[doch Moskitos, sie sind auch da]

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Max Dauthendey: [doch Moskitos, sie sind auch da] (1892)

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Doch Moskitos, sie sind auch da
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Im angebornen Europa.

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Etwas in mir tat heftig bocken,
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Und blutdürstig blieb es nicht hocken.

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Das ideale Heidentum
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Lag stets um Griechenland herum,

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Dort ging der Mensch einst nackt auf Erden.
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Ich wollt' ein alter Grieche werden.

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In Griechenland sind Tropen kaum,
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Dort steht auch Birk' und Eichenbaum.

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Ich bau' dort irgendwo ein Haus
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Und schau' auf Griechenland hinaus.

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Frau Königin sprach diesmal: »Nein,
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Ich bitte, reis' zuerst allein,

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Such du uns unten Haus und Garten,
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Ich werd' bei meiner Mutter warten.« –

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Neumond hing an der Himmelswand,
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Als ich im Mittelmeer mich fand.

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Der Mond ward fein wie eine Ahle
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Und stach mich in die Seelenschale,

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Er drang mir stündlich tiefer ein
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Und sagte: »Mensch, du bist allein!«

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In zweiter Nacht ward er zur Wiege,
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Mir war's, als ob ein Weib drin liege,

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Ein Weib mit dunkeln kurzen Locken,
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Der Mund war mir vor Sehnsucht trocken.

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Endlich der Mond im Meer still stand
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Als Schaumweinkelch mit flachem Rand.

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Ich tat nur wenig an ihm nippen
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Und fühlt' ihn brennend in den Rippen,

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Er gab mir Heimweh zum Begleiter,
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Und sprach: »Warum reist man jetzt weiter?

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Warum nach Fremdem stets gehetzt?
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Komm doch mal in die Heimat jetzt!

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Denn wechselst du auch Ort um Ort,
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Noch keiner reiste von sich fort.

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Du sollst still in der Heimat stehn
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Und deine Sünden dort begehn.

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Dein Schicksal hat dir's vorgeschrieben,
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Zwei Fraun sollst du vor allem lieben.

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Entsetzt sah ich das Heimweh an:
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Gibt's nichts, was mich noch retten kann?«

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»der Tod,« sprachs Heimweh schnell bereit,
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»doch dazu hast du stets noch Zeit,

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Lebst du, so mußt du sündigen
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Oder dem Leben kündigen.«

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O Gott, wer hätte das gedacht,
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Daß Liebe mich zum Zwilling macht!

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Ich fürchte mich vor Schuldgewicht,
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Doch sterben möcht' ich auch noch nicht.

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Nun wußte ich es wieder klar,
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Weshalb ich unterwegs stets war.

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Sehnsucht ist heimlich wie die Laus,
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Dem schwarzen Mohrle wich ich aus.

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Sie sitzt im Pelz mir wie die Motten
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Und ist nicht mehr dort auszurotten.

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Wie Klimafieber sie mich plagt,
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Seit »glücklich bin ich« ich gesagt.

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Glück sollte man nie laut gestehn,
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Dann ist ein Unglück schon geschehn,

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Ausspucken soll man schnell dabei,
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Weil sonst das Glück zum Teufel sei.

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Zu spucken hatt' ich ganz vergessen,
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Da jene Dame nahgesessen.

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Was fang' mit jener Lieb' ich an,
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Die sich legitimieren kann?

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Denn einstmals, als es niemand sah,
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Ging ich heimlich zur Großmama,

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Blitzschnell ich meine Lieb' gestand
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Und bat um Mohrles Kinderhand.

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War Übermensch damals noch nicht
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Und nur symbolisch ein Gesicht,

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Hatt' schöne Zähn' und sonst nichts mehr,
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Das ist nicht viel, liebt man auch sehr.

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Großmutter kratzte ihre Warze,
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Zerschnitt die Lieb' als strenge Parze.

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Nie ganz mein Herz vom Mohrle wich,
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Wir sahn uns öfter innerlich,

79
Doch hatt' ich sie vergessen schier,
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Bis sie leibhaftig stand vor mir

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Und fragte, ob ich glücklich bin.
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Weiß jetzt vor Unglück nicht, wohin.

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Heimat schien mir ein Deckelhaus,
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Drückt man daran, sprang's Mohrle 'raus.

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O Mohrle mit dem Mohrenkopf,
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Du machst mich noch zum Sündentropf!

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Seufzend fuhr ich zum Mittelmeer,
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Der Mond schwamm feurig nebenher,

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Ganz afrikanisch roch die Luft,
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Der Mond schien eine helle Gruft,

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Sah wie der Feuerofen aus
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In einem Krematoriumhaus.

