Ein Schicksal schon seit Ödipus

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Max Dauthendey: Ein Schicksal schon seit Ödipus Titel entspricht 1. Vers(1892)

1
Ein Schicksal schon seit Ödipus
2
An jedem sich erfüllen muß,

3
Und hier sei langsam euch enthüllt,
4
Welch Schicksal sich an mir erfüllt.

5
Die Jahre gehen, wie man weiß,
6
Im Winter kalt, im Sommer heiß.

7
Nicht nur mit heiß und kalten Wangen,
8
Sind auch die Jahre mir vergangen.

9
Es war in meiner Vaterstadt,
10
Dort fand ein Wiedersehen statt,

11
Um Folgen von dem Wiedersehn
12
Tut sich das ganze Buch jetzt drehn.

13
In meiner Stadt steht auch ein Schloß
14
Und drinnen wuchs der Amor groß,

15
Bischöfe bauten dieses Haus,
16
Und flott sieht's wie bei Göttern aus.

17
Dort sind Tanz-, Spiel- und Spiegelsaal,
18
Und dreißig Küchen auf einmal.

19
Dreihundert Säle gibt es nur,
20
Wo man genießt Gott und Natur.

21
Im Garten, in verschämten Lauben,
22
Muß man an Seligkeiten glauben.

23
Süß Nacktes spielte hier Verstecken,
24
Und Amor ließ sich gern entdecken.

25
Ist er gemeißelt nur aus Stein,
26
Flößt er doch andern Leben ein.

27
Wein liegt hinter der Kellerpfort',
28
Der trägt das Herz gar hitzig fort,

29
Er bockt in Flaschen sehr markant,
30
Man hat Bocksbeutel ihn genannt.

31
Und oft an heißem Nachmittag,
32
Wenn Gott selbst nicht regieren mag,

33
Tat Bischof und Prälat sich laben,
34
Dem Wein sie die Regentschaft gaben.

35
Mit Nichten und verwandten Damen
36
Zum Karussellsaal sie hinkamen,

37
Die Pferdlein dort aus Holz nur sind,
38
Doch dreht man sie, so macht das Wind.

39
Denn war die Mahlzeit gar zu heiß,
40
Kühlt man sich gern den Erdenschweiß.

41
Man nimmt die Damen auf den Schoß,
42
Fromm ist stets ein lackiertes Roß,

43
Und mit Musik dreht sich das Holz,
44
Und jedes Pferdchen bäumt sich stolz.

45
Die Dame, jung oder gereift,
46
Stets gern nach dem Bocksbeutel greift.

47
Ein Bischof ist auch keine Kuh,
48
Und heiß trinkt er der Dame zu.

49
»gebenedeit sei die Natur,
50
Hebt hoch das Glas,

51
Und die Prälaten rufen's nach:

52
Das Volk, das auf dem Schloßplatz steht,
53
Französisch nicht sofort versteht.

54
Hoch Schorle Morle, ruft es wieder,
55
Und Amor steigt zum Volk hernieder.

56
Kommt aus den Kellern dann die Nacht,
57
Wie Rotwein rot jed' Fenster lacht. –

58
Heut ist's in Schloß und Garten still,
59
Der kleine Gott mal schlafen will.

60
»hoch Schorle Morle,« dacht' ich laut,
61
Weil's keiner sich zu rufen traut,

62
Denn offen ist dem Volk der Garten.
63
Wo Nachtigallen süß aufwarten

64
Und wo noch Amoretten stehn,
65
Da hatte ich ein Wiedersehn.

66
Ging in den Lauben auf und nieder,
67
Und ich erkannte jemand wieder.

68
Wir gingen rund um ein Bassäng,
69
Fast Aug' in Aug', der Weg war eng,

70
Wie Würfelaugen fiel ihr Blick,
71
Wir würfelten um mein Geschick.

72
Glieder spielten ihr wie die Reben,
73
Wo unter Blättern Träublein leben,

74
Sie trug die Handschuh in der Hand,
75
Kein Ehering war der bekannt,

76
Die Hände weiß wie Sahnenflecken
77
Mochte man gern vom Kleid ablecken.

78
Sie klopft den Amor auf den Bauch
79
Aus Stein in dem Akazienstrauch.

80
Der alte Amor lachte froh,
81
Ihm wackelt der Sandsteinpopo.

82
»du bist schon längst ein Ehemann,«
83
Sprach sie, »man sieht dir's gar nicht an.«

