[ich hatte alles, was ich wollt']

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Max Dauthendey: [ich hatte alles, was ich wollt'] (1892)

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Ich hatte alles, was ich wollt',
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Ein Weib und einen Haufen Gold,

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Sprach: Mit dem Weibe ganz allein,
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Kann jeder Mann zufrieden sein.

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Europa, dieser alte Fetzen,
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Mein Weib, dacht' ich, kann ihn ersetzen.

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Ich will die Heimat nicht mehr sehn
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Und will zu Gegenfüßlern gehn.

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Niemand dir dort im Wege steht,
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Wo die Uhr einen Tag vorgeht.

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Empfängst du dort dein Morgenblatt,
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Zu Haus man Abendzeitung hat.

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Kein Gedank' kann dann bei ihr sein,
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Stehst du dort auf, schläft sie grad' ein.

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Also ich meine Heimat floh,
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Verlegte mich nach Mexiko.

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Man ist ein gutes Stück dann fort,
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Denn spanisch klingt dort jedes Wort.

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Und da die alten Traditionen,
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Nur schwach im fernen Westen wohnen,

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Nahm ich aus Europa das Best',
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Was in der Eil' sich packen läßt.

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Von Milos Venus lebensgroß
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Man mir für Geld den Gipsguß goß,

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Tat sie in eine Riesenkist',
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Damit sie drüben bei uns ist.

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In Bronzeguß den Stier Apis,
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Den Sonnengott, den Osiris,

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Und nahm auch mit den Gott Buddha,
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Der sanft auf seinen Nabel sah,

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Denn lebt man einsam gar so fern,
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Hält man doch noch auf Götter gern.

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So packte ich ins Schiff sie ein,
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Als sollt's die Arche Noah sein.

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Ist dann das Schiff in Mexiko,
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Dacht' ich, liebt man sich göttlich wo.

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Gern schwitz' ich in der Tropenwelt,
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Wenn nur der Kitt der Herzen hält.

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Doch hatte ich es ganz vergessen:
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Fremd sind die Tropen zugemessen.

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Mexiko, die Indianerstadt,
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Dreihunderttausend Rothäut' hat,

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Die nur in weißen Hemden stecken,
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Regnet's, tragen sie rote Decken.

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Wie ich kam, war just Totenfest,
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Wo man die Toten leben läßt,

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Man trank statt Bier Milch von Kakteen,
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Ich fand, man läßt sie besser stehen.

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Kakteen man wie Kühe molk,
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Denn seinen Rausch will jedes Volk.

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Beim Marktplatz bei der Kathedral'
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Tanzte man froh zu dem Cimbal,

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Aus Marzipan und Zuckerbrot
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Gab's Totenköpf' mit Augen rot,

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Grabsteine, Sarg und Leichenwagen,
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Auch Schokolad' war süß dem Magen,

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Der Tod schmeckte selbst als Skelett,
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Aus Kuchen sogar macht er fett.

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Bunt saß der Tod in hundert Buden,
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Die lebhaft zum Einkauf einluden,

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Ich brauchte nicht den Tod zu kaufen,
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Denn Heimweh ließ mich kaum noch schnaufen.

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Fremd war der Gegenfüßler Welt,
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Fühlte mich stündlich kopfgestellt.

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Statt Spatzen, aufgereiht in Gassen,
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Aasgeier auf den Dächern saßen,

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Ihr Aug' stierte blutgierig still,
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Ob man sein Herz hinwerfen will,

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Rebellisch rauscht dann ihr Gefieder,
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Stürzen sie zu den Gossen nieder,

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Reißen sich wegen eines Bissens
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Schwarz wie die Geier des Gewissens.

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Mein Herz schien mir dazu zu gut,
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Wenn's auch was will, was man nicht tut.

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Kaum tröstlich wirkten Mißgeburten,
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Die liebevoll gepflegt hier wurden.

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Menschen, die von Geburt nicht locken,
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Taten an Straßenecken hocken.

