[nun will ich jene Nacht schön schildern]

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Max Dauthendey: [nun will ich jene Nacht schön schildern] (1892)

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Nun will ich jene Nacht schön schildern,
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Die ich chimärisch seh' in Bildern.

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Alles in einer Welt vergeht,
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Wo alles fein aus Nippes besteht.

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Man wagt dort kaum daran zu rühren,
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Fürchtend, die Dinge könnten's spüren.

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Wie Rokokko aus Porzellan,
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So zart sah sich das Mohrle an.

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Und nach den weiten Globusfahrten
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Trat ich ans Tor zum Spielzeuggarten.

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Die Landschaft wurde Miniatur,
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Der Mond hing da als Ohrring nur.

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Gelächter war wie Schlittenglocken,
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Schnee war nur Puder für die Locken.

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Sorg' wirkte nur als Schönheitsmouche,
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Ein Pünkilein, das sich leicht fortwusch;

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Für Langweil' gab's Musik und Schuh,
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Man drehte sich und sieht nicht zu;

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Weltteile sind nicht, nur das Plätzlein,
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Das gut warmhält Kater und Kätzlein.

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Und außerdem man nichts vermißt,
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Hat man den Mund, der selig küßt.

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Mohrle spielte gern Maskerad',
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Weil's Lachen niemand wehe tat.

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Als Kind schon liebte sie mit Bangen
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Ganz raffiniert das Spiel mit Schlangen.

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Natter und Blindschleich', wenn sie fand,
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So nahm sie flott die in die Hand

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Und ließ sie züngeln sich zum Hohn.
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Was tut's, man stirbt ja nur davon.

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Und sie vergaß sich dabei ganz
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Und pfiff den Schlangen auf zum Tanz.

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»warum soll nicht auch Böses leben?«
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Sprach sie, »Gott tat ja alles geben.«

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So wie der Schnee sanft niederfällt,
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Hat sie sich mir still zugesellt.

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So selbstverständlich sah das aus
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Wie Luft vom Garten in das Haus.

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Schwarz ist mein Haar, weiß sind die Kissen,
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Ich lieb' dich, rein ist mein Gewissen.

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Ein Glasleuchter hing von der Decken,
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Gut roch Wachslicht in allen Ecken.

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Wachsduft ging um das Mohrle her,
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Als ob sein Herz zerschmelzend wär'.

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Und alle Möbel wurden stolz,
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Und köstlich roch ihr kostbar Holz.

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Auf meinem Bett, wo's Mohrle saß,
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Kein Wurm im Holz mehr weiterfraß.

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Wachslicht tat jede Nacht austreiben,
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Die Nacht machte nur schwarz die Scheiben.

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Und wie ein Wachslicht, süß entzündet
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Hat's Mohrle seinen Mund geründet.

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Sein Auge wurde heiß und feuchter,
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Durchsichtig wie der Kronenleuchter.

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Haarnadeln gingen langsam auf,
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Wie Pech schlug's Haar an mir hinauf.

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Es schüttelte das Mohrle sich,
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Und Locken krochen über mich.

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Und wie Korkzieher eine Flasche,
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Zog sie mir's Herz auf in der Tasche.

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Das Küssen drang uns in die Rippen,
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Und Kuß um Kuß sprang von den Lippen.

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Und wie zwei Milchtöpf' überlaufen,
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So konnten unsre Köpf' kaum schnaufen.

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Mein Herz stand endlich an dem Ziel
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Wie ein Rad heißgelaufen still.

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Ich tat die Lippen etwas lüften,
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Sprach: »Mohrle, mit den Kinderhüften,

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Fühlst wie ein Wickelkind dich an,
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Das ganz erwachsen lieben kann;

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Zart sind die Füßlein dir bestellt
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Und liefen trotzdem um die Welt.

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Wer hat dein Füßlein dir besohlt,
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Überall hat's mich eingeholt?«

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Das Mohrle tat die Lippen runden,
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Sprach: »Balzer, stiehl nicht die Sekunden,

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Stör nicht im Küssen diese Nacht,
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Sprechen ist jetzt nicht angebracht.

