Mein Hund, mein Freund, der mir zu Füßen kauert

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Max Dauthendey: Mein Hund, mein Freund, der mir zu Füßen kauert Titel entspricht 1. Vers(1892)

1
Mein Hund, mein Freund, der mir zu Füßen kauert,
2
Stößt mit der Schnauze an mein Knie. Er fragt:
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»herr, sprich, warum dein Menschenblut erschauert!
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Die Stille um dich stundenlang schon klagt,
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Sie rief mir zu: Dein Herr, er trauert.«

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Da so mein Hund im morgendlichen Raum
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Mich weckte, war ich lange wach gewesen,
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Seit langem wach, und war doch tief im Traum.
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Mir war, ich hatte tagelang gelesen,
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Nein, Jahre – oder nur Sekunden kaum.

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Ich las in einem Buch, des Zeilen flossen
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Auf jedem Blatt wie Wellengänge fort.
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Bald hell, bald dunkel, und zugleich zu großen
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Gestalten wuchsen Silben an und Wort,
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Raketen ähnlich, die die Nacht durchschossen.

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Die Worte wurden reich ein Ozean.
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Sie wogten vor mir unterm Mondschein weiter,
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Und ein Wort kam als Schiffskoloß heran.
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Ich las und glitt dem Mondlicht nach, das heiter
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Auf weiten Wellen tastend tanzen kann.

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Doch dann erschreckte mich ein ungeheures Wesen.
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Es kam zu mir aus fernen Zeilen nah, –
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Ein Wort, von dem ich in den Büchern mal gelesen,
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Doch dessen Körper ich noch nie vor Augen sah.
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Und atemlos ist dann mein Traum gewesen.

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»eisberg«, – das Wort ging noch im Zimmer um,
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Noch jetzt, da ich das Hündlein winseln hörte.
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In meinen Ohren aber war ein wild Gesumm
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Von Menschen und von Schiffsmaschinen, das mich störte.
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Doch vor mir in dem Zimmer stand der Morgen stumm.

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Nicht ruhig aber lag im Land mein altes Zimmer.
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Es wanderte noch mit dem Eisberg fort,
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Und auch durchs Fenster sah des Eises Schimmer.
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»titanic« – war ein zweites großes Wort,
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Das sagten meine Lippen lautlos immer.

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»titanic!« war ein zweiter großer Schrei.
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Es trug ihn wohl nun schon zu hundert Malen
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Mein Herz aus dieser Nacht zu mir herbei.
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Ich sehe noch die Menschen, jene tausend fahlen,
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Die sanken mit dem Wort wie eine Welt aus Blei.

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»titanic!« schrieen sie. Das Wort, es sollte retten.
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Sie schleudern's tausendmal dem Eisberg hin
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Und flüchten fort vom Tanz, aus Spielsaal, Schlaf und Betten.
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Doch ach, das Wort verlor das Leben und den Sinn;
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Ward allen schwerer als die schwersten Ketten.

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Wie klang »Titanic« erst unfaßbar groß!
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Unüberwindlich kam das starke Wort geschwommen,
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Ein unversinkbar Schiff, das aller Stolz genoß.
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Zu spät ward seine Maske ihm genommen.
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Es war der Tod, verkappt, der hin zur Tiefe schoß.

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Der Tod, in jenes Riesenwort gehüllt, der bleiche,
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Hat Tausend angelockt, die auf das Wort vertraut.
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Die Toren trug er hin zu seinem Reiche,
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Die blind zum Wort »Titanic« aufgeschaut.
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Der Tod, er lenkte selbst des Steuerrades Speiche.

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Der Tod, er stellt den Kurs zum Eisberg ein.
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Der Eisberg, der Titan bei den Titanen,
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Er soll des Schiffstitanen Henker sein.
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Es wollte keiner hier des großen Wortes Schwäche ahnen,
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Es wiegte Stolz an Bord die tausend Ahnungslosen ein.

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Ich seh' noch festlich aus der Nacht den Schiffsrumpf ragen.
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Wie Reihen goldener Monde sind die Scheiben
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Der Fensterluken leuchtend an den Rumpf geschlagen,
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Und ungeheure Wirbel schweren Rauches treiben
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Aus den Vulkanen, die den Schiffsleib tragen.