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Halb Kalb, halb Hund manch einer war,
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Ein anderer zehnarmig gar.

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Anbettelnd dich um dein Erbarmen,
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Winkten sie dir gleich mit zehn Armen.

83
Ich dacht', werd' ich nochmals geboren,
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Bring' ich gleich mit die Eselsohren.

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Warum hab' ich die Reis' gemacht,
86
Und hier die Götter hergebracht?

87
Ich ging noch zur Arena rot,
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Dort stach man festlich Stiere tot.

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Den schönen Stier, ich kann's nicht fassen,
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Sollte man wirklich leben lassen.

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Stolz auf vier Beinen angebracht,
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Verkörpert er die Mannespracht.

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Nur weil das Rot ihn irritiert,
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Wird er mit Kunst zu Tod verführt.

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Auch ich kam nur nach Mexiko,
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Weil ich vor etwas Rotem floh,

97
Wie 's rote Tuch vor einem Stier,
98
Hing stets mein Herz vorm Auge mir.

99
Vor meinem Blut wollt' ich entfliehn,
100
Doch tat mein Blut stets mit mir ziehn.

101
Nachts war gar alle Ruhe hin,
102
Nachtigalln wie Trompeten schrien.

103
Die Nacht, die süß zum Liebeswerben,
104
Taten Kleinigkeiten verderben,

105
Ich werde niemals sie vergessen,
106
Fast jede hat mich aufgefressen.

107
Moskitos leben klein für sich,
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Wie Nähmaschinen Stich bei Stich,

109
Und liegst du unter dicken Netzen,
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Sie fressen dich auch dort in Fetzen,

111
Sie lieben mehr das fremde Blut,
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Und dazu ist der Fremde gut.

113
Mußt nächtlich blutig um dich schlagen,
114
Kennst bald nur Schlaf vom Hörensagen.

115
Frau Königin ward ganz entstellt,
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Natürlich, daß ein Weib das quält.

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Sie sprach: »Es dauert nicht mehr lang,
118
Erkennst du mich nur noch am Gang.«

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Morgens am Fenster wir auch fanden,
120
Daß draußen fremde Länder standen.

121
Statt früh die Milchfrau klingeln tut,
122
Nahn Mädchen mit Kaffee im Blut.

123
Sie bieten schweigsam wie die Toten,
124
Paprika scharf in roten Schoten.

125
Gefärbte Rosen sie auch gaben,
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Wie angestrichne Waisenknaben.

127
Raben, bemalt wie Hottentotten,
128
Als Paradiesvögel sie boten.

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Im Hintergrunde standen Krater,
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Katzenbuckelnd wie falsche Kater,

131
Und Erdbeben trieb sich umher,
132
Es kollerte wie Bauchredner.

133
Sah Hängelampen pendelnd schwanken,
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Hielt mich nur aufrecht in Gedanken.

135
Fühlte mich in dem Wiesenrain,
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Mit meiner Frau als Blattlaus klein,

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Tat jedes Graslager vermissen,
138
Denn ringsum tat nur Kaktus schießen.

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Die Welt schien mir verkauderwelscht
140
Und nur mein Heimweh unverfälscht.

141
Frau Königin, wie immer mild,
142
Blieb mir im Schmerz Madonnenbild,

143
Wenn neue Wunder uns geschahn,
144
Sah Königin mich fragend an.

145
Dann senkte sie die Augenlider
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Und sah still in ihr Herze nieder.

