[doch eh dies Buch begonnen hat]

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Max Dauthendey: [doch eh dies Buch begonnen hat] (1892)

1
Doch eh dies Buch begonnen hat,
2
Dort hat noch ein Kapitel statt.

3
Bevor den Übermensch ich fand,
4
Zog ich zuerst verschämt aufs Land,

5
Lebte als Jüngling herzlos sehr,
6
Und dieses war besonders schwer.

7
Die Welt erschien mir noch als Fluch,
8
Ich floh gar gern in jedes Buch,

9
Klappte nach mir den Deckel zu,
10
Nur zwischen Zeilen fand ich Ruh.

11
Neben dem Druck liebte ich Land,
12
Viel Landschaft, wo kein Mensch dort stand.

13
Was von der Menschheit da noch war,
14
Das Weib, schien im Gehirn nicht klar,

15
Konnte die holde Lüg' nicht lieben,
16
Mit der die Frauen leben blieben,

17
Hatte das Weib nicht in der Nas',
18
War duftlos noch ein Jünglingshas'.

19
Ich suchte, was fast überall
20
Stand fortgerückt im Sennerstall.

21
Und machten brave Kühe: Muh,
22
Fragte ich sie: »Ach, Kuh, wozu?«

23
Ich sah's der Welt nicht lachend an,
24
Daß sie auch »Muh« mal machen kann.

25
Ich wollte Wildnis, ging nach Schweden,
26
Hielt dort im Urwald an mich Reden,

27
Saß bei einem ganz alten Mann,
28
Der seinen Flachs sich selber spann.

29
Hier sah nicht Weisheit nasweis aus,
30
Denn keine Frau sprach in dem Haus.

31
Hörte nur diebisch Elstern lachen,
32
Die wenig Kopfzerbrechen machen.

33
Ich lebte wie in einer Wolk',
34
War Redner und auch zugleich Volk.

35
Das Haus just vor dem Urwald stand,
36
Wo Liebe ich bei Bäumen fand.

37
Ich liebte sehr die schmale Birke,
38
Findend, daß sie als Jungfrau wirke;

39
In ihren Hüften war sie fein.
40
Ich zapfte ihren Birkenwein,

41
Hörte die Blätter buhlend summen
42
Und lebte stumm mit all dem Stummen.

43
Blumen standen sinnlich um mich,
44
Und nur ganz sinnlos lebte ich,

45
Hörte das Elchtier brünstig schreien,
46
Fühlte so glücklich mich im Freien,

47
Sah nachts im Tau die Dächsin äsen
48
Und dünkte mich ein bess'res Wesen.

49
Stieg dann der Mond gesund herauf,
50
Sah ich ganz ungesund hinauf.

51
Zu sterben schien mir ein Genuß,
52
Das Leben war nur Todeskuß.

53
Denn nichts siehst du, wie's freundlich ist,
54
Wenn du dem Weibe feind noch bist.

55
Mein weißes Bett war kalte Gruft,
56
Und ringsdarum nur Zimmerluft.

57
Im Schwedenhaus waren alt alle,
58
Vom Vater bis zum Gänsestalle.

59
Die Gans war fünfunddreißig Jahr,
60
Das Pferd auch ganz verbogen war,

61
Katzen am Dach zum Himmel schlichen,
62
Wie Mumien alt und angestrichen,

63
Die alte große Riegeltür
64
Erschlug vor Schwäch' den Menschen schier.

65
Erhängt ging um im Dachgebälk
66
Ein Geist, wie alte Wäsche welk,

67
Auf Schnecken schlich der Tag vorbei
68
Und war erst schön, ging er entzwei.

69
Vor Stille von den Haufen Tagen
70
Konnte das Haus nur »Pst« noch sagen.

71
Elastisch war nicht mal ein Floh,
72
Denn altes Blut macht niemand froh,

73
Ich ging allein zu jung umher,
74
Wünschend, wenn ich doch grau erst wär'.

75
Vorwurfsvoll ist es, das was älter,
76
Und edel darum, weil's gequälter.

77
Ich neidete dem Pferd, dem alten,
78
Daß rippig es mit Hängefalten.

79
Das Alter schien mir wie ein Segen,
80
Es sagt zu allem: meinetwegen, –

81
Spricht stets mit sich zum Zeitvertreib
82
Und kennt's und hält sich fern vom Weib.

83
Denn ach, das Weib, das war der Knoten,
84
Empfohlen war es und verboten.

85
Kam man ihm nämlich mal zu nah,
86
War Sünd' oder Verlobung da.

87
So tat ich mich an Bäume halten
88
Und Hände heiß um Birken falten,

89
Weil uns die Angst oft tröstend sagt,
90
Man stirbt nicht dran, was man nicht wagt.

91
Doch wüßt' ich einmal nur von fern,
92
Wie tut's, hat man die Frau mal gern.

93
Die Frau der Kontrapunkt dir ist,
94
Und schlimm geht's dem, der das vergißt.

95
Klag' nicht, daß Leben kläglich sei,
96
Ohn' Weib gibt's keine Melodei.

97
Wenn Eul' und Kauz verliebt nachts schrie,
98
Trieb ich statt Lieb' Philosophie,

99
Welt ohne Will', nur Vorstellung,
100
Gab meinen armen Nächten Schwung.

101
Stark war beim Kopf mein Haarwuchs nur,
102
Wolle und Geist brauchten Schafschur.

103
Die Schur kam plötzlich unerwartet,
104
Eh ich im Zölibat erhartet.

105
Beim Baden kam ein Todeskampf
106
In der Gestalt vom Wadenkrampf.

107
Das Wasser ließ mich sanft versinken,
108
Dem Tod war nicht mehr abzuwinken.

109
So schön real war just der Tag,
110
Wo man kein Bodenloses mag.

111
Primelein gelb wie Narrenschellen
112
Steckten kokett bei Uferwellen,

113
Der Amsel Musikantenlachen
114
Belachte alle Frühlingsachen.

115
Wie Essig schmeckte heut der Tod,
116
Sonst schien er mir ein Butterbrot.

117
Ich dacht': Ach, ließ er sich vertreiben!
118
Hast du vielleicht noch Briefzuschreiben?

119
Vielleicht, daß sich die Wade streckt,
120
Wenn sie Notwendigkeit entdeckt.

121
Auf einmal war es mir süß klar,
122
Höchste Notwendigkeit da war:

123
Das Weib, die mir sonst Kleinigkeit,
124
War allerhöchst' Notwendigkeit.

125
Ich kenn' vom Weib noch keine Spur,
126
Drum, Wade, laß mich leben nur;

127
So schön ist's heut, hab doch Erbarmen,
128
Will keine Birke mehr umarmen.

129
Mann, lieb' das Weib, so wie es ist,
130
Daß du vom Krampf erlöset bist.

131
Selbst Wadenkrampf tut dann vergehn,
132
Tust du schon unter Wasser stehn;

133
Denn aufgetaucht bin ich still wieder,
134
Widmend dem Weibe meine Glieder.

135
Wahrlich, es wär' mein Tod gewesen,
136
Hätt' ich nicht mal vom Weib gelesen.

137
Und daß sie Leben viel verleiht,
138
Davon bin ich die Wirklichkeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.