[doch dann an einem Wintertag]

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Max Dauthendey: [doch dann an einem Wintertag] (1892)

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Doch dann an einem Wintertag
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Königin sprach: »Ich nicht mehr mag.

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Frau Holle wohnt jetzt weiß im Land,
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Und schön ich stets ihr Bettuch fand.

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Will auf dem Land mir Ruhe holen,
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Die Ruhe, die man mir gestohlen.

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Wir sind ja beide dick voll Sorgen,
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Ich reise noch an diesem Morgen.

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Drei Tag' geb' ich dir zu bedenken,
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Ich kann mich länger nicht verrenken.

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Und soll ich dich nur halb stets haben,
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Werf' ich mich lieber vor die Raben.«

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Kaum ging Königin aus dem Haus,
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Da wollt' ich selber auch hinaus.

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Aus Angst vor dem Entscheidungsruck
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Trieb ich am hellen Tage Spuk.

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Mir schien, an jedem Droschkenstand
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Gingen die Gäul' aus Rand und Band,

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Fühlte, wenn ich vorüberkam,
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Selbst Droschkengäule sind dir gram.

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Der Gaul, der auch ein edles Pferd,
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Denkt: Du bist keine Droschke wert.

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Wie man in alter Zeit schon frug,
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Befragte ich der Vögel Flug

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Und sah durch meine Fensterscheiben
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Vögel im Flug weissagend schreiben,

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Doch Tauben, Spatzen, Kirchenraben
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Verschiedene Weissagung gaben.

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Wahrsagt so viel das Vogelreich,
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Meint man zuletzt, 's ist alles gleich.

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Es drängte mich hinaus aufs Land,
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Dort, wo mein Puppenhäuschen stand.

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Dort tat ich durch die Räume steigen,
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Einsamkeit war auch hier mein eigen.

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In Stuhl und Bett fehlt was hinein,
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Das Fehlende soll weiblich sein.

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Ich tat bestürzt die Augen senken,
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Denn man erschrickt auch bei dem Denken.

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Am nächsten Tage kam ich wieder,
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Gezupfter Schnee flog wie Gefieder.

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Ich trat vor meine Ahnen hin,
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Trotzdem ich längst volljährig bin.

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Sie sitzen an der Wand in Rahmen,
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Wie Menschen, die schon höher kamen.

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Doch da sie auch aus dieser Welt
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Und nur durchs Totsein hochgestellt,

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Fragte ich: »Sagt mir, liebe Väter,
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Nennt ihr mich einen Missetäter,

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Wenn ich mein Liebesleid abkürze
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Und jemand in die Arme stürze?«

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Sie sahen unbestimmt mich an,
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Was man sich ja auch denken kann.

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Ich sprach: »Sie hat schon zugesagt,
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Ich hab' proforma nur gefragt.

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Das Mohrle kommt zur Nacht zu mir,
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Und morgen früh ist sie noch hier.

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Verzeiht, daß zuviel ich mich freue,
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Und später kommt auch keine Reue.

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Ich muß es endlich klar bekommen,
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Hat sich mein Herz zwei Fraun genommen.«

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Die Ahnen blieben mäuschenstill.
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Was bei Ahnen nichts heißen will.

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»ihr habt also gar nichts dagegen,
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So nehm' ich sie mit eurem Segen.

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Ist's schlecht, so konnt' man mich ja mahnen.
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Weshalb hält man denn sonst auf Ahnen?«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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