Der Riese Zeit und das Mannweib Leben

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Max Dauthendey: Der Riese Zeit und das Mannweib Leben Titel entspricht 1. Vers(1892)

1
Der Riese Zeit und das Mannweib Leben
2
Trafen sich heiß in der Juninacht.
3
Sie legten sich nieder am Berg in die Reben,
4
Hoch auf dem Berg standen die Sterne,
5
Hoch über den Sternen rauschte die Nacht.

6
Der Riese blaß wie die fernen Gestirne,
7
Die Dirne warm, Wein brütet der Berg,
8
Auf mächtigen Brüsten stützt sie die Krüge,
9
Schwer mit dem dunkelsten Safte gefüllt.

10
Sie trinkt und bietet zum Trunk dem Riesen,
11
Beide schlürfen am steinernen Maul,
12
Haupt an Haupt in der tönernen Höhle.
13
Sie trinken, die Mitternacht beginnt zu ermatten,
14
Sie trinken, die Sterne verschwinden im Berg,
15
Dem blassen Riesen bricht bald die Kehle,
16
Unversieglich strömt es vom Krugbauch.
17
Hält inne endlich, Atem zu holen,
18
Die Dirne lacht und hält ihm den Nacken,
19
Feuer wuchern in seinem Fleisch.
20
Er küßt ihr die Wangen, küßt ihr die Brüste,
21
Küßt ihr die Brüste, küßt ihr die Wangen.
22
Die Reben brennen, die Steine zerschmelzen,
23
Riese und Mannweib biegen den Berg.
24
Nachtwolken stehen tagfeurig und leuchten,
25
Riese und Mannweib biegen den Erdball.

26
Im breiten Lande pochen die Glocken,
27
In nächtigen Städten die scheuen Menschen
28
Stehen und starren, rot funkelt der Himmel,
29
Rot in die Fenster, rot in die Tore,
30
Glüht rot auf tausend ratlose Stirnen,
31
Glüht rot in tausend schreckoffene Herzen.

32
Neuntausend Jahre staunen die Menschen,
33
Neuntausend Jahre Nächte um Nächte,
34
Riese und Mannweib liegen am Berg,
35
Im neunten Tausend loschen die Nächte,

36
Phallus lag sorglos im sorglosen Gras,
37
Im Westen am Himmelsrand saß sein Vater,
38
Der schüttet den Sommer über die Erde
39
Oder die Kälte,
40
Dann kommen und gehen auf Erden
41
Alle Gedanken.

42
Sonne nährt Phallus,
43
Sie denkt auch für ihn.
44
Wurzeln sprechen ihm Kräfte ins Ohr,
45
Die Quellen und alle Metalle tief in der Erde
46
Machen ihn stark.

47
Herbst näßt den roten, brünstigen Wald,
48
Phallus schreit mit den dampfenden Hirschen;
49
Frühling treibt den Saft ins Gestämm,
50
Phallus lacht mit dem buhlenden Waldhuhn.

51
Phallus kannte die Mutter nie,
52
Sie ließ ihn, wo sie ihn schmerzlos gebar.
53
Der Vater blies Stürme über die Erde,
54
Es lebten die letzten der alten Menschen.

55
An großen Seen von salziger Säure,
56
Gelagert an gleißenden Kupferbergen,
57
In urfinstern Häusern von Kohle,
58
Aber die Rauhsten hausten am Stein,
59
Der rot ist vom Rost und rot ist vom Schweiß,
60
Drunter tropft eisenbitter die Quelle.

61
Phallus, der Nackte, schreitet vom Berg,
62
Mannstark am Morgen, der ihn gebar.
63
Sein Aug' gleich dem Brennglas
64
Durchdringt sieben Häute,
65
Nackt macht es die Menschen,
66
Nackt bis zur Herzhaut.

67
Am Flußufer lagern rauchige Wolken,
68
Myriaden von Menschen in jeder Wolke,
69
In heller Sonne nachtdunkel die Menschen.