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Es ist ein prächtig Bild in jenem Buch, das zu mir spricht,
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Und dessen Zeilen weiter fort zerfließen.
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Dann leuchtet fern auf wie Magnesiumlicht
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Zur Nacht die Helle jenes Eisbergriesen.
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Sie mahnt wie an ein übersinnliches Gesicht.

71
Und wäre nicht Triumph Schiffsherr gewesen,
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So wäre nie das Schreckliche geschehn;
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Auch dieses konnte ich aus jenem Buche lesen.
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Nie hätte ich des Schiffes Untergang gesehn,
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Wenn Demut mitgefahren wäre, sie, die von weisem Wesen.

76
So landete der Schall nur von dem Wort
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»titanic« überm Meer im Neuyork-Hafen.
78
Der Eistitan, er riß den Schiffstitanen in die Tiefe fort.
79
Des Schiffes Anker niemals Land antrafen,
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Und nur ein Hilferuf drang zum Bestimmungsort.

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Schwer wird es mir, der Bilderreihe nachzugehen,
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Die sich im Wirbel jetzt aus langen Zeilen rollt.
83
Ich möchte für die Untergehenden um Gnade flehen.
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Ich möchte rufen, daß ihr alle retten sollt, –
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Doch gar zu schnell des Buches Schrecknisse sich drehen.

86
Nachdem das Schiff mit voller Fahrt gerannt
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Und ohne Furcht noch Vorsicht mehr zu kennen,
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Wird jenen Übermütigen am Eisberg bald bekannt,
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Daß Toren nur ein Menschenwerk frech unvergänglich nennen.
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Ach, alles Tun der Sterblichen ist an die Sterblichkeit gebannt.

91
Stets in der Ohnmacht muß das Sterbliche verschwinden,
92
Und unvergänglich nenne nie die Menschentat.
93
Dem Starken kann sich stets ein Stärkerer noch finden,
94
Den Triumphierenden meist sein Triumph zertrat.
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An Wortprunk sollst du nicht dein Leben binden. –

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So hochgetürmt war dieses Schiff, daß auf dem höchsten Deck
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Den Stoß des Eises, der den Rumpf am Grund zerschnitten,
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Nicht einer spürt. Und auch die erste Kunde von dem Leck
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Wird von den meisten leicht belacht, bestritten.
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Denn hier an Bord titanenhaft zu sein, das war vereint der Zweck.

101
Es war des Schiffes allererste Fahrt. Es flog in Eile.
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Man jagte Knoten über Knoten ab,
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Und man empfand das Jagen als Kurzweile.
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Gesichert durch die wasserdichten Schotten vor Tod und Grab,
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Wich man dem Eis nicht aus, um keine Meile.

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Man tanzte noch nach dem Zusammenstoß im Saal, der unberührt,
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Und der in seinem Schwebegleichgewicht nicht schwankte.
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Man scherzte, denn man wußte vom Triumph geführt
109
Das Schiff. Man spielte, schwatzte, zankte
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Mit Herzen, die der Tod bereits gekürt.

111
Triumph der Technik glänzte in den Räumen,
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Im Sport- und Spiel- und Badesaal,
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Und die Musik bei Tafel, bei der Speisen Wahl,
114
Sie übertönt des Meeres wüstes Schäumen.

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Schon sah ich, daß der Schiffsrumpf schwerer ging
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Und Lichterreihen tiefer Fenster schwanden.
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Und immer noch drang Lust und der Musik Gesing
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Von all den Oberdecks, wo Angstgerüchte keinen Eingang fanden,
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Weil dort der hellste Lebensglanz die Sterblichen umfing.

120
Des Eisbergs Weiße leuchtet an den Wänden
121
Des Schiffes, das im Rückwärtsgehen stöhnt.
122
Der Tod jedoch läßt nicht den Schiffsrumpf aus den Händen,
123
Und die Maschinenkraft bald nur gedämpft noch tönt,
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Hilflos bei Meeresmeilen und fern von Küsten und Geländen.

125
Das Schiff, das unversinkbar galt und stolz ins Meer hintrat,
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Vor einem Eishauch sollte es verschwinden!
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Die blind das Wort »Titanic« erst geblendet hat,
128
Die Tausend mußten rasch den Tod hier finden.
129
An ihren Leibern werden weit im Meer die Fische satt.