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Bald, dacht' ich, schiebt man mich hinein,
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Nein, bat ich, ich will Sünder sein,

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Will mich als Sünder künftig geben
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Und nicht so jung vom Sterben leben.

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Doch fiel manch' Regen noch herab,
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Und nicht so schnell ich mich ergab.

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Ich suchte noch in Griechenland,
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Ob ich Ruh' vor Frau Sünde fand.

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Nah bei Athen am Hymettos,
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Dacht' ich, liegt mir ein Klosterschloß,

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Zerschossen sind dort Deck' und Dielen,
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Dort nehm' ich Räuber zu Gespielen.

105
Ich hause in dem alten Bau,
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Kaffee kocht mir die Räuberfrau,

107
In Fallen fang' ich Eulen ein,
108
Die trag' ich nach Athen hinein.

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Denn scheinst du dort nichts auszugeben,
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Nur dann lassen dich Räuber leben.

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Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann,
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Hör' ich Räubergeschichten an.

113
Am Tag schreib' ich Frau Königin,
114
Daß ausgemacht ich Sünder bin,

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Für sie sei wert ich keinen Zoll,
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Und sie mich nicht ersehnen soll.

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Das Kloster fand ich wie gedacht,
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Doch war zu teuer mir die Pacht,

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Und Wäscherinnen lebten dort,
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Die schnatterten in einem fort.

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Ich war gelandet bei Athen,
122
Draußen, wo keine Tempel stehn,

123
Doch feierlich war's mir im Herzen,
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Als stünd' das Land voll Räucherkerzen.

125
An Venusäpfeln war nicht Not,
126
Im Hafen lag voll Boot bei Boot.

127
Ich mußte an den Paris denken,
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Schwer ist's, Göttinnen nicht zu kränken.

129
Prachtvoll wie weiße Heidenfrauen,
130
Waren die Tempel anzuschauen,

131
Doch fremd fühlt ich auch hier mich wieder:
132
Sie hatten keine Heimatglieder.

133
Sie sind nur edel anzusehen,
134
Man kommt zu ihnen auf den Zehen,

135
Und auf den Zehen schlich ich weiter,
136
Und Heimweh blieb die Himmelsleiter.

137
Vor den Theatern blieb ich stehn,
138
Die ohne Dach zum Himmel sehn;

139
Einst spielte man bei schönem Wetter
140
Mehr für den Himmel und die Götter.

141
In Logen, in kornblumenblauen,
142
Saß da der Gott mit Götterfrauen,

143
Sah auf die Menschenpüpplein hin,
144
Denen er seinen Geist verliehn.

145
Und wie der Gott im Blau auch heißt,
146
Auch mir verlieh er seinen Geist,

147
Er tat auch manche Göttin rauben.
148
Ist Lieb' dabei, tut er's erlauben.

149
Und auf den Zehen schlich ich weiter,
150
Stets schleppend an der Himmelsleiter.

151
Der Marmor der Akropolis
152
Hoch königlich sich sehen ließ,

153
Des Tempels heller Wunderbau,
154
Gemahnte mich an meine Frau.

155
Vom Berg fällt seine Marmorschleppe,
156
Ehrfürchtig trat ich auf die Treppe.

157
Er deutet auf Gebirg und Meer,
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Und gibt die Welt verschwendend her,

159
Und sinkt man an sein Antlitz nieder,
160
Möchte man nie zur Erde wieder.

161
Ein Schluchzen steckte mir im Hals,
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Der Tempel schien mir wie aus Salz,