70
Phallus durchschreitet die finstere Menge.
71
Vorbei an den nachtvollen Sorgengesichtern,
72
Vorbei an den niemüden, gähnenden Gassen,
73
Vorbei an den Reihen gespenstiger Häuser,
74
Jeder Ziegel gebacken aus uraltem Staub,
75
Staub der Ahnen, Eltern, Brüder,
76
Voll Staub die Lungen und Nasenlöcher.
77
Sie atmen alle tote Gedanken.
78
Phallus durchschreitet die finstere Menge,
79
Alle mit Sorgengarnen bekleidet,
80
Keiner geht nackt.

81
Wer wohnt dort im Gletscher,
82
Der über den Meeren,
83
Der über dem Rauch
84
Mit eisigen Gipfeln, mit feurigen Flanken
85
Ewig sonnig zur Sonne sich dreht?

86
Dort im ewig sonnigen Pol,
87
Mit kältenden Gipfeln und lüsternen Flanken,
88
Über den Meeren, über dem Rauch,
89
Wohnen die letzten Töchter der Menschen.

90
In tödlichem Spiegel sind sie geboren,
91
Sie haben den Spiegel niemals verlassen,
92
Keine trat je aus seinem Glas,
93
Niemand kam je zu ihnen hinein.

94
Der Spiegel aus Eis blendet im Glanzsaal,
95
Schmachtend am Spiegel liegen die Männer,
96
Schmachtend zum Bild, das sie niemals erreichen,
97
Sie sinken alle in zehrende Schwäche.

98
Phallus der Nackte tritt in den Berg,
99
Der über den Meeren, der über dem Rauch
100
Mit eisigen Gipfeln und feurigen Flanken
101
Ewig sonnig zur Sonne sich dreht.

102
Leichen füllen die Treppen und Gänge.
103
In Hallen und Sälen stockt Totenruh.
104
Mit glasigen Augen, zerbrochener Stirn
105
Liegen die besten der Männer am Spiegel,
106
Dem Spiegel, der schmerzhaft und ungeheuer,
107
Die höchste der Wände füllet im Glanzsaal.

108
Phallus tritt auf die seufzende Schwelle,
109
Wütend fliehen gefräßige Fliegen.
110
Blank und bleich wie Kastanienblumen
111
Liegen die Jungfraun im schmerzhaften Glas.

112
»ihr wohnt im sonnigsten Haus der Erde,
113
Selber kommt ihr niemals zur Sonne.«
114
»möchten gerne kommen zur Wärme,
115
Wir dulden nicht, Wärme zu teilen mit Toren.«

116
»sonne selber duldet die Toren,
117
Töricht ist es, nicht Sonne zu teilen.
118
Gähnt nicht im Spiegel und kommt zum Manne,
119
Kommt zum Manne, ich will euch frein.«

120
»nicht Stirn, nicht Faust brechen dies Glas,
121
Kein Menschenherz schmelzt diesen Spiegel.«

122
Phallus tritt vom Eingang der Halle,
123
Bricht mächtig mit Händen die Decke vom Saalbau.

124
»so komme das Herz des Himmels zu euch.«
125
Sonne füllt breit den dachlosen Saal,
126
Heißgereizt lodert der Spiegel.

127
Lustige Kugeln, Silber und Eis.
128
Hurtig schmilzt der Spiegel zu Tropfen,
129
Frei in kühlem weitem Gemach
130
Liegen die Jungfraun auf silberner Erde.

131
Phallus tritt auf das kochende Eis,
132
Da lachen die Frauen ein fernes Gelächter,
133
Und lachend sind alle verschwunden.

134
Phallus verbrennt die Sohlen und Hände,
135
Er bückt sich nach Kieseln, beißt Steine zu Staub,
136
Er lachte Feuer, er lachte Blut,
137
Das weckt nur die Leichen der Männer.
138
Augäpfel, wachsende, sehen ihn an,
139
Herzen, von Fliegen zerfressen, erwachen,
140
Die Männer sehen den machtbreiten Mann,
141
Die Männer fliehen hinaus in den Rauch,
142
Phallus steht schweigend bei seinem Schatten.

143
Müde legte sich Phallus zum Gletscher,
144
Der leuchtet brünstig und wird Vulkan.

145
Die Männer unten im rauchigen Tal
146
Bestaunen zitternd solch staunende Kraft,
147
Sie wollen ihn töten am matten Morgen,
148
Doch Phallus schläft tief in glühenden Wolken.

