[es war im Herbst, man machte Wein]

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Max Dauthendey: [es war im Herbst, man machte Wein] (1892)

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Es war im Herbst, man machte Wein,
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Da hört' ich nachts mein Kissen schrein,

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Frau Königin schlief still bei mir,
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Ich dacht: »Das Mohrle schreit nach dir.«

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Abends ging ich den Weinbergweg,
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Den ich so gern zu gehen pfleg'.

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Die Stadt lag unten voll Gelichter,
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Häuser weinselig wie Gesichter,

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Wie Phantasie glühte der Fluß,
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Wer darauf geht, ertrinken muß.

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Froh bei den Winzern traf ich sie,
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Und still sprach ich: Jetzt oder nie!

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Das Mohrle ließ aus allen Taschen
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Ihr Lachen los wie aus Weinflaschen,

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Wir lachten in den Weinberglauben,
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Die Herzen gärten wie die Trauben,

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Man ließ Raketen glühend steigen,
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Als müßt' man die Gefühle zeigen.

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Der Most nimmt manchen Gott im Sturm,
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Viel öfters noch den Erdenwurm,

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Wir knackten Nüsse, tranken Most,
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Herz stieß ans Herz und sagte: Prost!

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Als mit den Winzern heim wir zogen,
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Ist von der Hand mein Ring geflogen.

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Ein steinern Heil'genbild dort stand,
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Da flog der Ehring von der Hand.

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Weiß schien das Antlitz der Madonnen,
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Vom Garten, wo nur Nonnen wohnen.

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Als tät sie mir 'n vom Finger ziehn,
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So flog der Ring zum Garten hin.

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Den Liebestanz tat ich just lehren,
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Der Himmel wollt' es mir verwehren,

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Denn plötzlich Regen runterrannte
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Und man sein Parapluie aufspannte.

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Doch wir tanzten im Regen fort,
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Die Füße hatten froh das Wort,

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Das Herz schlug Takt hinter der Weste,
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Ich hob den Arm mit schönster Geste.

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Da war's, daß mir der Ring fortflog,
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Er, der nicht gern mit mir betrog.

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Ich suchte ihn in allen Falten,
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Die Nonnen haben ihn behalten.

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Vielleicht, wenn er im Garten liegt
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Und kleine Eheringe kriegt,

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Verliebt werden die Nonnen werden
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Und Klöster schwinden von der Erden.

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So scherzte ich darüber hin,
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Weil's Mohrle mich zu lieben schien.

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Zum Weinberg führten tausend Stufen,
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Beim Aufstieg manchem Müh sie schufen,

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Ich hab' es umgekehrt gemacht,
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Der Abstieg hat mir Müh' gebracht,

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Dacht' ich an Mohrles Haustürschwelle,
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Die wartete als Trennungsstelle.

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Liegt still die Stadt nachts hinter Türen,
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Tut man aus Häusern 's Küssen spüren.

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Was ganze Häuser glücklich macht,
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Ansteckend wirkt das oft bei Nacht,

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Und auch aus Mohrles Stiegenhaus
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Sah's Dunkel ansteckend hinaus.

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Liebt man still, jeder wissen muß,
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Sehnt auch der andre einen Kuß.

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Dies zu ergründen, macht oft bänger
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Und man verabschiedet sich länger.

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Endlich suchte mein Mund sich aus
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Den besten Platz im Stiegenhaus.

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Das Stiegenhaus ward Himmelsleiter,
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Oben sprach's Mohrle: »'s geht nicht weiter.«

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Ich bat: »O, öffne deine Tür!«
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»ach,« rief sie, »welche Angst ich spür'!

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O, eine Angst, nicht zu beschreiben,
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Mein Balzer, du mußt draußen bleiben.«

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Die Tür fiel auf die Nas' mir zu,
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's Schlüsselloch rief: »Geliebter du.«

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Seufzend hat dann die Tür geschwiegen
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Und ließ mich seufzend draußen liegen.

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Und drinn und draußen horchte man,
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Wer wohl am tiefsten seufzen kann.

79
Auch dieser Treppe war dann eigen:
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Schwerer war das Hinuntersteigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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