Vielleicht, weil's heute draußen schneit

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Max Dauthendey: Vielleicht, weil's heute draußen schneit Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Vielleicht, weil's heute draußen schneit,
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Fühl' ich mich so elegisch weit.
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Der Winter ist's, der Seelen weckt
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Und nicht allein den Dreck bezweckt.
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Im Sommer war man draußen heiter,
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Und davon ward der Körper breiter,
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Man saß im Garten bei dem Bier
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Und legte von sich alle vier;
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Im Winter aber schön bescheiden
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Hält man sich zu den Eingeweiden;
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Die Seele, die im Leib verschlossen,
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Wird jetzt so seelenvoll genossen.
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Doch Menschen, die von heute sind,
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Kennen die Seele nur als Kind.
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Wir sind ein seelenlos Geschlecht,
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Und keine Gottheit macht's uns recht;
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Doch immer hab' ich's so gefunden:
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Der Mensch hat seine schwachen Stunden,
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Sie lassen keinen ungeschoren,
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Sie sind uns einfach angeboren.
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Die Seele läßt sich nicht verneinen,
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Und kommt sie, will sie bei dir weinen.
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Doch uns Modernen heutzutage
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Uns ist die Seel die größte Plage,
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Wir haben für die schwächsten Stunden
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Als Wehr den Übermensch erfunden.
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Wir sprechen, wenn wir seelisch sind,
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Gar sehr bedeutend in den Wind
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Und fragen nicht, warum und wo,
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Denn es gehört sich einmal so.
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Und anders wär es gar zu schwer,
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Weil es ja dann nicht seelisch wär;
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Meist ist der Schluß vom Seelischsein,
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Man legt sich ab und fühlt sich rein.
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Und da ich heute mal so bin,
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Sagt meine Seele: »Gehe hin,
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Bekenne, wie es dir gegangen;
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Ein großer Dieb wird nicht gehangen,
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Es hört dich nur dein Schreibpapier,
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Stuhl, Feder und die Tinte hier;
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Und willst du dir nicht alles schreiben,
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So kann ja manches unterbleiben.
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Du deutest es nur an von ferne,
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Geheimes denkt sich jeder gerne;
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Von allen die dich lesen werden,
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Macht's jeder, wie er muß, auf Erden.«
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Ich sprach zu meiner hohen Seele,
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Daß sie mir ganz die Ruhe stehle,
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Sie möchte mir das Schreiben lassen;
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Doch mit der Seel war nicht zu spaßen,
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Die hohe Seele sprach nur wieder:
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»schweig, Balthasar, und setz dich nieder!«
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Ich, Kaspar Melchior Balthasar,
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Setzte mich hin und schrieb, wie's war.
55
Mein Schreiben stündlich mich erfreut,
56
Wenn man erwartet, daß mich's reut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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