[weil Mai war und die Flitterwochen]

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Max Dauthendey: [weil Mai war und die Flitterwochen] (1892)

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Weil Mai war und die Flitterwochen,
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Waren die Blumen ausgekrochen.

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Wir hielten uns mit vielen Händen
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Und ruhten an den Efeuwänden

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Auf einem alten Schloß am Meer,
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Die See kroch unterm Fenster her,

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Sie schien mir wie ein glatter Saal,
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Der spiegelnd sich zum Tanz empfahl,

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Die Träume taten sich dort drehn
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Und ließen uns die Zukunft sehn.

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Wir bauten manches Kartenhaus
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Und suchten unsern Grabstein aus.

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Denn wo die Tage zuckern sind,
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Greift mancher nach dem Salz geschwind;

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Und schmeckt im Glück uns jeder Wein,
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So bildet man sich Unglück ein.

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Frau Königin, sie wollte haben,
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Man soll sie einst ins Meer begraben.

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Darüber taten oft wir streiten,
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Das Meer tät mir den Tod verleiden,

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Ich wollt' bei einem großen Stein
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Auf einem Berg begraben sein.

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Da schwieg sie, und sie aß nicht viel,
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Weil ich mein Grab im Meer nicht will.

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Doch in der Nacht, da sprach sie leise,
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Sie wollte ganz nach meiner Weise

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Ihr Grab auf meinem Berg bei mir,
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Zu kalt sei es im Meere ihr.

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Efeu wuchs wild durchs ganze Haus,
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Grün sahen alle Säle aus,

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Meermöwen schwebten um die Schwellen
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Wie Ampeln vor den Liebeszellen.

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Wohin man von den Sälen sah,
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War stets das, was man wünschte, da,

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Stets waren wir zu zwein im Zimmer
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Und nahmen uns das Schönste immer.

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Wie in dem Himmel Wolken fliegen,
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So tat das Schloß voll Kissen liegen.

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Auf ihnen ging die Sonn' nicht unter,
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Sie glühten Tag und Nacht gleich munter.

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Wer dort nach hundert Jahren ruht,
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Der fühlt noch dieser Kissen Glut.

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Unerfüllt ging kein Wunsch vorüber,
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Man sprach: Zu wünschen bleibt nichts über.

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So lebten wir im Paradies,
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Wo man in jeden Apfel biß,

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Biß in die grünen und die roten,
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Nicht

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Der Frühling saß an allen Wegen,
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Tat Blumen bunt und Eier legen,

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Wir wurden mit den Bäumen du
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Und sahen faul dem Leben zu.

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Gingen wie Bienen um die Blüten,
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Ließen vom Sonnenschein uns hüten,

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Gingen dem Monde hinterher,
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Die Zunge wurde satt und schwer.

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Wir machten uns wie Mücken klein
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Und sangen schönes Wetter ein;

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Und wie in Muscheln das Gesumm,
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Ging 's Glück in beiden Ohren um.

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Wie Efeu auf dem Dach am Schloß
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Ließ uns das Glück gar nicht mehr los.

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Im Schloßhof war ein Brunnentrog,
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Wo beide Köpf' man überbog,

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Da lag der Tag unten am Grund
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Als Silbertaler hell und rund.

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»zwei Köpfe sind darauf geprägt,
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Hab' ihn als Mitgift hingelegt,«

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Sprach sie, »Zins zahlt die Lebensbank,
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Solang die Köpfe hell und blank.

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Nie gehen meine Taler aus,
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Stets liegt ein neuer früh im Haus.«

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Ins Feld zog sie mich dann am Arm,
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Dort stand Klee wie Ohrläppchen warm,

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Und wo sich Königin dort bückte,
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Fand sie ein Kleeblatt, das beglückte.

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Sie brauchte nur vorbeizugehn,
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Da tat der Klee vierblättrig stehn,

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Sie brauchte nur den Fuß zu regen,
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Wuchs Glück gleich Unkraut an den Wegen.

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Und immer, wenn es Abend war,
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Öffnete Königin ihr Haar,

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Dann tat sie an das Fenster treten
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Und ließ es von dem Mond anbeten.

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Der Mond ging nicht vom Fenster fort,
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Er glühte und er sprach kein Wort,

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Ich fühlte seine böse Lust,
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Und Eifersucht stach meine Brust.

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Nur ich durfte ihr Haar besehn,
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Wie konnte sie zum Mond hingehn?

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»man weiß nicht, was er tuen kann,
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Der Mond ist sicher auch ein Mann,

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Er hat schon manches Weib belogen,
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Fühl dich nicht zu ihm hingezogen!«

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Ich hab' sie in den Arm genommen,
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So konnt' sie nicht abhanden kommen.

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Verführend lockte auch das Meer,
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Warf sich ihr stets zu Füßen her,

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Es scharrte nächtlich um das Haus,
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Und ungeduldig sah es aus;

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Und wenn selbst gute Leute schliefen,
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Grunzte es noch in seinen Tiefen.

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Es lenkte uns vom Küssen ab:
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»silentium«! rief ich laut hinab.

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Dann war es für Sekunden still.
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Es staunte, daß man auch was will.

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Träumt' ich als Kind von schönen Sachen,
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Und fand ich nichts mehr beim Erwachen,

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So bat ich oft die Mutter mein:
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»taschen näh' mir ins Nachthemd ein,

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Daß ich es in den Taschen finde,
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Gibt man im Traum mir Angebinde.«

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Jetzt braucht' ich keine Taschen mehr,
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Denn nie war's beim Erwachen leer,

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Mein schönster Traum lag stets zur Seite
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In seiner Läng' und seiner Breite.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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