163
Aus Tränen schien er steif geweint,
164
All Leid der Welt in ihm vereint.

165
Er sah so bitter auf mich nieder,
166
Und heimlich schlich ich weiter wieder

167
Da festlich bei dem Stadtgedränge
168
Trat froh ein Tempel aus der Enge,

169
Hat wie ein Tanz irdisch erfreut,
170
Und keinem Gott war er geweiht,

171
Trug einen Helden nur im Sinn:
172
Dem Theseus gab er stets sich hin.

173
Irdisch vertraulich war er mir,
174
Wie Chopin am Salonklavier.

175
Die Marmorsäulen und die Pforten
176
Schienen wie Kerzen gelb geworden,

177
Schon morgens sah das ganze Haus
178
Wie Abendsonne festlich aus.

179
Der Tempel, dacht' ich, da vor dir
180
Scheint wie des Mohrles Seele schier,

181
Voll Spiel steckt sie schlafend und wach
182
Und steckt voll Tanz bis unters Dach.

183
Wie Amor in dem Heimatschloß,
184
Wuchs sie als Amorette groß.

185
Das Mohrle läßt dir keine Ruh,
186
Kehr' um und klapp den Koffer zu.

187
Ein Platz jedoch noch zu sich lockte,
188
Es war dort, wo die Pythia hockte.

189
Nach Delphi wollt' ich gläubig noch,
190
Der Erde Nabel ist das doch,

191
Dort, wo man seine Zukunft sah
192
Und unerwartet nichts geschah.

193
Itea hieß die Schiffstation,
194
Es wartete ein Maultier schon,

195
Auf heil'ger Straße, jetzt ganz leer,
196
Lief nur des Esels Schatten her.

197
Durch Ölwald ging's bergauf, bergab,
198
Von oben sieht man dann hinab.

199
Eiskalt kam es aus Felsenspalten,
200
Mein Fell zog sich in Gänsefalten,

201
Heilige Quellen, stark versumpft,
202
Weinten wie Weiber eingeschrumpft,

203
Und Wolken stets die Welt verschoben,
204
Man war nicht unten und nicht oben.

205
In Klüften ward das Echo wach,
206
Dachtest du laut nur etwas nach,

207
Und Delphi, das einst schön gebaut,
208
Lag wild, als ob man Marmor kaut.

209
Niemand wohnt mehr auf den Ruinen,
210
Nur Hirten, die den Schafen dienen.

211
Ich stieg auf Säulen wie Skelette
212
Und lief im Stadion um die Wette,

213
Lief ganz allein dort in der Bahn
214
Und kam zuerst als Sieger an.

215
Sage: zuerst, denn nebenbei
216
Liefen plötzlich der Schatten drei,

217
Und rennt mein Schatten noch mit zwein,
218
Müssen bei Schatten Menschen sein.

219
Suchend schaut ich am Ziel mich um,
220
Doch blieb mein Auge suchend dumm.

221
Nachts erst, wo ich im Bett wach lag,
222
Da wurde mir im Mondschein Tag.

223
Die Fenster standen aufgerissen,
224
Der Mond schien wie ein fremd Gewissen,

225
Pythia saß nackt auf dem Mondstein,
226
Sprach laut und deutlich auf mich ein:

227
»im Herzen trägst du zwei als Beute,
228
Und ihre Schatten sahst du heute.«

229
Ich rief: »Ach, daß ich Ruhe finde!«
230
Sie sprach: »Erlösend wirkt die Sünde.«

231
Sie zog verklärt ihr Hemd sich an,
232
Der Mond in Dämpfen dann zerrann.

233
Der Erde Nabel grunzte nach:
234
»sündigen sollst du ohne Ach.«

235
Ich hab die Fenster zugeschmissen,
236
Warf mich verrückt in meine Kissen.

237
Nun wußt' ich, niemals halt ich Treu,
238
Und vor der Tat kam schon die Reu.

239
Wollt' erst recht nicht zur Heimat gehn,
240
Weil ich in Delphi hellgesehn.

241
Ich schlich mich in Arkadien ein,
242
Wollte beim Pan ein Hirte sein.

243
Frühling spazierte durch die Au,
244
Hinterließ Blumen rot und blau,

245
Schön saß sich's bei antiken Quellen,
246
Hörte den Pan am Mittag bellen,

247
Und sieht der Pan dich meckernd an,
248
Wachsen auch Hörner jedem Mann.

249
So lag ich fauler als die Drohnen
250
Bei rot und blauen Anemonen,

251
Und um mich Hirten weiß in Fellen,
252
Schafe hundert, und hundert Schellen.

253
Nah im gestorbnen Eichenhain
254
Stand greis ein mager Tempelein.

255
Plötzlich entfallen mir die Glieder,
256
Im Tempel tanzt ein fremder Widder,

257
Die Hirtenhunde querfeldein
258
Ziehn rennend ihre Schwänze ein;

259
Die Schafe scheu zur Seite rücken
260
Und tuen sich vor Schreck zerdrücken,

261
Die ganze Landschaft meckert laut,
262
Die Haare sind mir fast ergraut,

263
Mir war, als wenn die Hölle lachte
264
Und Satan schlechte Witze machte.

265
Später man mich ohnmächtig fand,
266
Man sprach, es käm vom Mittagsbrand.

267
Doch Pan, er hatt' mich angesehn,
268
Und Hörner konnten jetzt entstehn,

269
Und warum sollten sie nicht kommen,
270
Da ich mir Untreu vorgenommen.

271
Denn wo der Mann die Frau betrügt,
272
Der Teufel leicht mit Hörnern pflügt.

273
O Liebe, großes Fabeltier,
274
Auch deine Hörner wünsch' ich mir,

275
Erleben will ich gründlich dich,
276
Vor Unerlebtem fürcht' ich mich!

277
Und jetzo will ich nicht verschnaufen
278
Und heute noch zum Mohrle laufen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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