[ein Übermensch schläft sich gern aus]

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Max Dauthendey: [ein Übermensch schläft sich gern aus] (1892)

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Ein Übermensch schläft sich gern aus
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Den andern ist er doch voraus.

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So lag ich oft noch mittags da
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Und wartete, was heut geschah.

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Nur Nächte hatte ich genossen,
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Doch von der Liebe, jener großen,

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Die auch am Tage bleiben soll,
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Davon wußt' ich noch keinen Zoll,

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Denn keiner von den schönen Frauen
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Wollte ich noch fürs Leben trauen.

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Die einen, ach, die sprachen tief,
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Bis jeder Fleischeswunsch entschlief,

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Sie ließen sich gern Schwestern nennen,
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Um sich nicht ganz vom Mann zu trennen.

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Die andern, ach, das sind die Braven,
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Die lieben gern nach Paragraphen;

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Sie sind's, die mehr als nützlich sind
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Und lieben statt dem Mann das Kind.

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Die Dritten trugen hoch den Busen
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Und liebten durchsichtig die Blusen,

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Die sind zum Herzklopfen gemacht,
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Doch küssen sie gern unbedacht.

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An jeder hat mich was gequält.
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Ach, wenn doch einer für mich wählt!

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Weil dieses dann für mich geschah,
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Deshalb ist dies Kapitel da.

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Sie war ein Mädchen stolz und rar,
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Hochmütig war an ihr das Haar,

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Das war aus Gold wie ein Dukat,
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Rein vierundzwanzig im Karat.

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Ihr Auge flog ganz leicht ins Grün,
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Wie Eidechsen, die stets entfliehn.

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Und eilte man den Augen nach,
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War's wie am Pol ein halb Jahr Tag.

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Hell wie der Demant
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Kam mir des Mädchens Seele vor.

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Ich habe sie nur angeschaut,
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Da war sie mir wie angetraut.

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Ich sterbe, dacht' ich, Stück um Stück,
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Gibt sie mir nicht den Blick zurück,

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Doch sollte ich noch lange warten,
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Denn man befand sich auf Irrfahrten.

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Hatt' sie gesehn und ging wie immer
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Nach Haus, da saß sie schon im Zimmer,

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Ihr Antlitz war in der Tapete,
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Als wenn ich es bestellt mir hätte,

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Im Goldfischglas am Blumentisch
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Schwamm sie ganz klein als flinker Fisch,

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Und nirgends war es mehr geheuer;
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Im Ofen tanzte sie im Feuer,

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Sie sank als Schnee an meine Scheiben,
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Ich konnt' nicht lesen mehr, nicht schreiben,

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Statt Buchstaben sah ich nur Haar,
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Weil sie von A bis Z da war.

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Sie war mein Schatten, saß im Mond,
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War überall, wo sich's nur lohnt.

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Dieses Zusammensein allein
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Ging tief auf meine Nerven ein,

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Und ich verlor den Appetit,
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Mein Magen wollte nicht mehr mit,

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Ich gab mein Fett in Tonnen her,
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Und nur mein Herz blieb zentnerschwer.

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Filzschuhe hat das Schicksel an,
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Weil man es gar nicht hören kann.

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Teilt es die Schicksalsschläge aus,
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Trifft es uns darum stets zu Haus.

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Ich sah die Dame meiner Wahl
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Öfters in einem Lesesaal,

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Wo man für zwanzig Pfennig saß
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Und vieles mit den Augen las.

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Sie übersprang der Bücher Lauf
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Und schnitt mehr gern die Seiten auf.

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Dazwischen sprachen wir ein Wort,
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Und jeder sah dann schleunigst fort.

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Doch finden sich noch andre ein,
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So ist man nicht mehr so allein.

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Unter den andern ist P.T.,
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Den ich dabei nicht gerne seh,

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Zu dreien ist die Liebe schwer,
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Und einer geht dann nebenher.

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An einem Winternachmittag,
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Als Schnee auf allen Dächern lag,

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Wie Schnee war's mir gar hell im Sinn:
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Vor mir da stund Frau Königin.

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Frau Königin hieß jene Dame,
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Und besser paßte ihr kein Name.

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Ich traf sie just vor meiner Tür.
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Sie sagte just, sie wollt' zu mir.

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Mir fiel vom Scheitel fast der Hut,
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So heiß schoß mir ins Haar das Blut.

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Sie sagte mir ernst und bescheiden:
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»ich weiß, Sie können P.T. leiden,

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Er will sich heut mit mir verloben,
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Ich hab's auf morgen aufgeschoben.

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Möcht' fragen, halten Sie's für gut,
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Da man so kurz sich kennen tut?«

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Der Schicksalschlag war eingetroffen,
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Inwendig stand der Mund mir offen.

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Der Himmel schien mir aufgerissen,
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Mein schönstes Ich hinausgeschmissen.

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Warum trägt man gestärkte Kragen?
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Man kann drin keine Wahrheit sagen.

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Galoschen, die zu weit am Schuh,
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Auch sie rauben die Wahrheitsruh.

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Kurz, man versteckt sich in Betrug,
106
Denn Emballagen gibt's genug.

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Mein Hals, der wollte laut aufschrein,
108
Der Stehkragen, der sagte: nein.

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Ich wollt' zum End' der Welt hingehn,
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Doch die Galoschen blieben stehn.

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Ich wollte rufen: nimm doch mich!
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Doch tief verpackt lag still mein Ich.

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Und da Entsagung edel klingt,
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Wenn einst davon die Nachwelt singt,

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Lobt' ich den Freund, ganz wie ich sollte,
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Und wie er's ja auch haben wollte,

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Zeigt ihn in glänzender Parade,
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Nannte ihn meine Bundeslade.

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Ein Elefant ward aus der Laus.
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Königin sah erstaunter aus.

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So gern hätt' ich getobt, verneint
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Und Balthasaren tief beweint,

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Doch öfters spiel' ich jene Rollen,
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Die keine andern spielen wollen,

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Denn ich war niemals Götterknecht:
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Was ich nicht soll, tu ich erst recht.

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Ich sprach dann noch: »Frau Königin,
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Gehn Sie noch heut zu P.T. hin,

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Und da sich noch kein andrer fand,
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Reichen Sie dreist ihm Ihre Hand.

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Verloben ist meist ein Riskieren,
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Es wird nicht besser vom Genieren.

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Sie sollen sich noch heut verloben, –
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Verzeihung, ich vergaß was oben.«

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Leis hieß ich sie so weitergehen,
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Denn meine Seele hatte Wehen,

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Und ich stieg schwer zu meinem Zimmer,
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Die Möbel zeigten Tränenschimmer.

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Wenn sich etwas ins Aug' verirrt,
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Sieht man die Gegend irisiert.

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Ich putze öfters meine Nase;
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Kalt war sie wie 'ne Totenvase.

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Auch du ein Brutus, dacht' ich, Beste!
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Hell sprang etwas auf meine Weste.

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Ach Leid, du bist oft menschengroß,
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Doch kleine Tränen weinst du bloß,

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Und sieht man deinen kleinen zu,
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So wird man Null und bekommt Ruh'.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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