[dein ganzes Leben war nur Dunst]

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Max Dauthendey: [dein ganzes Leben war nur Dunst] (1892)

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Dein ganzes Leben war nur Dunst,
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Liebst du nicht stets mit edler Kunst.

3
Und lieben sollst du vor dem Tode,
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Das war von je pariser Mode.

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Die Stadt spricht ganz in meinem Sinn
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Und immer zog's mich zu ihr hin.

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Ehre ist mehr ein kaltes Feuer,
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Nur Liebe, die wärmt ungeheuer,

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Geld gibt dem Leibe vieles Glück,
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Doch nicht den höchsten Augenblick.

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Nur Liebe macht im Mark erbeben,
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Deshalb soll jeder sie erleben.

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Mir tanzten die Pariser Straßen,
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Konnt' mich vor Freude nicht mehr lassen,

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Wußte, Frau Königin war da,
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Wenn ich sie selbst auch noch nicht sah.

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Wünschte durch Mauern jetzt zu sehn
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Und in den Häusern umzugehn.

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Doch dieses mußt' ich unterlassen
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Und mich beschränken auf die Straßen.

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Der Zufall spielt gar gern Verstecken,
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Mich tat er unvergeßlich necken.

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Auf einem Dampfboot auf der Seine,
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Als ich an dem Geländer lehne,

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Ein ander Boot kam mir entgegen,
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Da naht »sie« wie ein goldner Segen.

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Sie trägt ihr stolzestes Gesicht
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Und lebt allein und sieht mich nicht.

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Ich zählte nicht einmal bis zwei,
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Da war das Boot mit ihr vorbei;

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Den Dampf tat ich von Grund aus hassen,
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Jetzt war ich wiederum verlassen.

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Im Schlaf erschien mir dann die Seine
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Wie meiner Sehnsucht lange Träne,

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Und stets auf einem andern Schiff
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Schwamm die vorüber, die ich rief.

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Ich wurde nicht im Suchen lahm,
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Und wiederum ein Zufall kam.

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Kommt man in eine neue Stadt,
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In der man ein paar Freunde hat,

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Geht man zu ihnen mal hinauf
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Und sucht die lieben Freunde auf.

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Mein Freund war Maler von Beruf,
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Am liebsten er die Nacktheit schuf.

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Hab' vor den Bildern Platz genommen.
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Er sprach: »Der Wein, der wird gleich kommen.«

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Sein Modell warf den Mantel ab,
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Nackt stand sie da, wie Gott sie gab.

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Den Wein tat kleiderlos sie kaufen,
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Mich tat es ganz heiß überlaufen.

51
Ich lobte sehr ihr blankes Haar.
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Mein Freund rief: »Es ist sonderbar,

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Wie dieses Haar jetzt modisch wird!
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Noch stärker hat es mich verwirrt

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Von einer Dame
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Wie eine Königin ist die,

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Ihr Haar ist eine heiße Krone.«
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Ich fragte zitternd, wo sie wohne.

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»dort steht sie an dem Fenster eben!«
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Von Feuer fühlt' ich mich umgeben,

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Frau Königin gleich rechter Hand
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Im nächsten Haus am Fenster stand.

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Sie sah gerade auf die Uhr:
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»o Gott, wär' ich ein Zeiger nur!

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Ich würde ihre Blicke lenken,
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An mich müßte sie stündlich denken.«

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Lange sprach ich kein lautes Wort,
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O, ging' sie nie vom Fenster fort!

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Natürlich mußte sie dann gehn,
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Und ließ mich lahm und zweifelnd stehn.

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Und als der helle Tag gewichen,
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Kam wie ein Kater ich geschlichen,

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Mein Mut, der wurde stündlich trüber,
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Saß ihrem Hause gegenüber

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Auf einer Bank bei einem Zaun
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Und tat nur immer aufwärts schaun.

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Und blies sie aus den Lampenschein,
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Schlief ich mit offnen Augen ein,

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Schlief mich so göttlich nie mehr aus
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Wie in den Nächten vor dem Haus.

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Sah, wie der Mond am Fenster leckte,
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Und Schiefer von den Dächern deckte.

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Zum Mond auf Dächern tanzt' Paris,
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Nachtwind die Tänzer vorwärtsblies,

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Wenn Männer die Jungfrauen küßten,
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Fuhren Raketen aus den Brüsten,

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Sah Abälard mit Heloïsen
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Der großen Lieb' gottvolle Riesen.

89
Zum Marterberg tanzt' man aufwärts,
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Rund um die Kirch »zum heil'gen Herz«,

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Und Mann mit Weib zum Mond sich schwang,
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Daß still der Mond in Scherben sprang.

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Sterne verpfiffen wie die Flöten,
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Kein Frührot kann die Tänzer töten,

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Schliefen wie Flaschen nach dem Mahl,
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Kehrer kamen zum Straßensaal.

97
Es leb' die Lieb'! blieb's Losungswort,
98
Behutsam schob man Scherben fort. –

99
So hielt ich nachts die Augen offen
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Und tat verzückt in Bildern hoffen.

