[mein Herz warf mich zur Stadt hinaus]

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Max Dauthendey: [mein Herz warf mich zur Stadt hinaus] (1892)

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Mein Herz warf mich zur Stadt hinaus,
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Wollt' nicht zur Königin nach Haus,

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Lief im Wald am Schierling vorbei,
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Als ob ich ein Giftbecher sei,

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Fühlend, ich werd' noch Unglück stiften
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Und mir Frau Königin vergiften.

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Schlief ein dann unterm Eibenbaum,
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Wahrsagend wirkt der oft im Traum.

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Kam als König zum Krönungsmahl,
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Die Tafel stand gespickt im Saal,

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Gäste standen in steifen Reihn,
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Hörte die Herolde laut schrein:

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»ihr seid serviert, Madam, ich bitte.«
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Der Marschall rief's nach alter Sitte.

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Unser Nam' aus Juwelen bunt,
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Auf dem Tischtuch geschrieben stund,

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Königin saß mir gegenüber,
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Mitten die Kron', man sah kaum drüber.

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Auf meinem Platz fand ich abnorm
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Ein Messer fremd in Sichelform.

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Weiß nicht, warum ich plötzlich fror,
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Solch Messer kam sonst nirgends vor.

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Sein steiles Eisen zog mich an,
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Und aller Augen hingen dran,

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Fühlte die Zung' am Gaumen kleben,
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Wußte, dies Messer will mein Leben.

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Königin riß das Schweigen ab,
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Sprach: »Ich bin's, die dies Messer gab,

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Es kriechen Tage aus wie Kröten,
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Die Kron' zerspringt, kannst sie nie löten,

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Wahnsinnig Schicksal steht am Tor,
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Dies Messer nur schützt dich davor.«

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Und alles altert, wie sie spricht,
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Es faltet sich jedes Gesicht,

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Mein Blick geht in dem Saale um,
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Grau scheint mein ganzes Königtum.

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»wer will den Liebesdienst mir tun?«
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Fragt' ich, doch alle Hände ruhn.

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Das Messer nimmt die Königin,
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Blut scheint ihr in den Augen drin.

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Ich ließ den Krönungsmantel fallen,
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Voll Blaßgesichter stehn die Hallen,

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Tret' hintern Stuhl der hohen Frau,
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Küß ihr die Stirn, ihr Haar wird grau.

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Sie sieht nicht um, es stößt die Hand,
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Hart mir ein Schnitt im Herzen stand.

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Ich stürzte mit des Blutes Strahl,
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Königin steht aufrecht im Saal,

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Sie atmet hoch, die Brust ihr sprang,
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Sterbend ihr Blut zu meinem drang. –

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Im Walde war es Abend bald,
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Da machte ich im Schlafen alt;

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Erschüttert kehrt' ich heim zur Stadt,
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Wo man Lampen anzünden tat.

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Denn dort, wo fromme Leute wohnen,
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Stehn in Steinnischen Hausmadonnen,

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Und stille Lampen rot und blau,
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Brennen bei jeder Himmelsfrau.

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Sie halten Wach' mit frommem Frieden,
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Und friedlich denkt man dann hienieden.

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Frau Königin schlief schon mit Ruh,
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Still kam auch ich und deckt mich zu.

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Stundenlang hab' ich nachgedacht:
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Warum ist man aus Blut gemacht?

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Wär' ich wie Heilige aus Stein,
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Stünd' ich im Leben rein allein;

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Dann wüßte man, daß man nichts wollt'.
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Doch solang' Blut im Leib umrollt,

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Will dieses Blut stets was erleben
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Und tut uns was zu denken geben.

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Ich dachte zuviel diese Nacht,
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Ameisen hatt' ich mitgebracht

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Vom Wald, die ließen mich nicht ruhn,
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Und gaben mir stets was zu tun. –

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Gewöhnlich sind die Nächte stumm,
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Doch singt etwas, sieht man sich um.

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Königin sang zur Mittnachtstund',
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Als säß' ein Vogel ihr am Mund

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Zwitscherte schlafend sich ein Lied,
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Als ob sie nachts noch Geigen sieht.

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Dabei schien sie mir winzig klein,
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Schien größer nicht wie's Herz zu sein,

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War wie ein Brünnlein, das sich schwingt,
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Mein Ohr war's Becken, drin es klingt.

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Fällt uns im Schlaf noch Musik ein,
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Muß man wohl gründlich glücklich sein,

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Oder man tut aus Sehnsucht singen,
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Die man am Tage konnt' bezwingen.

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Ich dacht', wir müssen weitergehn
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Und fremde Länder uns besehn.

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Heimat ist es, die mich beschwert,
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Weil man sich hier um Altes schert,

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Heimat ist mir ein dumpfes Wort,
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Ich lebe lieber weiterfort.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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