie mich das rührt!
315
Nur daß bei solchen Sachen
316
Mein Portmonnä nichts spürt.

317
Du willst ich soll Dich geben
318
Dem billigen Student?
319
Zu lieb ist mir Dein Leben,
320
Das seinen Preis nicht kennt.

321
Nie sag ich hier mein Amen,
322
Nie wird hier etwas draus!
323
Ich nehm Herrn Heinz den Lahmen
324
Und schleife ihn hinaus.«

325
Zu Stein erstarrt Brigitte,
326
Es friert sie jedes Haar.
327
Dann naht Adel' als Dritte
328
Mit einer Krankenbahr.

329
Man trägt Heinz aus der Türe.
330
Brigitt will hinterdrein,
331
Wenn nicht dazwischenführe
332
Die Mutter ganz gemein.

333
Die Mutter fährt dazwischen
334
Und schreit: »Du gehst nicht fort!
335
Du sollst mir nicht entwischen!
336
Dies ist mein letztes Wort.«

337
Sie tut die Türe riegeln
338
Mit höhnischem Gesicht.
339
Jetzt muß es sich besiegeln:
340
Liebt Brigitt oder nicht.

341
»die Mutter steht im Wege,
342
Die Mutter sie muß fort,
343
Wenn ich auch Hand anlege –
344
Dies ist mein letztes Wort.«

345
Ein Messer sonst für Butter,
346
Auch Käs man damit schnitt,
347
Mit ihm stürzt sie zur Mutter,
348
Und stößt's ihr in die Mitt!

349
Die Mutter schreit: »Brigitte!«
350
Dann fällt sie um mit Tod.
351
Ach, nach solch hartem Schritte
352
Hat Jeder seine Not.

353
Brigitte kniet und zittert:
354
»ach, Mutter sei beklagt!
355
Du hast mich so erbittert,
356
Hättest Du Ja gesagt!«

357
Madonna und Gottvater
358
Sie mögen ihr verzeihn.
359
Nach rascher Tat der Kater
360
Wirkt furchtbar hinterdrein.

361
Brigitte zieht die Leiche
362
Aufs nächste Kanapee,
363
Und fühlt ein kalt Geschleiche
364
Vom Herz bis in den Zeh.

365
Dann seufzend eilt Brigitte,
366
Wohin man Heinzen trug.
367
Kaum hört er ihre Schritte,
368
Als er sein Aug aufschlug.

369
Er lag beim Kerzenschimmer
370
In seinem Eisenbett,
371
In dem Studentenzimmer.
372
Ach, wenn er's besser hätt!

373
Adele sitzt daneben
374
Und wacht mit jedem Ohr,
375
Tat ihm Umschläge geben,
376
Wobei sie selber fror.

377
Da kam Brigitte blühend
378
Und fiel ihm um den Hals.
379
Ihr Mund, der rief so glühend:
380
»dein bin ich jedenfalls.«

381
Heinz sprach: »Ich fühle Leben
382
Und steig wie aus dem Grab.«
383
Da seufzt Brigitte: »Eben,
384
Und mich senkt man hinab.«

385
»was willst Du damit sagen?«
386
Fragt Heinz die junge Braut.
387
»die Mutter liegt erschlagen,«
388
Gestand Brigitte laut.

389
»es klebt an meinen Händen
390
Noch warmes Mutterblut.«
391
– Heinz glaubte zu verenden –
392
– Schon wieder ging's nicht gut.

393
»ich tat's der Liebe Willen,
394
Gott segnet diesen Mord!
395
Kalt Blut soll keiner stillen,
396
Es laufe lieber fort.

397
Dies Blut, es wollt' uns trennen,
398
Dies Blut besaß kein Herz;
399
Dies Blut, es wollt' nur kennen
400
Verstand als größten Schmerz!«

401
Brigitte muß heiß sprechen.
402
Adele ward ganz steif,
403
Sie fühlte Seitenstechen –
404
Brigitte sprach so reif.

405
Doch dann, als sie die Beiden,
406
Verzweifelt küssen sah,
407
Wollt' sie mit Freuden leiden, –
408
Sie fühlt sich dazu da.

409
Adel' fühlt sich gehoben,
410
Adel' war ideal,
411
Sie muß es laut geloben:
412
»ich helf auf jeden Fall.«

413
»brigitte«, sprach Adele,
414
»fürcht nicht die Polizei!
415
Ich schwör's bei meiner Seele,
416
Ich sag's, daß ich es sei.«

417
Sie tut nicht lange warten,
418
– Adele war stets prompt –
419
Sie lief durch Straß und Garten,
420
Bis sie zur Leiche kommt.

421
Sie meldet sich in Eile
422
Sogleich der Polizei,
423
Nach einer kleinen Weile
424
Lief alle Welt herbei.

425
Man sucht Fräulein Brigitte,
426
Daß man es ihr erzähl;
427
Spricht vorsichtig mit Sitte:
428
Der Mutter etwas fehl,

429
Man will sie nicht erschrecken,
430
Sagt: Mutter ist nicht wohl. –
431
Brigitt möcht' sich verstecken,
432
Sie wird verwirrt und toll,

433
Sie sagt: Jawohl, sie habe
434
Das alles selbst getan,
435
Und bis zu ihrem Grabe
436
Denke sie ewig dran.

437
Die Leut' sind voll Entsetzen,
438
Man ruft die Polizei.
439
Heinz sprach: »Sie tat nur schwätzen,
440
Und es war nichts dabei.«

441
Brigitt mit schweren Worten
442
Sagt: »Höret ihn nicht an!
443
Adele tat nichts morden.

444
Dann mit verrauftem Haare
445
Sagt sie dem Heinz Lebwohl,
446
Weil sie wohl fünfzehn Jahre
447
Und länger sitzen soll. –

448
Kaum kam sie aus dem Kerker,
449
Kaum ist die Strafe gar,
450
Fühlt sie die Lieb noch stärker,
451
Als sie je vorher war.

452
Heinz muß ihr Küsse geben,
453
Die schönsten von der Welt.
454
Seht Ihr, wie doch im Leben
455
Lieb' über's Zuchthaus hält.

456
Wo Zweie tüchtig küssen,
457
Da sollt' man weit und breit
458
Endlich einsehen müssen:
459
Manch Mord hat Heiligkeit.

460
Brigitt sitzt jetzt in Schmerzen,
461
Weint mehr als Jede weint,
462
Die er mit Lust tat herzen,
463
Heinz der Madonnenfreund.

464
Denn meine Frau Brigitte,
465
Sie kaufte ihn mit Blut.
466
Tat einfach alle Schritte,
467
Die man dem Liebsten tut.

468
Und jetzo,« schloß die Amme,
469
Will ich Kaffee einschenken.
470
Kein Mensch zu schnell verdamme!
471
Das Leben gibt zu denken.« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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