[mein Magen, der von Leid ganz klein]

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Max Dauthendey: [mein Magen, der von Leid ganz klein] (1892)

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Mein Magen, der von Leid ganz klein,
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Ließ kaum den Durst und Hunger ein;

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Mein Geld war längst in fremden Händen,
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Ich lebte schon mit lahmen Lenden;

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Lehrreich ist zwar Philosophie,
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Sehr sättigend ist sie doch nie,

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Und niemand einem etwas schenkt,
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Für all das Geld, das man sich denkt.

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Wollt' mich vom Leben nicht entfernen,
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Fabrizierte Nachtlichtlaternen,

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Laternen, schön aus buntem Glas,
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Leuchten zu Haus und auf der Straß',

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Darauf male ich manchen Reim,
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Leute leuchten sich damit heim.

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Doch öfters leg' ich mir die Karten,
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Denn wünscht man was, tut man's erwarten.

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Noch einmal wünsch' Frau Königin
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Ich mir an meinen Busen hin.

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Nur eine Nacht, voll von Vergessen,
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Soll sie sich liebend mit mir messen,

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Und dann soll kommen was da will,
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Das Leben bringt ja stets so viel. –

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Wie man von Loreley es weiß,
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Ihr Haar tötete gern mit Fleiß.

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Tat sie beim Kämmen auch noch singen,
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Gleich ganze Schiffe untergingen.

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Jetzt wie ein Spuk es öfters war,
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Braun bin ich und fand blondes Haar,

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Fand's noch im Ärmelfutter hängen
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Und weiblich waren seine Längen.

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Die Uhr blieb mir vor Schreck dann stehn,
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Sehnsüchtig tat ich um mich sehn

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Das Goldhärlein flog zitternd hoch,
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Der Kopf dazu fehlte jedoch.

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Tief seufzend fiel ich jedenfalls
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Dem goldnen Härlein um den Hals.

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So kommt sie stellenweis nur an
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Als Schattenbild zum Schattenmann.

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Guckt mir der Abend in die Fenster,
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Nahn glucksend die Liebesgespenster,

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Schneuzend brauch' ich dann Taschentücher,
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Stöhnend wie über schöne Bücher.

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Seh' sacht Frau Königin entstehn,
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Aus der Tapet ins Zimmer gehn,

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Verrückt wird dann das ganz Haus,
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Schwimmt als ein Schloß ins Meer hinaus,

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Die Pfützentümpel auf der Straße,
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Die werden Austerbänke, blasse,

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Mein Herz schlägt schwerer als ein Gong
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Königin tritt zum Schloßbalkon,

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Wo sie dem Meer sich zeigen läßt,
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Und alle Fische halten Fest.

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Fische schnellen zum Speisesaal
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Auf Silberplatten ohne Zahl,

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Hirsche vom Walde springen hin
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Auf Monsterplatten, schwer aus Zinn,

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Und Schafe tuen lieblich blöken
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Und nicht wider den Bratspieß löken,

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Alle sind Frau Königin gut
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Und braten sich aus Liebesglut.

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Und jedes Bein vom Speisetisch,
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Blüht flott als Weinstock grün und frisch

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Und trägt schon zum Dessert die Trauben;
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Man wird das wahrscheinlich kaum glauben.

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Königin spricht. »Glück war Geruch,
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War wie etwas im Taschentuch,

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Glück lag tief vor uns auf dem Bauch
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Und räucherte wie Weiherauch,

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Glücksgeruch badete mein Blut,
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Ich roch einst selber mir so gut,

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Ließ Sonne nach Belieben scheinen,
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Selbst Meerrettich machte nicht weinen.«

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Sie tut die Sonn' vom Nagel nehmen,
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Damit die Stern' als Lampen kämen.

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Wir tuen dann den Mond aufhängen
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Und drunter Lipp' an Lippe drängen.

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Die Uhr schlägt wie die Nachtigall
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Und sagt nicht mehr der Stunden Zahl ...

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So träum' ich nächtlich ins Nachtlicht;
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Seufzend geht's aus, das Zimmer riecht

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Nach weichem Öl und warmem Rauch,
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Mond lehnt mir leer und kühl am Bauch,

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Aus Zeitungspapier scheint der Mond,
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Alt, daß sich nichts zu lesen lohnt.

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Die Häuser, Droschken, Ladenfenster
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Sind nur Pappendeckelgespenster,

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Gleich Papierpüppchen anzuschaun,
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Tänzeln vorbei Herren und Fraun.

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Und geh' ich früh zur Stadt hinaus,
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Sehn Wolken wie Nachtmützen aus.

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Es gähnen Bäum', Wolken, Erdscholl',
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Schafherden gähnen weiß aus Woll',

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Es gähnt das Feuer in der Schmied',
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Ein Riesenschlaf aus allem zieht,

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Der Pflug im Acker fällt um still,
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Weil Gaul und Bauer gähnen will,

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Der Bach sich dicht ans Ufer lehnt,
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Wasser, Luft, Erde, Feuer gähnt,

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Türme kein Gleichgewicht mehr haben,
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Gähnend fallen auf mich die Raben,

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Seh' alle Ding' im Schlaf fortschweben,
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Frage mich: »Bin ich noch am Leben?«

103
Vielleicht sind's tausend Jahre bald,
104
Seit ich einschlief und schlief mich alt.

105
Möchts gern noch allen Leuten sagen,
106
Wie schön's war, Liebe zu ertragen.

107
Die Liebe ich allmächtig fand,
108
Der Tod ist nur interessant.

109
Werden mir dunkel jetzt die Fenster,
110
Seh' ich im Tode nicht Gespenster.

111
Mache nur still die Augen zu,
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Weh tat noch keinem Mensch die Ruh'.

113
Das Essen uns nur teilweis zündet,
114
Wenn es uns so behaglich ründet.

115
Weisheit erquickt, wenn sie uns paßt,
116
Man fühlt sich blendend angefaßt.

117
Doch Liebe uns ganz voll entzückt,
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Verliebt fühlt sich der Floh entrückt.

119
Die Liebe ist im Weltall Trumpf,
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Auch unten bei dem Frosch im Sumpf.

121
Verliebtsein ist das Himmelreich,
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Da sind sich Mensch, Tier, Pflanze gleich.

123
Verliebt geht man aus sich heraus,
124
Pflanze, Tier, Mensch sehn prachtvoll aus.

125
Liebe im Mittelpunkt dasteht,
126
Die ganze Welt sich darum dreht.

127
Und tut ein altes Herz verderben,
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Um neu zu lieben, kann es sterben.

129
Doch mach' ich aus dem Tod kein Fest,
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Da man sich gern beweinen läßt.

131
Und nicht wie sterbend ein Cäsar,
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Befiehlt Applaus der Balthasar.

133
Ich ruf', wenn ich den Leib fortschiebe:
134
»die Lieb' ist tot! Es leb' die Liebe!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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