[nie fürchte vor der Heimat dich]

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Max Dauthendey: [nie fürchte vor der Heimat dich] (1892)

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Nie fürchte vor der Heimat dich,
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Die Fremde, die zehrt fürchterlich,

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Nur Heimat nimmt dich in den Arm
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Und ist wie Muttermilch so warm.

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Und Heimat ist wie Honigwaben,
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Wo Herzen meist was Süßes haben.

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Dort sind die langweiligsten Tage,
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Erfüllt von deiner Kindheit Sage,

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Dort tun die Stunden schal und hohl
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Durch ihr Gedankenloses wohl.

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Erkennst du sie als Himmelreich,
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Dann bist du erst den Göttern gleich.

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Gut ist dort jeder Pflasterstein,
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Kennt deine Stiefel, als sie klein,

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Und von den Sperlingskindern da
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Pfiff auf dich die Urgroßmama.

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Jeder nicht gleiche Heimat hat,
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Doch irgendwo findet sie statt,

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Und auch im kleinsten Bürgernest
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Aus Lieb' du auf dich pfeifen läßt.

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In meiner Stadt regiert der Wein,
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Nach Wein riecht jeder Pflasterstein,

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Keller sind dort wie Katakomben,
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Drin summen Fässer wie die Bomben.

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Wenn man im Keller selig ist,
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Den Leib man wie im Grab vergißt,

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Der Kater reißt dich leicht nach oben,
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Zum Kirchendache hocherhoben,

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Und meine kleine Vaterstadt,
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Unzählig viele Kirchen hat.

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Und in den Kirchen ist es schön,
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Wo schwärmerisch Madonnen stehn,

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Doch in den Kirchen ist's auch kalt,
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Und man verläßt sie wieder bald.

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In warmen Straßen brennt die Sonnen,
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Auch in der Sonn' wandeln Madonnen.

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Ich kam an zum Frohnleichnamstag,
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Wo alles auf den Straßen lag,

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Aus Teppichen baut man Altäre,
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Weil Gott mal gern im Freien wäre,

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Sah weißgekleidet Mädchen ziehn,
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Schleppten auf Bahren Goldmarien.

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Ach, dachte ich, in meiner Stadt
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Die Kirche viele Frauen hat,

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Darum ist es wohl einerlei
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Nimmt sich ein Mensch auf Erden zwei.

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In einem Kirchenkeller steht
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Ein Brünnlein, wo man gern hingeht,

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Denn wer von seinem Wasser trinkt,
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Es dann gar leicht zu Kindern bringt.

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Frauen drängten zum Kellerloch,
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Denn Kinder wünscht sich manche noch,

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Und da ich keine Kinder kriege,
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Trank ich und wünscht eins in die Wiege.

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Wie ich vom Becher ernst aufsah,
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Stand schon das Kind leibhaftig da.

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Das Mohrle stand am Brunnentrog,
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Andächtig es am Eimer zog.

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Für Augen soll's ja auch gut sein,
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Das Wasser, nicht für's Haus allein.

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Das Mohrle stand mir gegenüber,
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Und meine Augen schielten über.

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Ich tauchte in die Menschenmenge
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Und zog mein Schicksal in die Länge,

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Ich floh und machte nirgends halt,
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Am liebsten lief' ich, bis ich alt.

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Und hinter mir rannten die Glocken
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Und wollten mich zur Jungfrau locken.

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Die Landschaft roch nach Rosensalben,
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Die Sonne, selber tat sie kalben,

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Es lag in jeder Fensterscheib'
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Glänzend ein runder Sonnenleib,

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Und Sprungfedern auf allen Wegen,
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Und überall sprang was entgegen.

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In Büschen, die vor Glut ganz mager,
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Hielten die Schnecken Liebeslager,

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Der letzte Sünder war sich gut
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Und fühlte Heiligkeit im Blut.

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Lieb' kam selbst zum Holzapfelbaum,
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Er sah die Welt versüßter kaum.

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Nur ich wußte nicht, was ich will,
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Ach stünd' mein Schalkherze doch still!

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Beruhigend wär es zu sehn,
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Tät im Weinberg ein Haus mir stehn,

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Und Königin schaute heraus.
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Ich bau' am Berg mir gleich ein Haus.

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Und als das Haus gleich fertig war,
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Entdeckte ich gar sonderbar:

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Ich nahm das Maß zur Tür zu klein,
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Fenster waren nur Fensterlein,

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Ein Puppenhaus war's niedelich,
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Königin rief: »'s ist nicht für mich.«

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Sie zog ins Haus erst gar nicht ein
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Und wollte in Hotels stets sein.

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Sie nährte einen Heimathaß
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Und sprach: »Es macht mir keinen Spaß,

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Ich möcht' die Lustigkeit gern teilen,
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Mit der Menschen zum Wein hier eilen.

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Doch Glocken gehen stündlich um,
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Und trauernd ich mein Ohr vermumm.

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Die Glocken rufen wie zum Grab,
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Dein oder mein Herz fällt bald ab.«

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So gingen wir mit wehen Reden
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Durch Gärten voll von Amoretten,

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Die zeigten sich leicht den Popo,
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Und unsre Herzen ebenso.

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In Gärten, wo den Nachtigallen
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Liebeslieder im Schlaf einfallen,

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Prangten umsonst pausbackig Rosen
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Königin und dem Treuelosen,

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Nachts hing der Mond krumm wie ein Beil,
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Das scharfe Schicksal hatte Eil'.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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