149
In zweiter Nach schläft er bei einer Quelle,
150
Die Quelle kocht verheerend ins Tal.

151
In dritter Nacht stürzt er den Adler vom Horst
152
Und schläft bei der Adlerin sieben Nächte.

153
Nach neunter Nacht zwingt er die Schlangen zu Müttern,
154
Und aufrecht gehen seitdem die Schlangen.

155
In elfter Nacht jagt er die weiße Stute,
156
Ihr wachsen Flügel, mit ihr besteigt er die Horizonte.

157
Phallus schläft dreißigmal dreißig Jahre
158
Im warmen Getümmel der warmen Erde,
159
Aber am Ende geheiligter Zeit
160
Wächst ihm von neuem nach nackten Menschen
161
Die alte unabwendbare Sehnsucht.

162
Er kehrt zu den dröhnenden Kupferbergen,
163
Er kommt zu den rauchenden salzigen Seen,
164
Er liegt ermüdet am rostigen Stein,
165
Zum erstenmal trifft ihn einsam die Nacht,
166
Denn kälter noch als der urkalte Raum
167
Waren auf Erden die Menschen geworden,
168
Der Himmel zog die Sonne zurück,
169
Die Menschen im Tal vergaßen den Namen.
170
Unten an der bittern Quelle
171
Lagert das letzte Tausend der Männer.

172
Phallus liegt auf den rostigen Bergen,
173
Er wärmt die Adern des hohlen Steines.
174
Tief in den Bergen schlafen die Frauen,
175
Sie, die das Unsichtbarwerden erlernt.
176
Sie dachten kaltblütig wie kältende Nacht,
177
Sie fühlen erwachend die Steine erwärmt.

178
»mein Marmorkissen wird siedend lästig?«
179
»mir glühen enger und enger die Gürtel?«
180
»mir füllen sich seltsam üppig die Wangen?«
181
»mir brennen und pochen die Brüste?«

182
»wäre es Phallus, der so erhitzt?«
183
»kitzelnde Fäden sollten ihn fangen.
184
Will seine Stirn als mein Diadem,
185
Will seine Finger als beinernen Kamm,
186
Will sein Schamhaar als Kissen zum Traum.«
187
»aber nie nehmen wir Phallus zum Mann,
188
Er würde uns zwingen, blutend zu dienen.«

189
Phallus hört durch den rostigen Stein
190
Die Frauen, die wachen, im hohlen Berg.

191
Da sitzt ein Knabe auf kühnem Berg,
192
Sein Blick greift sicher die rollende Wolke.
193
»hast du auch Silber in deinen Gliedern?«
194
Er fragt das Mädchen auf treibender Wolke.

195
»mein Vater ist Phallus, die Wolke die Mutter,
196
Ich habe Silber in jedem Glied,
197
Den Leib von Fleisch hat Phallus geschaffen.«
198
Stolz schüttelt das Mädchen sein schneeweißes Haar.

199
»mein Vater ist Phallus, die Adlerin Mutter,
200
Ich habe Silber in jedem Glied,
201
Den Leib von Fleisch hat Phallus geschaffen.«
202
Stolz schüttelt der Knabe die Adlerschwingen.

203
»rund um den Salzsee wachen die Feuer,
204
Dort schlafen im Kreise die finsteren Menschen.
205
Zeige am Feuer dein silbernes Blut,
206
Dann will ich nur immer dich küssen.« –
207
Der Knabe führt die Wolke ins Tal.

208
Phallus hält Rundschau:
209
Die Eichentöchter wandeln im Wald,
210
Bei ihnen buhlen die Söhne der Sturmfrau.

211
Phallus hält Rundschau:
212
Die Schwanentöchter liegen am Strand,
213
Bei ihnen schmeicheln die Söhne der Robbe.

214
Phallus hält Rundschau:
215
Die Adlersöhne umkreisen die Wolken,
216
In sieben Farben lächeln die Wolken.

217
Phallus hält Rundschau:
218
Im warmen Getümmel der warmen Erde
219
Lieben sich alle, die Phallus geschaffen,
220
All seine Geschöpfe mit silbernem Blut.

221
An dem schlackigen urtrüben See
222
Schlafen einsam die letzten Männer,
223
In den eisigen hohlen Bergen
224
Liegen einsam die Töchter der Menschen.

