[dreht sich die Welt dir so ganz um]

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Max Dauthendey: [dreht sich die Welt dir so ganz um] (1892)

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Dreht sich die Welt dir so ganz um,
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Siehst du auch gute Dinge krumm.

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Bei meiner Stadt steht nämlich Wald,
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Der ist schon mythologisch alt;

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Wildschweine hausen hinter Eichen,
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Wo Borsten sie an Rinden streichen.

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Es rauchen Meiler still verstohlen,
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Zum Bügeln macht man dort die Kohlen.

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Still ist es, wie in jedem Wald,
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Und eingeschlafen ist man bald.

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Sehr früh ist dann die Morgenstund',
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Denn Vögel halten schwer den Mund.

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Sie ziehen ihre Töne lang,
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Dann ist der Wald voll Vogelsang.

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Zum Wald kam ich im Sommer hin,
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Doch abfärbend schien mir sein Grün,

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Leichengrün spielten meine Hände,
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Und ringsum nahm der Wald kein Ende.

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Die Wege waren regenglatt,
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Denn Sonne fand nur draußen statt;

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Die Regenschnecken, schwarz wie Grauen,
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Krochen wie Finger, abgehauen;

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Stinkpilze saßen da verlegen
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Und konnten sich wie Dreck nicht regen;

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Mit einem Wort, mir war's nicht wohl
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Und mir war nicht, wie mir's sein soll.

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Und ist solch' Tag dann endlich aus,
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Dann schläft man in dem Waldwirtshaus.

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Und dort ich's Mohrle treffen tät,
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Nacht war's, und sie kam an mein Bett.

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Ich mußte tiefen Atem holen,
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Als würde wieder was gestohlen.

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Sie tat an meinem Bette stehn,
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Ich bat, sie sollt' nicht näher gehn.

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Ich sprach: »Ich bin noch seelenkrank,
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Geh fort und fürcht meinen Gestank.

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Vorläufig hass' ich jedes Lieben,
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Vergib, daß du mir treu geblieben.«

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Sie war der Mutter still entwichen,
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Im Hemd verklärt hereingeschlichen,

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Sie kam wie Zigarettenduft
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In meine Seelenzimmerluft,

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War für die Nase Rosenholz
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Und für das Herz ein Armbrustbolz,

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War wie das Rote in dem Blut
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Und wie ein Blutkörperlein gut.

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Doch trug sie in dem Aug' die Nacht,
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Die mir Königin tot gemacht,

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Wie Flecken, die nicht weitergehn
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Und jeder Wäsche widerstehn.

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Sie zitterte auf nackten Zehen,
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Tat wie ein Streichholz leis ausgehen,

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Sprang früh wild in den Wald hinaus
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Und kam des abends erst nach Haus.

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Trat ihre roten Schuhe schief,
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Als sie im Wald nach Schweinen lief;

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Hat sich im Wald ganz hart gesessen,
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Wünschend, ein Wildschwein mög' sie fressen,

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Wünschend, ein Pilz mög' sie vergiften,
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Oder sonst was den Tod ihr stiften.

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Die Schweine ließen sie in Ruh',
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Die Pilze sahen ihr nur zur,

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Bäume standen wie Wand an Wand,
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Daß sie mit Einsicht stille stand.

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Sie kam zu einem Weiher hin,
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Und auf dem Kopf sah sie sich drin,

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Sie weinte auf ihr Spiegelbild,
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Das machte sie mit sich so mild.

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Sie sprach: »Bin ich wo zu Besuch,
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Heimlich ich oft in Büchern such'

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Ein Ammenlied, man sang's als Kind,
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Und von dem Lied ich's End' nie find'.

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Wie dieses Lied macht mir jetzt Not
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Die Lieb', ich find' nicht ihren Tod.

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Ich brauch' ins Wasser nicht zu tunken,
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Ich fühle mich schon halb ertrunken,

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Heimkehre ich erst recht jetzt heiter,
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Leb' noch mit einer Hälfte weiter.

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Sie nahm ihr Tüchlein aus der Taschen,
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Hat die Pupillen rein gewaschen.

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Blaß sah das ganze Mohrle aus,
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Und es erkannt' sie kaum das Haus.

83
Die Haustür stand vor Staunen offen,
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Dort hat den Balzer sie getroffen.

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Bist du gestorben,« fragte er,
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»blaß bist du wie das weiße Meer?«

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»ich bin nicht tot und nicht begraben,
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Das Wildschwein nicht mal wollt' mich haben,

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Ich fühle mich nur ausgerottet,
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Daß es jeder Beschreibung spottet.«

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Da seufzte Balzer: »Du weißt dies:
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Frau Königin mich kalt entließ,

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Heut hat sie Einen krönen lassen,
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Ich bin enttront und tu mich hassen.

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Dachte, daß man stets Liebe spielt,
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Doch macht's die Königinnen wild,

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Und schwarze Mohrle werden weiß,
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Weil ich sie wie der Tod anbeiß!

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Verpfändet fühl' ich meine Glieder,
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Ich lege mich verschlafen nieder,

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Fühle mich, wie Kamele gehn,
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Vorläufig tu ich Wüsten sehn.

103
Doch einst komm' ich an deine Brüste,
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Fata Morgana in der Wüste,

105
Du weißt, unlöschbar ist mein Durst.
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Bin hoffentlich dir dann nicht Wurst?«

107
»topp«, rief das Mohrle, »angenommen,
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Kannst gehen und kannst wiederkommen,

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Kamel, dein Mohrle wird dich tränken,
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Dir in Oasen Palmschnaps schenken.

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Denn sieh, ich sprach niemals im Fieber,
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Liebe geht nicht nur so vorüber,

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Du kannst verachten mich und schlagen,
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Kannst kopfstehn selbst auf meinem Magen,

115
Kannst alle Schaltjahr wiederkommen,
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Wirst wie der Sonntag angenommen.

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Statt daß ich mit dem Tode tausch',
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Wünsch' ich mir oft noch deinen Rausch,

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Wollen mit Seufzern nichts verderben,
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Helden sollen berauscht nur sterben.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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