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Ich wagte nicht, zu ihr zu gehn,
102
Aus Angst, sie könnt den Rücken drehn,

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Und sich für immer von mir wenden,
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Und schnöde müßt' mein Herz verenden.

105
Ich wartete den Zufall ab,
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Der sich zum drittenmal begab.

107
Dem Zufall muß ein Hoch ich bringen,
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Er ist es wert, ihn zu besingen.

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Der Zufall fragt nicht wo, nicht wie,
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Zerstört und bringt die Harmonie,

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Kann selbst in Mißkredit nicht kommen,
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Wenn er sich lächerlich benommen.

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Ich Ärmster, ich kann nichts dafür,
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Ach, lächerlich kam er zu mir.

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Wenn man es mal recht eilig hat,
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Gibt's Omnibusse in der Stadt.

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Ein Platz war nämlich nur noch frei,
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Frau Königin saß dicht dabei,

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Ich ließ mich ihr zur Seite nieder,
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Empfahl dem Himmel meine Glieder.

121
Sie sah mich noch nicht vorderhand,
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Und ich blieb ihr noch unbekannt.

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Ein Omnibus, der schüttelt stark,
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Ich fühlte mein Gehirn wie Quark,

125
Da Schulter ich an Schulter saß
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Mit ihr, die mir am Herzen fraß.

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Ich fühlte bald, ich würde toll,
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Mein Kopf brannte wie Alkohol,

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Die Augen wuchsen groß wie Räder.
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Ich glaub', ich werde Attentäter,

131
Denn alles drängt nach einem Kuß,
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Den ich jetzt endlich haben muß.

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Fühlte Fieber in jedem Arm,
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Selbst meine Sohlen wurden warm.

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Ich bin ganz jählings aufgesprungen
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Und hab' Frau Königin umschlungen

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Und küss' die Dame durch den Schleier,
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Dann erst war mir die Seele freier.

139
Sie schreit, bis sie mich schnell erkennt,
140
Doch alles schon zusammenrennt,

141
Man flieht, man ruft den Kondukteur,
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Man kreischt: »Ein Narr macht hier Malheur!«

143
Man stoppt. Doch die Frau Königin
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Sagt zu den Leuten obenhin:

145
»es ist ja weiter nichts geschehn
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Als nur ein frohes Wiedersehn.«

147
Sie ging dann gern mit mir spazieren,
148
Sollt' sie zu schönen Bildern führen.

149
Sie war noch rosenrot vom Kuß
150
Und sprach nicht mehr vom Omnibus.

151
Wenn Wangen sich wie Blumen zeigen,
152
Dann platzt im Herzen bald das Schweigen.

153
Und in den Louvregalerien
154
War's Wunschschloß der Frau Königin.

155
Die Welt herrlich um uns entstand,
156
Mit Lieb' gemalt auf Leinewand,

157
Wir saßen still vor einem Bild
158
In Mondpracht und doch seltsam wild,

159
Ein schwarz verzweifelt Ackerland,
160
Ein Wassergraben rechter Hand,

161
Gemalt nach schwangerm Abendregen,
162
Und Pfützen noch auf allen Wegen;

163
In Wolken, die voll Föhn und naß,
164
Der Mond grell wie ein Blitzstrahl saß.

165
»hier in dem Bilde wollen wir
166
Spazieren gehn,« sprach sie zu mir.