225
Keiner der Männer im Tal geht nackt,
226
Keine der Frauen im Berge geht nackt,
227
Alle mit Sorgengarnen bekleidet;
228
Sie haben nie einander gesehen.

229
Phallus liegt auf dem Berg und horcht,
230
Hilferuf stürzt herauf vom See,
231
Über dem Haupt erstarren die Wolken.

232
Der Adlerin Sohn, das Mädchen der Wolke,
233
Von Menschen getötet, fallen am Ufer.
234
Den Rumpfen enteilt das silberne Blut,
235
Die Menschen fangen das klagende Silber.

236
Menschen ohne Weisheit und Wärme,
237
Die Menschheit verzehrt eine rächende Nacht.
238
Phallus springt vom zitternden Berg,
239
Unter ihm schreit die erschrockene Erde,
240
Phallus schlägt zornig die zornheißen Zähne.

241
Glut springt vom erbitterten Mund;
242
Fliehen auch unsichtbar Männer und Frauen,
243
Keiner enteilt sichtbarem Tod,
244
Den letzten erschlägt der lohende Fluch;
245
Die Menschheit verzehrt eine rächende Nacht.

246
Stille wächst, es wachsen die Berge,
247
Es wächst der Himmel ernst wie ein Stein
248
Und deckt die Grüfte und Höhlen und Berge.

249
Stille wächst, es wachsen die Meere,
250
Die Wellen waschen die Asche im Tal,
251
Die Erde wächst, die Erde ist nackt,
252
Nackt steht die Erde und ohne Ränke.

253
Phallus sieht auf die nackte Erde,
254
Da fallen Tränen aus seinem Herzen,
255
Sein Schluchzen schüttelt die Kerne der Erde:

256
»nun werde, Erde, zur klagenden Insel,
257
Dein Stein sei von Schmerzen gebogen,
258
Irr spricht der Himmel,
259
Die Menschen verdarben,
260
Kein Tod stillt die Leere.«

261
Phallus weint sechs Tage, sechs Nächte,
262
Die Träne steht still am siebenten Tag,
263
Und Phallus ruht auf verwitterter Erde.

264
Erde spricht dir weisesten Rat,
265
Höre, Phallus, Weisheit der Erde:

266
Herzliche Wünsche lenken die Zukunft,
267
Herzlicher Wunsch lenkt dir alle die Sonnen.

268
Riesen walten im Feuer der Sonnen,
269
Urlicht und Urklang.
270
Urlicht und Urklang rollen die Sterne,
271
Rollen die Erde.

272
Sonnen und Sterne, Sterne und Erde dienen dem Urleib;
273
Urleib der Sonnen, Sterne und Erde,
274
Urleib dient Urherz.

275
Erde spricht dir weisesten Rat,
276
Höre, Phallus, Weisheit der Erde.

277
Solange ich lebe, dien' ich dem Urherz,
278
Solange ich lebe, bin ich sein Denken.

279
Leben ist Herzlust, Leben ist Herzleid,
280
Sekunden der Freude, Sekunden des Schmerzes,
281
Alle vereint sind unendlich ein Leben.
282
Herzlust und Herzleid sind Mosaik,
283
Und wollen sich ordnen zum Körper des Friedens,
284
Ordner ist Urherz, Urherz sind alle.

285
Erde spricht dir weisesten Rat,
286
Noch höre, Phallus, Weisheit der Erde.

287
Keiner ist nur auf der Erde geboren.
288
Es lebt jedes Leben mitten im Himmel.
289
Sei weise, achte die Seelen des Himmels,
290
Die Riesenbrüder, die Sonnen und Sterne.

291
Die Riesengeschlechter sind große Quellen,
292
Die großen Sterne sind große Quellen,
293
Die großen Sonnen sind große Quellen,
294
Ein Gott sind alle mit dir im Urherz.
295
Keiner ist nur auf der Erde geboren,
296
Herzlicher Wunsch macht zum Magneten,
297
Herzliches Wünschen lenkt alle die Sonnen.

