[ein Übermensch bist du, ei was!]

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Max Dauthendey: [ein Übermensch bist du, ei was!] (1892)

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»ein Übermensch bist du, ei was!
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Ach, sage mir, wie macht man das?« –

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»mein Lieber, das ist gar nicht schwer,
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Man ist einfach nicht menschlich mehr.

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Bist du von dir steif überzeugt,
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Es jeden andern auch so deucht.

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Nie danke, wenn man dir was gibt,
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Nimm einfach, weil es dir beliebt;

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Denn Dank ist eine Knechtaktion.
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Du nimmst, und das sei andern Lohn.

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Und Achtung sollst du niemals suchen,
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Die ganze Menschheit sei dir Kuchen.

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Geld kennt man nicht, weil's zu viel gibt,
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Und weil es jeder weiterschiebt.

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Mit Schulden sollst du alles zahlen,
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Das wird dir auch viel leichter fallen.

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Man spreche immer nur von sich,
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Und alle denken dann an dich,

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Denn du allein sollst weiterleben,
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Weil das dem Übermensch gegeben.« –

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»gar manches hätt' ich einzuwenden,
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Sind Übermenschen nicht zu pfänden? –

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Nicht leicht, da sie nicht alles haben,
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Denn Glanz, den lieben nur die Raben.«

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»wie ist's mit Lieben, Rauchen, Trinken? –
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Das sollst du, bis die Knochen stinken.«

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»dies letztre scheint mir, taugt etwas,
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Ich werde Übermensch zum Spaß.«

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Man sieht, die Großstadt macht geweckt,
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Ich hatte einen Freund entdeckt,

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Den Übermenschen Balduin
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Tom Cäsar Christian P.T. Stien.

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Gar gern erzählte er von Dingen,
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Die zwischen Erd' und Himmel hingen.

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Und Übermensch war er von Herzen,
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Ich wurd' es auch, doch mehr mir Schmerzen.

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Auch Übermenschen fällt beim Wein
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Des Lebens hohe Seite ein,

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Vom Weibe spricht man viel Gespräche,
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Und höher wächst des Weines Zeche.

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P.T. meinte, ich sei verloren
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Und nicht als Übermensch geboren,

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Wenn ich vom Weibe Höh'res wollte,
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Als wie sie sein und bleiben sollte.

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»hohes bei Frauen gibt es nicht,
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Als daß sie mal Französisch spricht,

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Nimm nicht der Frau die Proportion,
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Die Frau wirkt leer im höhern Ton.

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Heut tut sich jede gleich beschweren,
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Soll sie im Jahr einmal gebären,

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Sie wirft sich kalt auf das Gehirn,
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Statt Busen hat sie nur noch Stirn,

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Zu laut wird sie für heut geboren
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Und ist oft ein Geschrei den Ohren.

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P.T. verhalf mir auf die Sohlen,
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Versäumtes schleunigst nachzuholen,

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Als ich ihm nämlich eingestand,
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Das Weib sei mir noch unbekannt.«

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»das Weib,« sagt' er »man bring' es her!
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Wünschest du eins oder gleich mehr?

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Ach,« fügt er zu, »du bist noch schüchtern,
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Dann macht dich wohl schon eine nüchtern.«

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Ja, wenn du willst, so hol' ich sie,
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Sie steht gleich unten

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Und damit eilt' er fort, der Gute.
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Ich wartete auf meiner Bude.

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Ach, dachte ich, wie soll das werden,
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Dein Freund macht sich zu viel Beschwerden,

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Doch Übermenschen sind wir beide,
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Und deshalb macht es ihm wohl Freude.

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Es war ein Übersommerabend,
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Und nicht einmal die Spree war labend.

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Ich dacht' an Vater und an Schwester
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Und an die lieben Heimatrester.

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Mein Herz hatte Kürbisgewicht
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Und seufzte: Ach Gott, käm' sie nicht!

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Ich löschte Lamp' und Kerzen aus
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Und tat, als wär' ich nie zu Haus.

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Vielleicht bleibt sie mir dann vom Hals,
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Und alles andre ebenfalls.

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Ich schwur: Ich laß sie nicht herein,
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Dies Zimmer ist doch, denk' ich, mein.

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Am liebsten wollt' ich mich verstecken,
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Tauchte den Kopf ins Wasserbecken,

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Doch mußt' ich bald wieder heraus,
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Ich fühlte mich nicht ganz zu Haus.

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Nichts hilft, dacht' ich, ich sage: Ja.
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Da stand sie in persona da,

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Das Weib! O, das war viel, mein Gott!
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Mir war's die erste Nacht in Rot.

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Hatt' ich zwei Brüste je gefühlt?
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Nie wußte ich, daß Hitze kühlt,

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Mein Herz war eine Kanonade
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Und schlug durch alle Breitegrade.

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Wo war ich denn so lang gewesen?
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Und warum lernte man denn Lesen?

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Wenn's Leben doch, als Weib genommen,
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In allen Lagen süß vollkommen.

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Und Küsse sind ja reich erfunden,
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Steigend wie an der Uhr die Stunden.

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Ich fühlte, daß die Liebesnacht
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Noch vor dem Schöpfungstag gemacht.

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Sie ist es, die auf dieser Welt
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Erde und Mensch zusammenhält.

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Warum erfährt man das so spät,
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Was nächtlich köstlich vor sich geht?

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Wie kann es Krieg und Schauder geben,
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Da doch die schönsten Frauen leben?

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Was braucht ein Volk noch Religionen,
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Wenn Mann und Weib im Himmel wohnen?

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Nie schien mir eine Nacht so klar,
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Jetzt wußt' ich doch, weshalb ich war.

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Als Knab' war stets mein Bettgebet:
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Gott gib, daß ich nicht sterben tät,

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Eh nicht mein Blut einmal erfuhr
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Des Weibes Liebe in Natur.

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Ich kann nicht gleich davon aufhören,
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Ich muß noch etwas weiterschwören.

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So heiß mir nie ein Mantel war,
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Wie in der Nacht des Weibes Haar,

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Und Küsse lehrte sie mich viel,
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Pointen bei dem Liebesspiel.

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Gelehriger kein Schüler war
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Als in der Nacht der Balthasar.

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Am Morgen wußt' ich gar nicht mehr,
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Ob ich in meiner Haut noch wär.

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Ich sagte mir: wie ich es seh,
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Liegt ja Berlin noch an der Spree.

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Zum Spiegel trat ich dann schnell hin,
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Weil ich so gerne eitel bin,

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Und sagte: »Ei, da sieh mal an,
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Da drin steht Balthasar, der Mann.

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Ich hoffe, daß wir Freunde bleiben,
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Männlich sind wir, nicht zu beschreiben.

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Rechne dem Vater hoch es an,
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Daß er mich auf die Welt getan,

137
Und auch der Mutter in dem Grab
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Send' ich mehr als den Dank hinab.«

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Und als mich dann Berlin begrüßte,
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Kränkt's mich, daß es nicht jeder wüßte.

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Die Menschen ich ganz anders sah,
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Man wußte jetzt, was nachts geschah.

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Ich fand, man macht zu wenig draus,
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Die Menschheit sah undankbar aus.

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Ich sah die Sonne kräftig an,
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Und fühlte mich als Übermann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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