167
Wir saßen eng auf dem Sofa
168
Und gingen in die Landschaft da.

169
Sie sprach so göttlich nebenbei,
170
Und was sie sprach, war einerlei.

171
Ich fühlte es bei ihr sogleich:
172
Ja, ich und sie werden ein Reich.

173
Der Kuß hat freier mich gemacht,
174
Und ich erzählte von der Nacht,

175
Daß ich ihr Fenster still besessen
176
Und Sehnsucht tät den Mond auffressen.

177
Da tat der Föhnwind heiß umgehen,
178
Der Louvre tat voll Schwüle stehen.

179
Mir war, als folgten uns aus Rahmen
180
All die gemalten Herrn und Damen.

181
Leute aus jeglichem Jahrhundert
182
Sie haben Königin bewundert.

183
Sie konnte Tote zittern machen,
184
Lieb' sprach zu ihr in allen Sprachen.

185
Rubens und Rembrandt glühten da,
186
Sobald Frau Königin hinsah,

187
Holbein und Dürer grüßten tief,
188
Und ihr Mund sanft: »Madonna« rief.

189
Weil man das Singen ja nicht sieht,
190
Sang Königin halblaut ein Lied,

191
Ließ wie ein Taschentuch es fallen
192
In Huld als Dank ihren Vasallen.

193
Und Milos Venus lud uns ein,
194
Ihr Marmor hatte Feuerschein,

195
Ihr Leib war wie ein Sonnenstück,
196
Es war ihr höchster Augenblick.

197
Denn einst, als man Paris beschossen,
198
Hat das die Venus schwer verdrossen,

199
Sie legte sich in eine Kist'.
200
Versteckt in einer Fuhre Mist,

201
Lag sie in einer der Kasernen,
202
Bis sich der Deutsche tat entfernen.

203
Sich rettend so aus den Gefahren
204
Wartet sie jetzt auf Balthasaren.

205
Blank, und von Mist nicht einen Schimmer,
206
Steht sie im Louvrehinterzimmer.

207
Und dann, an diesem Nachmittag,
208
Die Sonne ihr am Nabel lag.

209
Da kam der Balthasar auch hin
210
Und ihm zur Seit' Frau Königin.

211
Ganz harmlos sagt der Balthasar:
212
»die Venus ist mal sonderbar!

213
Ich sage euch, daß ihr es wißt,
214
Daß sie hier nicht die Schönste ist.«

215
Und er sah nur Frau Königin
216
Und sah nicht mehr zur Venus hin.

217
Als echte Venus freut sie sich,
218
Die Sonn' sie sich vom Nabel strich

219
Und legt sie auf das Goldhaupt hin
220
Als Krone der Frau Königin.

221
Frau Königin hat nicht verneint,
222
Frau Venus hat uns still vereint,

223
Es waren sich die Herzen nah,
224
Als wär' ich Vater, sie Mama,

225
Sie drückte mir die Lippen zu
226
Und ward noch schöner und sprach: »Du.«

227
Von den Genüssen der Genuß
228
Ist so ein richtiger erster Kuß,

229
Es müssen beide tüchtig wollen,
230
Dann schöpft man heftig aus dem Vollen.

231
So hatt' ich es mir ausgedacht,
232
Doch anders ist die Welt gemacht.

233
Auch ich hab' es erfahren müssen:
234
Ein keusches Weib kann noch nicht küssen,

235
Sie kann die Lippen noch nicht stellen,
236
Tut oft den andern Mund verfehlen,

237
Sie stellt sich ungeschickt noch an,
238
Man küßt statt Lippe oft den Zahn.

239
Doch Liebe übt das Küssen ein,
240
Und dunkel soll es dabei sein.

241
Wir fuhren weich in einem Wagen
242
Und ließen durch Paris uns tragen.

243
Der Wagen war ein fliegend Haus,
244
Drin übten wir das Küssen aus.

245
Man küßt sich, und man spricht kein Wort,
246
Und denkt nicht, – man ist einfach fort.

247
Das Herz hat jahrelang gehastet,
248
Bis es den Mund fand, wo es rastet;

249
Es tat ja Tag und Nacht stets rennen,
250
Man kann's dem Herzen wirklich gönnen.

251
Oft hab' ich drüber nachgedacht,
252
Wie doch das gute Herz es macht,

253
Daß immerfort es wachen kann,
254
Arbeitend stets von Jugend an.

255
Nachts, wenn der ganze Körper ruht,
256
Sortiert es immer noch das Blut,

257
Der Muskel schafft oft hundert Jahr.
258
Ich find' es gar nicht sonderbar,

259
Daß er nach Kuß und Liebe drängt,
260
Wenn dieses ihm Erholung schenkt.

261
O, störe nie den Mensch, der küßt,
262
Weil das einfach unmenschlich ist!

263
Und in Paris ist man gewöhnt,
264
Daß man die Liebe jedem gönnt.

265
So küßten wir und waren fort,
266
Sogar noch am Platz

267
Wo einst man köpfte Nacht und Tag,
268
Das Pflaster mir voll Küsse lag.

269
Laternen tanzten um uns her,
270
Als wenn der Platz die Milchstraß' wär'.

271
Doch plötzlich blieb mein Kopf nicht heil,
272
Ein Wort fiel schwer wie ein Fallbeil.

273
Wo einst die Guillotine stand,
274
Der Balzer sich ganz kopflos fand,

275
Denn Königin sprach ahnungsvoll,
276
Von »Treue«, die man halten soll:

277
»du, Balzer, dein will ich gern sein,
278
Doch fiele es dir jemals ein,

279
Daß du mich zum Betrug gewählt,
280
Dann glaub' ich nichts mehr auf der Welt.«

281
Ich weiß nicht, welch ein Blitz geschah,
282
Daß ich die Zukunft plötzlich sah.

283
Mitten in meines Blutes Saus
284
Wischte der Blitz den Kopf mir aus.

285
Wer könnte es mit Ernst beschwören,
286
Daß ihn die Zeiten nie betören?

287
Weiß man denn, wer man selber ist,
288
Getaufter Heide, genannt Christ.

289
Nie kann ich für mich garantieren,
290
Das Leben ist ein stündlich Irren.

291
Heut leg' als Christ ich mich zu Bett,
292
Und früh bet' ich zu Mohammed.

293
Denn immer blindhin rollt die Welt,
294
Kurz, nur die Seel' im Leib aushält.

295
Erschüttert hat mich, was sie sprach,
296
Es war der Liebe erstes »Ach«.

297
Man soll im Glück am Leid nicht rühren,
298
Nicht stets nach der Mechanik spüren,

299
Puppen sind wir im Puppenhaus,
300
Spielt man zu hart, läuft Sägmehl 'raus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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