298
Phallus steht unterm nächtigen Bogen
299
Und blickt zur singenden Straße der Sterne,
300
Er streichelt heiter die nackte Erde.
301
»ich wünsche mir herzlich Herzfreude zum Weib,
302
Und ich will wünschen und ich will lenken.«

303
Phallus verläßt die einsame Erde
304
Und wandert über den Urleib des Himmels.
305
Am lohenden Sonnenherd sitzen die Riesen,
306
Urlicht und Urklang, sie dienen dem Urherz.
307
Urlicht bückt sich ins Feuer und fragt:
308
Urklang, mich blendet im Feuer ein Feuer.
309
Urklang bückt sich zum Feuer und horcht:
310
Ein Ruf trifft Urlicht, ein Ruf trifft Urklang,
311
Die Riesen stürzen betäubt und geblendet.

312
Das hastige Feuer schrumpft in den Herd,
313
Die große Sonne steht dunkel und zittert.
314
Unten im Abgrund schreit heiser die Erde,
315
Die Wälder versteinern, Eis wächst im Tal,
316
Aus allen Wolken fallen die Vögel,
317
Die Tierherden seufzen und sterben.

318
Phallus in Sehnsucht ruft seinen Herzschrei,
319
Beim heftigen Herzruf stockt auch die Sonne:
320
»urlicht und Urklang, ihr dient dem Urherz,
321
Gebt mir das Weib, den Leib heiter und nackt,
322
Sehnsucht heftiger als die Sonnen
323
Flammt über den Himmel, verdunkelt den Urleib.«

324
Die Sonnen halten mächtigen Rat,
325
Phallus, höre die Worte der Sonnen:
326
So Einer wünscht und wünschet von Herzen,
327
Regiert er die Sonnen, sein Wille wird Urherz.

328
Wir bauen im Urblau dir einen Stern,
329
Sein Kreis sei runder als jede Sonne,
330
Die irdische Iris kann ihn nicht fassen.
331
Wir bauen im Urblau dir eine Wohnung,
332
Neun Farben, neun Töne,
333
Die Linie eine und einen Gedanken.

334
Wir bauen im Urblau dir eine Erde,
335
Rund dort die Ecken herzlicher Steine,
336
Und Eine wandelt dort heiter und nackt
337
Im Takt ihres ewigen Herzens.
338
Ihr Auge ist rund, sie nenne Herzfreude,
339
Die irdische Iris kann sie nicht fassen.

340
Drei Söhne wird sie heiter gebären
341
Aus Erde, aus Himmeln,
342
Drei Söhne, Bildner, Pfeifer, Träumer.
343
Die bringe zur Erde.
344
Drei Bräute gebiert die Sonne den Söhnen,
345
Drei Bräute, Lichtlust, Klanglust, Mär.

346
Drei Söhne, drei Bräute schaffen den Menschen
347
Nach heiligen Maßen, nach Linien der Mutter.
348
Heitere Arme, nackender Leib,
349
Füße, die wandeln im Takte des Herzens,
350
Rund die Augen und rund das Herz.

351
Nun glühe, Phallus, und zünde die Sonne.
352
Komme, der Rasen treibt Wärme und Saft,
353
Komme, der Garten treibt heiße Bäume,
354
Honigäpfel liegen zu Paaren,
355
In zwei Teichen steht dunkel geschrieben
356
Das Alter der Sonne, das Alter der Erde.

357
Dort in Lauben aus seltenem Laub
358
Münden feurig die Straßen der Erde,
359
Finde das Ende der schmerzlichen Welt.

360
Phallus betrachtet sein kräftiges Weib.
361
Du bist Herzfreude, dich will ich umarmen,
362
Du bist nicht Erde. Wer hat dich geboren?
363
Schmerz hat dich göttlich geboren.

364
Phallus umarmt den verschwiegenen Leib,
365
Warmer Regen fällt vom Gewölk,
366
Urlicht und Urklang lachen am Herd,
367
Breit fällt die Wärme zur Erde.

368
Im Regenbogen war
369
An den schön siebenfarbigen Bogen
370
Knüpfte die Mutter das Bett ihm.
371
Mit offenen Augen schlief dort das Kind
372
Unter dem siebenfeurigen Bogen.
373
Ihm fiel die Sternschnuppe heiß in die Stirn,
374
Ein Feuer kränzt ihn, von Sternen gefallen.

