[hat man des Geldes allzuviel]

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Max Dauthendey: [hat man des Geldes allzuviel] (1892)

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Hat man des Geldes allzuviel,
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Weiß man nicht recht, wohin man will.

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So wollten wir nach Island reisen,
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Um Küsse dort auf Eis zu speisen.

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Wir taten dicke Strümpfe kaufen,
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Und konnten kaum vor Pelzwerk schnaufen,

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Wir packten einen Koffer voll,
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Der Koffer wurde später toll,

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Er platzte nämlich in Italien,
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Spaßhaft sind manchmal die Lappalien.

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Island kam uns ganz aus dem Sinn,
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Wir fuhren zu dem Ätna hin. –

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Der Mond rutschte auf flachem Dach,
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Und hundert Tauben saßen wach

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Und gurrten sich im Mondschein zu,
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Hier hatt' ich vor der Heimat Ruh'.

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Man riecht nur Öl, nicht Butter mehr,
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Und dies macht die Erinnrung schwer.

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Hier ist's, wo jeder glücklich ist,
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Und Mensch und Tier Makk'roni frißt.

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Wie Wein schmecken heiß alle Augen
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Und sind auch schön, wenn sie nichts taugen;

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Sonne lehrt dem Gewissen Schlafen,
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Ist zu gut hier, will keinen strafen.

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Auf dem Balkon man selig stund,
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Königin küßte meinen Mund.

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Sie sprach: »Nun bist du wieder da,
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Gottlob, daß weiter nichts geschah.

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Etwas hat mich von dir getrennt,
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Ich hab' mich so nach dir gesehnt.«

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Ihr Haar im Sonnschein mächtig war,
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Und Sonn' schien hier das ganze Jahr,

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Hoch feurig kam es mir entgegen
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Als wollt' es mich in Asche legen.

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Am Himmel, italienisch blau,
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War's wie der Schein der Himmelsfrau,

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Italiens Männer, Kinder, Frauen
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Mußten mit Andacht danach schauen.

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Bald fuhr mit uns ein Schiff vom Stapel,
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Und fuhr im Mondschein nach Neapel.

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Zum Ätna hat uns dann gebracht
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Wieder ein Schiff bei Mondscheinnacht.

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Der Berg schien mir verhängnisvoll;
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Ich bat, daß Kön'gin warten soll.

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Drei Tage steigt man auf und nieder,
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Am dritten Tage käm' ich wieder.

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Ging auf dem schwarzen Berg dahin,
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Und schwärzer wurde mir's im Sinn,

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Denn Erd,' Meerwasser, Luft und Feuer,
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Die vier gewalt'gen Ungeheuer,

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Sieht man hier um den Berg gedehnt,
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Weil eines sich ans andre lehnt.

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So wie das Weltall aufgebaut,
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Daß man dem Element nicht traut,

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Da einzeln jedes ein Tyrann,
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So schien das Weib mir für den Mann.

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Und immer drehte ich am Ring,
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Der mir so leicht vom Finger ging.

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Ganz schwarzer Staub am Wege lag,
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Und in den Dörfern schien kein Tag.

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Die Menschen sahen rußig aus,
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Wie Schornsteine war jedes Haus.

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Wie Kartoffeln im Keller blühn,
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Zeigten die Bäume bleiches Grün.

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Die Sonne, die schien doppelt weiß,
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Von meiner Stirn rann schwarzer Schweiß.

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Der Feuerberg, so wild und frei,
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Machte mir alles einerlei.

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Daß mir das Erdenfeuer nah,
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Das ich von weitem rauchen sah,

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Führte mein Herz zum Urzustand,
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Ich fühlte mich wie Weltenbrand.

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Ging so mit finsterem Gesicht,
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Wie einer, der ins Knopfloch spricht,

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Hatte mein Kinn herabgebeugt,
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Als hätte Pluto mich gezeugt.

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Zum letzten Dorf ich abends kam,
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Wo die Welt seltsam sich benahm,

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Die Leute vor den Kirchen lagen,
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Taten die Stirn auf Steine schlagen.

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Fanatisch betete man wild,
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Als ob der Teufel Messe hielt,

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Der Himmel, wetterleuchtend wach,
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Tanzte als Hex' ums Kirchendach,

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Und alle Frauen schienen mir,
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Als ritten sie auf Besen hier.

