[frau Königin ward mein Gemahl]

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Max Dauthendey: [frau Königin ward mein Gemahl] (1892)

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Frau Königin ward mein Gemahl
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Auf einer Insel im Kanal.

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In einem Kirchlein, klein und bieder,
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Knieten wir am Altare nieder,

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Und niemand hat gelacht, geweint,
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Als uns der Priester still geeint.

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Doch als wir aus der Kirch' hinaus,
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Sahn beide wir erstaunter aus.

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Den Ehring ungewohnt ich fand,
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Und er ging leicht mir von der Hand.

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Denn stets, wenn ich nach Hause ging,
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Legte ich ab Hut, Stock und Ring.

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Gar lästig scheint der Außenzwang,
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Hat man so vielen Innendrang.

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Als Gast bei unserm Hochzeitsschmaus
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War nur ein weißer Rosenstrauß.

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Wir saßen leis wie im Versteck
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Mit unserm Glück in einer Eck.

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Schön kann erst recht die Hochzeit sein,
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Sind Braut und Bräutigam allein.

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Doch was die Lieb' erst wirklich macht,
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Das ist das Fest der Hochzeitsnacht.

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Man ahnte sich ja vorderhand
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Nur immer durch die Kleiderwand,

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Und man wird dann sich erst zu eigen,
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Darf man dem Kleiderschrank entsteigen.

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Wir stammen sicher nicht vom Affen,
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Zu herrlich ist der Mensch geschaffen.

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Das göttlich zarte Ebenmaß
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Der Affe ganz bei sich vergaß.

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Wir Menschen dürfen sagen laut,
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Wir haben edel uns gebaut.

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Doch was beim ersten Kuß gesagt,
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Sei auch zur Hochzeitsnacht geklagt.

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Sie ist nicht so, wie man sie denkt,
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Viel schönere die Zukunft schenkt.

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Denn ist man keusch, fühlt man ein Trennen,
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Man tut sich kleiderlos nicht kennen,

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Der Leib fühlt sich noch unverwandt,
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Nur das Gesicht bleibt uns bekannt.

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Doch selig süß wird das Erschrecken,
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Tut man allmählich sich entdecken.

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Der Körper in so fremder Weise
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Dünkt ohne Kleider uns so leise,

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Fast unsichtbar wirkt man als nackt,
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Bis uns das Blut am Herzen packt.

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Das Blut, der alte Götterwein,
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Mit Küssen schenkt man ihn sich ein,

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Der ganze Mensch verbrennt davon
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Und steigt zur vierten Dimension.

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Der Tod, sagt man, beschließt das Leben,
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Und dann soll's noch was Beßres geben.

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Doch wenn sich lebt ein Weib, ein Mann,
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Man sich nichts Beßres wünschen kann.

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Das Bett, das ist das Himmelreich,
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Dort sind wir Gott und Mensch zugleich,

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Dort liegt des Weltalls Schwergewicht,
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Mehr Glück als Liebe gibt es nicht.

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Von meiner Nacht ist noch bekannt:
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Viel Volk ist laut umhergerannt,

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Die Fenster klirrten von den Wagen,
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Ich hörte schreien, hörte fragen,

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Am Fenster zuckte rot ein Tanz,
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Zum Himmel flog ein Feuerkranz.

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Gleich Hochzeitsfackeln in der Stadt
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Ein Feuer hell gewütet hat.

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Deshalb der Lärm in allen Gassen,
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Das Feuer schien heut nacht zu prassen.

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Ich hielt es heiß in meinem Arm,
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Und eine Stadt ward davon warm.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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