375
Drei Tage sucht ihn die Mutter,
376
Am ersten lacht er im Blau mit den Lerchen,
377
Am zweiten nährt ihn mit Eiern die Wachtel,
378
Die Nachtigall weinte am dritten mit ihm.
379
Ihm fiel eine Sternschnuppe heiß in die Stirn,
380
Ein Feuer kränzt ihn, von Sternen gefallen.

381
Doch neun Farben weiß er, die Brüder nur sieben.
382
Neun Töne kennt er, die Brüder nur sieben.
383
Die Sternschnuppe fiel ihm heiß in die Stirn,
384
Nun spricht er Feuer, von Sternen gefallen,
385
Und Feuer kränzt ihn.

386
»vater, ich hörte ein Seufzen im Schlaf.«
387
»das war die Erde, mein Sohn,
388
Die Erde ist arm.«

389
»vater, ich hörte ein Schluchzen im Schlaf.«
390
»das war die Erde, mein Sohn,
391
Die Erde ist leer.«

392
»vater, mich brannten Tropfen im Schlaf.«
393
»das waren Tränen, die Erde will Menschen.«
394
»vater, wir schlafen nicht mehr im Himmel,
395
Wir wollen zur Erde, wir schaffen ihr Menschen.«
396
»wollt ihr zur schmerzlich zackigen Erde,
397
Faßt nie mehr das Auge den Himmel, den runden.
398
Küßt eure Mutter, seht ihr ins Auge,
399
Nie seht ihr wieder solch rundes Auge,
400
Kommt ihr zur schmerzlich zackigen Erde.«

401
»wir wollen zur Erde, wir schaffen Menschen,
402
Rundherzige Menschen wie Augen der Mutter.«

403
»ich bin euer Führer, wollt ihr zur Erde,
404
Ich küsse euch, Söhne, mit herzlichem Rat:
405
Kommt ihr zur Erde,
406
Jungfrauen der Sonne nehmt euch zu Bräuten,
407
Und drei erwarten euch auf der Erde.
408
Bildner, nimm Lichtlust.
409
Pfeifer, nimm Klanglust.
410
Träumer, nimm Mär.
411
Die Frauen beschlafet jeglichen Tag,
412
Ungeschwächt werden die Frauen euch lieben.
413
Stündlich wächst euch männliche Kraft,
414
Und Jungfrauen werden sie täglich.«

415
Die Mutter umarmt die fröhlichen Söhne:
416
»hört, meine Söhne, kommt ihr zur Erde,
417
Ein Wurm lebt urgrau unter den Würmern,
418
Er nagt an der Erde, sie nennt ihn Tod.
419
Ihn ehret, gebt ihm ersehnte Gestalt,
420
Gebt ihm junge aufrechte Gestalt,
421
Gebt ihm Lächeln und rosiges Blut,
422
Es knirsche nur eisern die eiserne Sohle,
423
Der fröhliche Schmetterling steig' aus dem Haupt.

424
Kommt ihr zur Erde,
425
Im Berg auf Magneten liegt Unheil, die Schlange,
426
Ihr gebet göttliche Linien, doch keinen Körper,
427
Ein Schatten, mit Ketten gefesselt an Sonnen,
428
Er schreite aufrecht in steinernen Ketten,
429
Dunkel das Zepter, dunkel die Krone.

430
Kommt ihr zur Erde,
431
Brandblumen wachsen, Brandblumen schwächen,
432
Erdlust pflückt euch die Blumen vom Leib;
433
Erdlust drückt Trauben ins hitzige Haar,
434
Ehrt Erdlust, Mutter der Tiere und Früchte,
435
Sie schürt die Feuer im lodernden Laub,
436
Ehrt ihre Töchter, Erdfeuer, Fleischlüste,
437
Blutbrand öffnet fangarmig ihr Haar,
438
Gürtellos ruft vom wirbelnden Berg,
439
Nie ist ein Tag am wollüstigen Kamm,
440
Doch keiner fürchte die feurige Höhe,
441
Dort tanzen die Töchter den rauchenden Tanz
442
Jährlich sechs Nächte,
443
Drei Nächte im Maimond,
444
Drei Nächte im Herbstmond.

445
Kommt ihr zum Berg auf lockender Asche,
446
Verliert die Sonne und alle Schatten,
447
Lebt den Willen des Willenlosen
448
Jährlich sechs Nächte,
449
Drei Nächte im Maimond,
450
Drei Nächte im Herbstmond.