130
Zuerst noch überflog der Schrei vom sterbenden Titanen Meilen.
131
Das Schiff lag still. Und hilferufend von dem hohen Mast
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Zerknattern hin zur Küste mit dem Funkenspruch die Zeilen
133
Und brachten zu den Menschen Schrei um Schrei mit Hast
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Hin nach Europa und Amerika, die sich in die Titanenschmerzen teilen.

135
Ein Sarg für Tausende, liegt auf dem großen Meere der Koloß.
136
Und auf ihm wimmelt's jetzt von all den kleinen
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Begierdewesen, die der Eisberg aufgerüttelt seit dem Todesstoß,
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Die aber nicht den Tod erkennen mögen und die Gefahr verneinen.
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Sie dünkten Schöpfer sich noch immer und blieben, ach, Geschöpfe bloß.

140
Tief drinnen eilen durch des Schiffes helle Gänge
141
Die Stewards, und sie klopfen kurz bei jedem an.
142
Sie klopfen an die tausend Türen in jenes Schiffes Riesenlänge.
143
Und an die tausend Herzen auch in jenem Riesenkahn
144
Tönt knapp das Wort »Gefahr«, dies Wort belächelt von der Menge.

145
Ein wenig Neugier weckt es erst nur hier und dort.
146
Man witzelt und begleitet sich zu hellen Stufen,
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Besteigt den Fahrstuhl und die Treppen, noch in dem Mund das Wort,
148
Das ganz unglaubliche, das aufgetaucht da ungerufen
149
Man hört es abermals und hört es fort und fort:

150
Gefahr! – Man will den Witz leibhaftig miterleben,
151
Denn nur ein Witzbold denkt hier an Gefahr,
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Wo Tausende auf stolzer Höhe des Triumphes schweben.
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Denn nirgendwo man sicherer als hier im Schiffe war, –
154
Die Ingenieure hatten gestern erst dies Urteil abgegeben.

155
Es staut sich noch kein sonderlich Gedräng',
156
Man bildet Gruppen zwanglos unter Plaudern.
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Auch dann wird nicht die Luft den Tausend eng,
158
Als die Maschinen in dem Schiffsraum zaudern.
159
Dort ordnet eine Dame noch ihr Ohrgehäng',

160
Und andere vor Spiegeln leicht ihr Haar betasten,
161
Das sich ein wenig lockerte beim Tanz,
162
Beim Druck der Diademe und der Perlenlasten.
163
Und an Gefahr glaubt keine unterm Lichterkranz,
164
Wenn auch dem Schiff die Atemzüge rasten.

165
Doch kaum ein Stündlein später sind entstellt
166
Im gleichen Saal die gleichen Angesichter.
167
Noch immer glänzt dieselbe Spiegelwelt.
168
Die Menschenmenge aber keilt sich ängstlich dichter
169
Zum Bug, der wie ein Pferd sich hochgestellt ...

170
Die letzten Rettungsboote rudern weiter,
171
Ein jedes nur ein Menschenhäuflein faßt.
172
Im Wasser aber schreien Hunderte, die gleich wie Reiter
173
Die Wellen anzuspornen scheinen und in Hast
174
Wie Korke fliegend schwimmen, denn ein neues Wort wächst breiter:

175
»der Tod.« – Der dunkle Menschenhaufen auf dem Bug,
176
Aus dem Pistolenschüsse fallen, tobt unbändig.
177
Der Tod steht überall jetzt auf, Gefahren gibt's genug.
178
Die Elemente und die Menschen, sie werden laut geständig,
179
Daß Leben stets dem Leben, ach, die Todeswunden schlug.

180
Sie alle raubten immer, um zu leben.
181
Dem Tod sind wenig Freunde nur bekannt.
182
Nur wenig sah ich, die sich friedlich ihm ergeben.
183
Ein altes Paar vor mir hat sich ihm lächelnd zugewandt,
184
Ich seh' der beiden Seelen vereint dem Tod entgegenschweben,

185
Man wollt' die Gatten trennen. Doch die Frau
186
Mocht' nicht allein das Rettungsboot besteigen.
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Ein lieblos Leben scheint der Lebensreifen rauh.
188
So teilt sie mutig mit dem Mann das Todesschweigen,
189
Und beide Alten, eng umarmt, sie halten lautlos Totenschau.