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Die Lippen tun mir Feuer schlagen,
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Und können nur noch: Küss' mich! sagen.«

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Die Kerzen brannten feierlich,
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Wie Wachs tropfte ihr Herz in mich.

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Wenn man zufrieden um sich sieht,
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Fragt man, wo Sünde hier geschieht.

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Wunschlos und still ich morgens saß,
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Wachsen hörte ich 's Wintergras.

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Vorm Fenster fiel zuckriger Schnee,
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Und Zucker tut der Welt nicht weh.

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Ein Liebesbett schien diese Welt,
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Das täglich frisch vom Himmel fällt.

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Da stieß der Wind das Fenster ein,
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Im Zucker flog auch Salz herein.

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Bitter wie nur körniges Salz
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Steckte die Zukunft mir im Hals.

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Doch wenn ich was zu sorgen hatte,
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Steck' ich ins Ohr mir gerne Watte

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Und horch aufs Leben nur gedämpft,
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Weil es ja doch von selber kämpft.

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Das Leben wird es wissen müssen,
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Darf ich zugleich zwei Frauen küssen.

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Zwei hat es sichtbar mir verehrt,
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Doch eine sich dagegen wehrt.

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Zucker und Salz zusammenrann,
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So daß man keins mehr schrecken kann.

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Und als die Mittagssonne kam,
106
Der Schnee sich fast wie Dreck benahm.

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Das Mohrle saß noch auf dem Bett
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Und fragte, ob ich gern sie hätt'.

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Der Abend stand bald vor der Tür.
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Antworten, dacht' ich, muß man hier.

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Ich streichelte ihr knatternd Haar,
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Das voll von Feuerwerk noch war.

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Zwiebeln vor uns in Gläsern standen,
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Dran heut sich offne Tulpen fanden;

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Ich machte sie aufmerksam drauf,
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Ihr Küssen wecke Blumen auf.

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Doch schien's mir nicht mehr recht geheuer,
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Ich streute Asche auf das Feuer.

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Und sie sprach: »Immer hält die Glut,
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Die warmgeschützt in Asche ruht.

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Lebst du am Pol, und ich leb' hier,
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Für immer,« sprach sie, »leb' ich dir.«

123
Sollst nur im Traum dich manchmal zeigen,
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Das unterbricht das Todesschweigen.

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Die Welt ist jetzt ein Edengarten.
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Und muß ich auf den Adam warten,

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Schön ist's im Garten zu spazieren,
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Die Schlang' tut mich nicht mehr genieren.

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Wenn ich auch in den Apfel biß,
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Ich bleib' erst recht im Paradies.

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Handle du immer nach Belieben,
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Ich lieb' dich und laß mich verschieben.

133
Und kriege ich ein Wickelkind,
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Ich mich als Mutter reizend find'.

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Ein Kind von dir wär' eine Freude,
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Möcht's anstatt morgen gleich schon heute.

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Doch bist du ein beschämter Mann,
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Siehst mich als Hausfriedensbruch an,

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Will in Versenkung ich verschwinden,
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Sollst nicht ein Härlein von mir finden.

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Ich dank' dir für die eine Nacht,
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Die ich so glücklich durchgemacht,

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Und willst du keine weiter schenken,
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Kann ich mir all die andern denken.«

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Mir war wie ein Gedankenstrich,
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Je länger dieser Tag entwich.

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Wir sagten uns auf Wiedersehn,
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Ich fragte: Was soll jetzt geschehn?

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Zwei Frauen waren lebend mein,
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Welche soll jetzt verstoßen sein?

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Trost in meinem Extra-Geschick
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Bewirkte mir die Statistik.

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Vielbeweibt liegt selbst im Gebet
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Halb Asien, wo die Sonn' aufgeht.

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Auch Afrika sich so anstellt,
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Wo dutzendweis' die Frau sich hält.

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Auch mir hat's Schicksal vorgeschrieben,
158
Ich sollte unbescheiden lieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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