[aber zu Haus Frau Königin]

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Max Dauthendey: [aber zu Haus Frau Königin] (1892)

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Aber zu Haus Frau Königin
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Saß wie ein Geist im Zimmer drin.

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Sie sprach: »Glaub nur, daß längst ich's weiß,
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Und darum schwitz' ich Todesschweiß.

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Du bist mir heut untreu gewesen,
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Und davon werd' ich nie genesen.

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Ich konnte es durch Wände sehn,
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Du tatst gestohlne Wege gehn.

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Da sieh, ich hab' von Folterqual
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An jeder Hand ein Nägelmal.

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Als ich das Dunkel taghell fand,
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Drückt' ich die Nägel in die Hand.«

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Und kugelnd, wie die Eier rollen,
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Sind uns die Tränen schnell entquollen.

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Wir ließen ihnen flotten Lauf,
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Und eins hob sie dem andern auf.

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Noch liefen vier gesalzte Flüsse,
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Da fanden wir schon alte Küsse,

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Tanzten wie die geheilten Lahmen,
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Die sich vom Herz die Krücken nahmen.

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Ich sank zum Kuß auf ihre Hand
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Und hab' das Nägelmal erkannt.

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Ist es, als wenn die Steine klagen,
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Dann traut man sich nichts mehr zu sagen.

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Tat wie geschlachtet tief erröten,
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Wünschend, man mög' mich schleunigst töten.

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Plötzlich sah sie die leere Hand,
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Den Finger mit dem weißen Rand,

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Dort, wo mein Ring vorher gesessen,
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Sie sprach: »Hat sich der Ring vergessen?«

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Erklären tat ich nur ein Wort, –
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Da flog ihr Ring vom Finger fort.

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Sie sprang und stampfte auf das Gold,
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Als wenn sie sich zertreten wollt'.

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Sie flog zur Luft mit hundert Armen,
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Rauste ihr Haar wild zum Erbarmen,

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Und es erschien mir voll Entsetzen,
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Als riss' sie sich in kleine Fetzen.

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Ich rief: »Ach, alles ist vorbei,
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Geh du nur selbst mir nicht entzwei!

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Dein Schmerz tat meine Sünde richten,
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Ich werd' auf Fortsetzung verzichten.

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Die ganze Welt sei jetzt vergessen,
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Und treu wird stets zu Haus gesessen.

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Ich habe mich so lang gewehrt,
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Sehnsucht jedoch um nichts sich schert.

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Das Mohrle liebte ich ganz stumm,
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Ich lieb' euch beid', das bringt mich um.«

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Da nahte sie sich auf den Zehen,
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Wie Löwinnen auf Wüsten gehen.

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Sie sprach: »Und das nennst du verzichten?
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Gott möge dich und sie vernichten!«

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Ich rief: »Gott straf' mich auf dem Sitz,
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Tu Unrecht ich, Gott send' den Blitz!«

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»ach nein,« rief plötzlich da mein Weib
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Und warf sich über meinen Leib,

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»kommt dir der Blitz, sterb' ich mit dir,
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Ich bleibe nicht alleine hier.

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Ich weiß, dein Herz ist immer rein,
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Muß anders nur als andre sein.

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Was schlecht ist, wenns ein andrer tut,
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Wenn du es tust, dann ist es gut.«

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Die Tränen liefen um uns rund,
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Wir weinten eine lange Stund',

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Und endlich sahn wir beide ein,
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Wie einer ist, so muß er sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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