190
Und Segen auch verdienten sich noch viele;
191
Auf mancher Todesstunde Lorbeer ruht.
192
Manch' Millionär, der nur des Lebens Spiele
193
Gekannt, steht ab, zu retten sich sein Blut. –
194
Er nimmt die Rettung anderer zum Ziele ...

195
Im Abendkleid, dem lang die Schleppe schleift,
196
Stehn Damen fröstelnd dichtgedrängt im Dunkel,
197
Den Hals und auch die Brüste wie bereift
198
Von Verlenprunk und Diamantgefunkel –
199
Der Tod auch nach den Edelsteinen greift.

200
Das Licht ist jetzt erloschen in den Räumen,
201
Doch bringt man Kerzen und beleuchtet schnell.
202
Das Wasser steigt, und näher tönt sein Schäumen.
203
Der Kerzenschein erstreckt sich flackernd grell
204
Auf die vom Tod Gezeichneten, die noch vom Leben träumen.

205
Der Kapitän darf stolz die Hoffnung noch nicht sinken sehn.
206
Er muß des Meerpalastes Untergang verneinen,
207
Solange knatternd noch die Funkensprüche übern Ozean gehn,
208
Die sich wie letzte Lebensstrahlen rund um die Todesnot vereinen
209
Und um zwei Männer, die im Telegraphenraum im Wasser stehn.

210
Das Grab nur konnte jene Braven von ihrem Lebensdienst entbinden.
211
Des Schiffes Fühlung mit der Welt, sie schwand mit ihnen schwer.
212
Den Rettungsgürtel um, so funken sie, bis ihre Kräfte schwinden,
213
Bis sie am Telegraphen ablöst stumm das Meer
214
Und sie als letzte Antwort dann den Tod am Apparate finden.

215
Unheimlich wächst das Wasser rund heran,
216
Und manchem kehrt zurück die ferne Seele,
217
Die hochmütig er längst schon abgetan.
218
Doch sitzt Gefahr dem Menschen an der Kehle,
219
Springt leicht der Zweifelnde auch in den Glaubenskahn.

220
Im Speisesaal, wo noch vor einer Stunde
221
Gar festlich die befrackte Herrenschar
222
Den Schaumwein schlürfte und das Lachen in der Runde
223
Aufdringlich dröhnte, blind erhaben der Gefahr, –
224
Da halten Musikanten noch die Instrumente an dem Munde.

225
Und durch die Not klang übers Schiff: »Hin Gott zu dir!«
226
Und manches Auge weinte in dem Prunken
227
Des Saales, der geschmückt mit goldner Zier,
228
Wo Violin und Flöte jetzt noch tönetrunken
229
Zum Frieden wiesen, fern der Lebensgier.

230
Das Schreien aber, das im Schiff sich rührte,
231
Als krachend nun der Rumpf im Kesselraum zerriß
232
Und Tausende zur Meerestiefe führte,
233
Das Schreien sich gar grimmig in mein Herz einbiß,
234
Als wär's mein eigen Leben, das ich sterbend spürte.

235
Es schrie die Welt auf, die der Mensch gebaut,
236
Es schrie die Sucht auf jener tausend Leben,
237
Die stolz der Menschen Eitelkeit vertraut.
238
Es schrie die Lust, dem Tod den Tod zu geben,
239
Es schrie der Glanz, dem vor dem Dunkel graut.

240
Es schrien Stimmen, so wie Tiere brüllen,
241
Wenn sie der Mensch von ihrer Herde reißt ...
242
Dann sah ich alle Bilder sich verhüllen,
243
Und eine Hand, die mich ins Leben weist,
244
Sie muß des Buches Seiten rasch zerknüllen.

245
Getragen von dem eisigsten der Winde,
246
Noch lange ich auf leeren Wassern flog,
247
Und nicht sogleich ich wieder heimwärts finde.
248
Ein tödlich kalter Atem mit mir zog,
249
Als schmolz das Sterben auch des Eisbergs Rinde.

250
Am Eise hängen sich die Toten fest,
251
Und Haufen Sterbende verröcheln stöhnend.
252
Verschwunden ist des Schiffstitanen Rest.
253
Das Wasser rauscht an jener Stelle tönend,
254
Und nur der Tod hält noch ein wildes Fest.