147
Das war der einzig glatte Fleck,
148
Hier war noch nicht die Ruhe weg.

149
Die Venus blieb im Lagerhaus,
150
Wir packten sie schon gar nicht aus.

151
Ich sprach: »Dies ist der erste Grund:
152
Nie ist ruhige Liebesstund',

153
Und trotz der Hitz' hat kalt man da,
154
Es zieht mich heim nach Europa.

155
Auch sieh mal diese Palmen an,
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Die Palm' mich nie verstehen kann,

157
Ich tue alle sie verfluchen,
158
Sie sind durchaus nicht wie die Buchen,

159
Und ich will nicht mein ganzes Leben,
160
Hier diesen fremden Strünken geben.

161
Es tut zu Mißgeburten treiben,
162
Ich will nicht eine Nacht mehr bleiben.«

163
Königin sprach: »Was gut ich seh',
164
Gut riecht's nach Zucker und Kaffee,

165
Wir kaufen viele Pfunde ein,
166
Und dann soll auch die Heimreis' sein.

167
Die Götter mögen all hier bleiben,
168
Daß sie die Moskitos austreiben.

169
Es ist ein Ach in jedem Wind,
170
Auch ich die Heimreis' lohnend find'.«

171
Ich kaufte klein ein Krokodil,
172
Es weinte mir der Tränen viel,

173
So daß ich lachend davon kam,
174
Als ich vom Land schnell Abschied nahm.

175
Kaum traten wir auf hohe See,
176
Da rief das ganze Schiff: »Juchhe!«

177
Die Wellen rund wie Kugeln schossen,
178
Und senkrecht auch wie lange Hosen,

179
Sturm kam da jeden Nachmittag,
180
Selig ich auf dem Rücken lag,

181
Der Sturm kam wie Artillerie,
182
Doch stündlich ich laut »Vivat« schrie.

183
Das Schiff auf Hinterfüßen stand,
184
Ging fast vor Freud' aus Rand und Band.

185
Mit Balken lag das Meer belegt,
186
Wracks kamen durch den Sturm gefegt,

187
Ich zähl' es zu dem Wunderbaren,
188
Daß wir nicht auf dem Kopf gefahren.

189
Weiß war im Schiff ein Marmorsaal,
190
Königin lag dort wäschefahl,

191
Ihr schönes Haar hüllte ein Tuch,
192
Denn tölpelhaft kam oft Besuch.

193
Mit schweren Schritten wie ein Gong,
194
Warf sich das Meer in den Salon,

195
Wusch scharf mit Salz das Haar uns aus,
196
Ich rief: »All Gold geht uns heraus.

197
Heb' ich den Suppenteller auf,
198
Fließt die Supp' senkrecht mir hinauf,

199
Es stirbt im Hirn jeder Begriff,
200
Ich seh' die ganze Zukunft schief.«

201
Man schrie sich aus, der Sturm war laut,
202
Schiffsgötter hab' ich uns erbaut.

203
Hört' ich die Schiffskatze miauen,
204
So wuchs in mir das Gottvertrauen,

205
Und morgens, wenn der Sturm noch schwach,
206
Krähte ein Küchenhahn mich wach,

207
Getröstet hat mein Herz gelacht,
208
Hat Mist und Kühe sich erdacht.

209
Doch abends, war der Sturm zu viel,
210
Holt' ich das kleine Krokodil.

211
Es fraß nicht und hielt Winterschlaf;
212
Streichelnd, wenn man den Nacken traf,

213
Sah es aus seinem Traum heraus
214
Und weinte sich statt meiner aus.

215
Tat man zwischen zwei Welten schweben,
216
Ersehnt man endlich Festlandleben.

217
Beim ersten Leuchtturm von England,
218
Frau Königin still auferstand,

219
Zur Nachtstund' brannten wir Raketen,
220
Daß Lotsen uns bemerken täten,

221
Am Morgen war schon Hâvre da,
222
Und hinter ihm ganz Europa.

223
Wenn man solch' Luftfahrt überstand,
224
Dann küßt man gern sein Heimatland.

225
Nachts voll Confetti flog Paris,
226
Wo man den Karneval einblies,

227
Königin sprach am Opernplatz:
228
»hier ist wieder Europa, Schatz.

229
Moskitos konnt' ich nicht forthetzen,
230
Und dir Europa nicht ersetzen.«

231
Ich rief: »Laß jeden Weltteil leben,
232
Wir wollen tanzend weiterschweben.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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