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Manche, die rührten sich gar nicht
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Mit tausendjährigem Gesicht,

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Taten, als wären sie begraben,
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Nur weil sie Angst vor Liebe haben.

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Und andere, jung und verdorben,
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Die schienen oftmals schon gestorben,

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Blieben nur so lang' auf der Welt,
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So lang' die durst'ge Jugend hält.

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Sie starben schnell und kamen wieder
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Und hatten hungerige Glieder.

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Und andere, brutal und breit,
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Die Zunge und die Faust bereit,

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Saßen mit Spindeln auf der Straß',
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Für alt und jung von gleichen Haß,

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Und Kinder nährten sie im Dreck,
102
Und starben nach erfülltem Zweck.

103
Ich kniete an der Kirchentür,
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Wünscht', daß der Teufel aus mir führ'.

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Vom Teufel fühlt' ich mich besessen,
106
Ich wollte jedes Weib vergessen.

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Blitze tanzten wie Feuerreiser,
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Die Orgelpfeifen grunzten heiser,

109
Schwer schrie des Berges Schwefelseele
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Der Kirchenorgel aus der Kehle.

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Es spotteten die Feuergeister:
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Die Ehe ist pappiger Kleister,

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Verklebt jeglichem Mann den Mut,
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Wenn er auf diesen Leim gehn tut.

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Du sollst Sultan der Erde sein
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Und jedes zweite Mädchen frein.

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Mädchen sind eine blöde Sippe,
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Fühlen sich wohl an jeder Krippe,

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Sie wollen flott genossen sein,
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Schenk' allen deine Liebe ein. –

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Das Meer, das um den Berg tat stehn,
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Rief: Du sollst kühl ins Weite sehn.

123
Du sollst dich von den Frauen trennen,
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Frei wie der Fisch durchs Leben rennen.

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Luft rief: Ach, laß die Frauen liegen,
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Stets lästig sind sie wie die Fliegen.

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Nur Erde sprach: Ehr die Natur,
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Die Frau ist keine Rippe nur,

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Die man abschneidet nach Belieben;
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Hab' so viel, als dir vorgeschrieben,

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Nimm dir nicht mehr, als dir gehört,
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Da dich der Überfluß sonst stört.

133
Mir war's bald dunkel, bald wars hell,
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Als drehte man ein Karussell,

135
Bald war ich Luft, bald Feuer sehr,
136
In Stücke ging ich mehr und mehr.

137
Mocht' nicht mehr bei der Kirche liegen,
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Bin schwefelwarm bergab gestiegen.

139
Ich roch nach Teufel lang noch später,
140
Die Kleider stanken nach Salpeter.

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Er atmete mich gründlich an,
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Grün ward mein goldner Plombenzahn.

143
Zwei Tage konnt' ich noch nicht sprechen,
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Ließ mich nur von den Mücken stechen,

145
Hab' stundenlang hart und vernarrt,
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Im Garten vor mich hingestarrt,

147
Wo im Käfig ein Affe saß,
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Der philosophisch Flöhe fraß.

149
Die Indier, dacht' ich, haben recht,
150
Die Tiere sind ein schlau Geschlecht,

151
Stellen sich stumm und sprechen nicht,
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Weil man dann niemand was verspricht.

153
Ich war im Feuerbann gewesen,
154
Und Feuer konnt' mich nur erlösen.

155
Frau Königin hat mich geküßt,
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Sie sagte: »Sag, ob du's noch bist?«

157
»ich bin's,« sprach ich, »doch will ich haben,
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Im Ätna sollst du mich begraben,

159
Wenn ich einmal gestorben bin,
160
Dann fahre mich zur Höll' dorthin.

161
Ein Teufel bin ich Tag und Nacht,
162
Der dir verweinte Augen macht.«

163
Sie sprach: »Ich lieb' den Teufel sehr,
164
Und gäb' ihn nicht dem Ätna her.

165
Bin froh, daß du zurückgekommen,
166
Auch wenn du dich so schwarz benommen.«

167
– Nachts, wenn die Grille draußen hupft,
168
Italien Mandolinen zupft.

169
Manch Liebeslied zog bei uns ein,
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Und man läßt dann das Schlafen sein;

171
Zur Mandoline gut sich's küßt,
172
Wenn man wieder anwesend ist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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