255
Von Zeit zu Zeit, da tauchten Boote auf.
256
Ich sah noch Männer sich im Wasser raufen.
257
Geschmückte Frauen steuerten der Boote Lauf,
258
Ich höre Schwimmende um mich verschnaufen
259
Dicht bei der Leichen enggedrängtem Hauf ...

260
Der Morgen kam mit seiner leichten Röte,
261
Als wüßt' er nicht, was hier die Nacht gesehn.
262
Die Welle aber sprach zur Welle weiter. »Töte!
263
Kein Leben soll hier dem Triumph des Todes heut entgehn.«
264
Und da und dort versanken dann die menschenvollen Böte. –

265
Fern rotes bald und grünes Licht im Morgendämmern blinkt, –
266
Es sind Laternen eines Dampfers, den zur Nacht gerufen
267
Durch viele Meilen her der Telegraph. Man winkt.
268
In allen Booten aber war es jetzt, als schufen
269
Die beiden Lichter neu den Mut, der schon versinkt.

270
Der Dampfer läßt die Treppen zu den Booten nieder.
271
Man kommt und rettet, wo man retten kann.
272
Doch die Geretteten erkennen nicht sofort das Leben wieder,
273
Und manche zarte Frau, die da im Boot gerudert hatte wie ein Mann,
274
Sieht noch vor sich den Tod durch die erschöpft geschlossenen Lider.

275
Und viele, die man aus den Booten hebt, die schreien wild,
276
Sie wollen nicht vom Grab da unten scheiden.
277
In ihren Augen brennt noch Schreckensbild um Bild,
278
Sie wollen nicht gerettet sein von ihren Leiden, –
279
Es deckte ihre Liebsten zu der ungeheure Meeresschild.

280
Und andere, die sich ergeben in das Todeswerben,
281
Die sich schon ihrem Untergang versöhnt,
282
Sie sehen in dem Tod nicht mehr Verderben –
283
Erlösung von dem Dasein, das nur raubt und stöhnt.
284
Sie wollen nie das Leben mehr betreten, – nur sterben, sterben.

285
Mit dem Geschmack des bittern Meeres noch im Mund
286
Und vor mir Leben, das die Hand mir leckte,
287
Erwachte ich. Ans Knie strich mir mein Hund.
288
Erstaunt ich mich in meinem Zimmerraum entdeckte,
289
Im Herzen noch der Schiffswelt Todesstund'.

290
Ich seh' den Hund an, der da vor mir kauert,
291
Und der mit seinen Augen stumm mich fragt:
292
»herr, sprich, warum dein Menschenblut erschauert.
293
Die Stille um dich stundenlang schon klagt,
294
Sie rief mir zu: Sieh doch, dein Herr, er trauert.« –
295
Und ich besinne mich, daß ich da nächtens las
296
Von einem großen Schiff das große Untergehen,
297
Und daß ich miterlebt Titanenunglück und des Todes Haß.
298
Beim Leben, das wir gerne triumphieren sehen,
299
Die Todeskälte schon im Morgen saß.

300
Noch jenen Traum im Aug', schau' ich zur Zimmerdiele,
301
Die wurde wie der Grund vom tiefen Meer.
302
Erdrückt von Haufen Gold sah ich der Menschen viele.
303
Denn jener Schiffstitan, er war an Goldlast schwer.
304
»die Glücklichen,« so seufzte ich, »sie kamen nun zum goldnen Ziele.«

305
Ich sprach es, todeslustig noch, und wurde langsam wach.
306
Vor mir, zerpreßt vom Gold, verschwanden jene Toten.
307
Und draußen stand die Sonne überm Nachbardach,
308
Und ihre Strahlen mir ihr Lebenslicht anboten.
309
Da griff mein Atem zu. Ich dachte nicht mehr heiß dem Untergange nach.

310
Ich streichelte den Hund, der lebenskräftig bellte,
311
Und fühlte mich von Sterbequalen frei.
312
Das Licht, das süße, das mein Herz erhellte,
313
Entrückte mich dem großen Todesschrei,
314
Der fern in der Erinnerung noch gellte.

315
Das Schicksalsbuch, darin ich weiterlas,
316
Es schlug mir neue Bilder auf und Seiten.
317
Doch zwischen neuen Zeilen ich es nie vergaß,
318
Daß Menschen ihrem Tun den Untergang bereiten,
319
Wenn nicht die Demut mit beim Werke saß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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