84
Sie fragte: »Bist du glücklich jetzt?«
85
Und hat sich auf die Bank gesetzt.

86
Ich setzte mich ganz still daneben,
87
Sprach: »Glücklich bin ich für das Leben.«

88
Fragte nicht, ob sie glücklich ist,
89
Sie sprach: »Ich freu' mich, wenn du's bist.«

90
Schwarz war sie wie ein Mohrenkind,
91
Die ganz schwarz durch und durch stets sind.

92
Wenn ich mein Alter rückwärts schiebe,
93
War sie einst meine Jugendliebe.

94
Damals stand bei der Stadt ein Haus,
95
Ein Mohrenkopf sah dort heraus,

96
Ich kam dort oft zu ihrer Mutter,
97
Bestellend für den Vater Butter.

98
Der Mohrenkopf war nämlich keiner,
99
Ein Mädchen war er, braun und bräuner,

100
Mit echten Locken, ungelogen,
101
Ich hab's probiert und dran gezogen;

102
Wie Hobelspäne kraus, doch schwarz,
103
Und glänzend wie am Baum das Harz.

104
Mit ihr durft ich zum Stall hingehn,
105
Und Kühe in der Nähe sehn,

106
Sie wohnte nämlich mehr am Land,
107
Ich selber war nur stadtbekannt.

108
Im Kuhstall war's gar liebesam,
109
Irdischer Duft mein Herz benahm,

110
Ich war ein Knabe, sie ein Kind,
111
Und jener Duft, der kam vom Rind.

112
Sie war elf Jahre, ich dreizehn,
113
Ich lernte eben das Rauchen,

114
Wir suchten dunkle Ecken aus,
115
Dort waren wir mehr als zu Haus.

116
Den ersten Kuß, von dem man spricht,
117
Gab ich ihr in das Angesicht,

118
Doch, sagte sie, daß sie sich schäme,
119
Weil leicht ein Kind beim Küssen käme.

120
Das war die Ansicht ihrerseits,
121
Ich selber wußte mehr bereits,

122
Ich sagte, daß es nicht so wär',
123
Sie aber wollte mal nicht mehr.

124
Und jeden Tag ging Balthasar
125
Zum Mohrenkopf, der keiner war.

126
Daß ich genehm auch ihrer Mutter,
127
Bestellt' ich täglich viele Butter.

128
Was täglich da an Butter war,
129
Das kaufte ich und zahlte bar.

130
Denn ich versetzte, was ich hatte,
131
Sogar am Bett die Vorlegmatte.

132
Doch da die Butter leicht verdirbt,
133
Die man von Kühen sich erwirbt,

134
Und daß der Vater nichts erführe,
135
Legt' ich's bei Häusern in die Türe.

136
So wie man Findelkinder macht,
137
Wenn man die Türen nicht bewacht.

138
Dies Mohrle sah ich plötzlich wieder,
139
Da sang mein Herze Bubenlieder,

140
Auf einmal war das ganze Land
141
Wie ein Spielkasten mir bekannt.

142
Vom Riesenturm her hinter Bergen,
143
War mir's, als käm' ich zu den Zwergen,

144
Wo alles sich von selbst verstand,
145
Zu Gold wurde der Gartensand,

146
Die Rose fällt dir in den Schoß,
147
Öffnest du still die Hände bloß.

148
Im Glück ich wie ein Bär mich fand,
149
Unglück schien mir interessant,

150
Glücklich zu sein, fand ich fast dumm
151
Und sah mich gern nach Unglück um.

152
Ich tat nach ihren Augen birschen,
153
Die hingen da schwarz wie Herzkirschen,

154
Ich wollt' schon eine Leiter holen
155
Und hätte wie als Bub' gestohlen.

156
Plötzlich fiel sie mir in die Rede,
157
Fragte: Welch Ohr ihr klingen täte?

158
Ob's rechts oder im linken sei?
159
Mit Eile riet ich falsch dabei.

160
»dann wird jetzt schlecht von mir gesprochen,«
161
Sprach sie und hat sacht abgebrochen,

162
Meinte, sie könnt' nicht weitergehn,
163
Sie grüßte, und ich durft' nachsehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.