[mir tat ein bißchen Wasser not]

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Max Dauthendey: [mir tat ein bißchen Wasser not] (1892)

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Mir tat ein bißchen Wasser not,
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Darum nahm ich ein Ruderboot.

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Das Reisen hab' ich sehr geliebt,
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Weil man sich weiter fortbegibt.

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Die Nähe wird uns oft zu nah,
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Für den Fall ist die Ferne da.

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Ein jeder sagt: das Meer ist groß,
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Doch keiner sagt: drauf ist nichts los.

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Denn denk' ich an die nasse Brut
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Der Fische mit dem kalten Blut,

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Der Erde größte Egoisten,
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Die liebeleer ihr Dasein fristen:

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Das Weib legt schuldigst Ei an Ei,
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Das Männchen schwimmt daran vorbei,

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Getrennt lieben die zwei Geschlechter, –
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Ich bin und bleib' ein Meerverächter.

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Trotzdem ward ich jetzt Wassermann,
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Kaute Tabak und spuckte dann.

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Ich ruderte und lenkte sehr,
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Als ob ich die Vorsehung wär',

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Sechs Wochen ruderte ich froh,
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Und manchmal tat ich auch nur so.

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Nachts schlief ich still am Küstenland,
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Wozu sich stets ein Leuchtturm fand.

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Steiniger ward der Küstenrahmen,
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Je mehr die Ruder nordwärts kamen.

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Vom Meer geschliffen runde Steine,
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Wie Totenschädel, groß und kleine,

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Die lagen von der Eiszeit her,
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Als wenn das Land ein Kirchhof wär'.

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Ein Seehündlein war mein Begleiter,
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Es schwamm acht Tage mit mir weiter;

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Wie Marionetten an den Drähten
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Hingen die Möwen, bellten, krähten.

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Vom leeren Himmel auf mich nieder
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Windteufel sangen Orgellieder.

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Das Wasser tanzte in Gestalten,
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Meergreise, die den Mund nicht halten,

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Die spuckten, anstatt daß sie sprachen,
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Und tausend unheimliche Sachen

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Liefen den ganzen Tag mir nach,
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Drum sehnte ich mich unter Dach.

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Auf Pfählen standen in den Klippen
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Hölzerne Dörflein gleich Gerippen,

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Ein Leichenkasten jedes Haus,
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Wurmstichig sah das Ganze aus.

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Hier legte ich die Ruder ein
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Und klopfte an. Man rief: Herein!

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Doch ehe ich noch eingetreten,
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Zwei Mädchenaugen mich erspähten;

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Sie drückten fast die Scheiben aus,
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So staunend sahen sie hinaus.

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Beim Himmel, dacht' ich, welch Empfang,
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Das Land hat also Lebensklang

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Der Vater von dem Mägdelein
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Sah wie ein Weihnachtsmann darein,

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Rotwangig alt und kernig hart,
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Schien jünger als sein weißer Bart.

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Er grüßte schweigsam wie ein Fisch,
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Und schweigsam wies er auf den Tisch.

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Die Mägde kamen, deckten schnell,
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Ein Tischtuch macht das Zimmer hell.

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Ehrfurchtsvoll schwieg man immerfort,
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Als wär' der Tisch ein höhrer Ort.

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Ich merkte nur, ich war willkommen
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Und hab' die Schüsseln angenommen.

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Das Mädchen sah ich gar nicht mehr,
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Als ob es eingemauert wär'.

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Die Mägde flüsterten im Haus,
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Geheimnisvoll sah manches aus,

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Und einmal, als es Abend war,
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Erklärte es sich wunderbar.

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Sturm war und draußen laute Nacht,
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Manchmal hat dumpf das Meer gekracht.

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Im Schaukelstuhl, den er gern brauchte,
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Der Vater saß und Stummel rauchte.

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Grog dampfte, man sah kaum den Tisch,
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Und Grog gibt Sprache auch dem Fisch.

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Wir taten oft die Gläser heben
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Und sprachen vom Weltende eben.

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Der Sturm stieß schwer am Dach ums Haus,
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Auf einmal löscht die Lampe aus.

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Ich springe auf, der Vater flucht,
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Streichhölzer findet nie, wer sucht.

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Es mußten Wände offen stehn,
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Der Sturm, der tat das Zimmer drehn.

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Ein Lärm, als wär' das Haus zersprungen,
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Im Dunkel fühl' ich mich umschlungen.

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Der Sturm, er hatte Mädchenarme
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Und schnelle Lippen, wilde, warme,

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Mein Name wurde laut geschrien,
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Dann fiel jemand im Zimmer hin.

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Wenn so etwas so schnell erscheint,
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Glaubt man gar nicht, daß man gemeint

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Tat überall nur Küsse spüren,
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Licht kam, ich durfte mich nicht rühren.

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Zu meinen Füßen, gleich den Leichen,
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Lag jenes Mädchen sondergleichen.

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Der Vater sprach: »Es ist ein Jammer,
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Man bringe sie in ihre Kammer!«

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Die Mägde hoben sie sacht auf,
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Und trugen sie zu sich hinauf.

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Im Zimmer war es schweigsam sehr,
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Der Grog, der dampfte auch nicht mehr,

105
Dem Haus lag etwas auf der Brust,
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Da sprach der Vaters: »Hab's gewußt,

107
Zu selten sieht sie einen Mann,
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Und gleich verliebt ist sie auch dann.«

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Die Magd kam: »Ach, sie wacht nicht auf.«
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Der Vater sprach: »Gehn Sie hinauf,

111
Mein Herr, erretten Sie mein Kind,
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Da Sie doch ihr Geliebter sind.«

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Gern menschenfreundlich will ich sein.
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Doch ach, mein Herz war nicht mehr mein,

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Mein Herz, das immer rückwärts lief,
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Immer Frau Königin nur rief.

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Bin darum schleunigst aufgebrochen,
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Bin morgens in die See gestochen,

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Der Vater hat es sehr beklagt,
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Daß solch ein Mann wie ich versagt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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