[mein Seehündlein war stets zur Stell']

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Max Dauthendey: [mein Seehündlein war stets zur Stell'] (1892)

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Mein Seehündlein war stets zur Stell',
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Und freudig glänzte ihm das Fell,

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Es schwamm mir lustig nebenher,
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Als wenn es ganz mein Schoßhund wär'.

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Man rudert so am hellen Tag,
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Bis man am Abend nicht mehr mag.

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Da tat es einen Leuchtturm geben
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Und bei dem Turm ein Witwenleben.

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Sie führte ein beschaulich Sein
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Aus einem kleinen Inselstein.

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Ein Haus, ein Turm, ein Baum, ein Grab,
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Das war der Witwe ganze Hab.

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Die Witwe sie war Menschenkenner:
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Im Grabe lagen ihr vier Männer.

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Ich hielt sie erst für einen Mann,
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Die Dame hatte Hosen an,

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Teerhosen, und Südwester auf;
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Zog mich am Seil zum Fels hinauf.

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Dort oben staunte ich noch mehr:
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Viel Blumen rannten rot umher.

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Plötzlich blieb eine Blume stehn;
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Die Blume, sie begann zu krähn.

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Sofort sah ich den Zauber ein:
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Es waren lauter Hühnerlein,

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Hühner wie Steine gelb und grau,
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Und sie gehörten jener Frau.

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Vor Steinen konnt' man nichts erkennen
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Und sah nur rote Kämme rennen.

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Die Witwe rief die Magd, den Wächter,
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Und man empfing mich mit Gelächter,

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Denn ganz verdummt waren die Drei
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Vom steinernen Meereinerlei.

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Sie saßen auf dem Felsenriff,
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Einmal kam jährlich nur ein Schiff

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Mit Proviant fürs ganze Jahr,
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So daß ich ein Meerwunder war.

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Gewöhnlich fischten sie nur Leichen,
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Ich hatte alle Lebenszeichen.

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Deshalb sie wie die Wilden lachten
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Und tausende Grimassen machten.

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Zwölf Fische brachte man zum Essen,
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Mir schien, als sollt' ich das Meer auffressen,

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Fische in allen Lebenslagen,
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Ein Fischbassin war bald mein Magen,

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Zum Morgen-, Mittag-, Abendtisch,
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Immer und nachts im Traum noch Fisch.

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Die Dreie gingen um mich her,
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Als wenn ich ganz ihr Säugling wär'.

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Erfurchtsvoll saß niemand bei Tisch,
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Nur ich allein saß und aß Fisch.

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Ich war für sie nicht nur ein Mann,
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Ich war gleich eine Karawan',

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Mein Schuh, mein Hemd, mein Hut, mein Kragen
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Wurden Personen sozusagen,

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Man sprach mit ihnen wie mit mir:
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Man schien sich tausend, nicht nur vier.

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Man war gesprächig sondergleichen,
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Denn sonst sprach man ja nur mit Leichen.

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Damit der Wind das Haus nicht raubt,
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War es mit Schrauben angeschraubt,

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Felsen und Haus, den ganzen Tag
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Zitterten die vom Wellenschlag,

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Doch in des Hauses stillen Räumen
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Hörte man mehr als Wellenschäumen.

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Seltsam sind oft die Angedenken,
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Die Menschen ihren Toten schenken,

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Vier Uhren machten laut Rumor,
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Sie stellten die vier Männer vor,

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Hießen Niels, Tom, Knut, Kristian,
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Jede benannt nach einem Mann.

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Bald rasselt Tom, bald schnarrte Knut,
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Und jeder hatte seine Wut.

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Der Witwe machten sie viel Freuden,
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Denn keiner konnt' den andern leiden,

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Die Witwe selbst kam kaum zu Wort,
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Die Männer lärmten immer fort.

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Beim Haus auch zeigte man den Baum,
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Doch weiterfort sah man ihn kaum.

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Der Baum, er war mehr Phantasie,
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Er ging mir nämlich nur ans Knie.

81
Hier saß die Witwe manchmal still,
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Weil ein Baum Schatten haben will.

83
Das Grab der Männer lag bergab
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Am Strand, wo's einen Sandfleck gab,

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Zwölf Schritte nur flach im Quadrat,
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Hier war's, wo sie zum Tanz mich bat.

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Es war ein ururalter Brauch,
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Grab war hier und der Tanzplatz auch.

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Denn rings war alles Felsgetrümmer,
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Und darauf tanzt kein Frauenzimmer.

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Die Sonne schien gar freundlich da,
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Die Magd spielte Harmonika,

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Es war ein Leben wie auf Rosen,
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Die Witwe walzte in den Hosen,

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Das Meer kam an in hohen Zügen,
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Die Toten schrien vor Vergnügen,

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Das Grab ward jedem bald zu heiß,
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Die ganze Insel kam in Schweiß.

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Bald spielt' die Witwe, bald die Magd;
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Ich hab' mich tanzend abgejagt,

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Und endlich hab' ich eingestanden:
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Mehr geht's nicht, sonst komm' ich abhanden.

103
Und nicht mehr ließ ich mich jetzt halten,
104
Ich zog mein Boot aus Felsenspalten.

105
Ich muß noch sagen: nicht allein
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Das Tanzen saß mir im Gebein,

107
Nein, auch die hunderttausend Fische,
108
Die ich vertilgt bei jedem Tische,

109
Die gingen mir nicht aus dem Magen;
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Ich konnte Fisch nicht laut mehr sagen.

111
Wohl stand die See voll Ungewitter,
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Die Wellen schnaubten schwarz und bitter,

113
Ich ritt mein Schifflein durch den Schaum,
114
Die Seekrankheit bemerkt' ich kaum.

115
Die Bibel wurde mir ganz klar:
116
Sympathisch mir der Esau war,

117
Gab seine Erstgeburt dahin
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Für Linsen und ein Beefsteak drin;

119
Mein Dasein wollte ich gern geben,
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Könnt' ich ein Rostbeaf noch erleben.

121
Es drängte mich nicht weiter mehr,
122
Heimwärts zog Herz und Magen sehr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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