451
Seid ihr auf Erden,
452
Nie backt dort Ziegel vom Staub eurer Brüder.
453
Nie näht von Maulwurffellen euch Mützen,
454
Schneller geht nie als im Takt eurer Herzen,
455
Aber schaut tiefer als euer Auge.
456
In warmen Lauben schafft warme Menschen,
457
Rund, wie mein Auge, schafft runde Herzen,
458
Nackt, wie ihr selber, schafft nackte Menschen.«

459
Ein roter Blitz trägt Phallus zur Erde,
460
Die Söhne eilen auf fruchtbarer Wolke.
461
Die blaue Wolke sät blauen Samen,
462
Drei blaue Hengste stampfen am Erdrand.

463
Nur junge Blitze fressen die Hengste,
464
Mit beiden Händen streut Phallus Blitze.
465
Die stählernen Hengste hat Urblau geworfen,
466
Sie stampfen und nennen sich Eifer.

467
Die Hengste stampfen, da blühen die Steine,
468
Die Steinwälder treiben, und munter grünt Saft.
469
Die Hengste schnauben, da schwinden die Gletscher,
470
Die Eisfelder schwinden, und munter blüht Kraut,
471
Die Hengste schütteln die lachenden Nüstern,
472
Da lachen die Berge und werden Magneten,
473
Magneten ziehen die Sonne zur Erde.

474
»nun lass' ich euch Söhne am dunkeln Erdrand:
475
Drei goldne Stuten fliehen am Meer,
476
Drei goldene Bremsen stechen die Stuten,
477
Drei goldene Bräute müßt ihr erreichen.«

478
Phallus kehrt zu Herzfreude im Urblau,
479
Die Söhne greifen die steigenden Hengste,
480
Zwölf Monde jagen die Hengste die Stuten,
481
Zwölf Monde fliehen die Bräute der Sonne.
482
Siebenmal um den Gürtel der Erde
483
Und sieben Stuten jagt jegliche Braut.

484
Einundzwanzig stürzen zu Asche.
485
Drei des Saturn, drei des Neptun,
486
Des Uranus drei,
487
Drei vom Mars, drei der Erde,
488
Der Venus drei und drei der Sonne.

489
Die letzten der Stuten zerstäuben im Gras,
490
Und sonnenweiß stehn in den Aschen die Bräute.
491
Lichtlust, Klanglust, Märlust, sie warten
492
Und grüßen Bildner und Pfeifer und Träumer.

493
»wir sind geflohn, bis zu Asche die Stuten,
494
Stahl sind eure Hengste, nie bluten die Hufe.
495
Stahl seid ihr Fürsten, wir sind eure Mägde.«

496
Irisfelder blühn aus den Aschen
497
Und Felder von rundem vierblättrigem Klee,
498
Die Irisblumen sind Hochzeitsbetten,
499
Der breite Klee labt den siegenden Hengst.

500
Die Männer sprechen zu ihren Frauen:
501
»wir ehren die Wünsche, ihr strengen Frauen,
502
Wir wollen im jungen Tau euch erwarten,
503
Wir wollen mit steigender Sonne euch lieben,
504
Wir wollen mit fallender Sonne euch lassen,
505
Jeder Tag soll mit Eifer schaffen,
506
Menschen rundherzig wie Augen der Mutter.«

507
»wir ehren die Wünsche unserer Männer,
508
Und keinen Tag wollen wir zögern im Himmel,
509
Jeder Tag soll mit Eifer schaffen
510
Rundherzig den Menschen.«

511
Beide aus weißen Magneten geschaffen,
512
Die lagen zusammen im Herzen der Erde.

513
Sie halten sich sicher mit beiden Händen,
514
Sie halten sich sicher mit beiden Augen,
515
Sie halten sich ewig mit beiden Herzen,
516
Nie kann die zerbrechende Erde sie trennen.

517
Nicht lange, da wurde
518
Aus sieben Erzen und sieben Klängen,
519
Aus sieben Welten und sieben Himmeln,
520
Sie singt, und sieben Echo erwachen,
521
Sieben Wälder blühen, sieben Quellen tanzen.

522
Und weiter nicht lange, da wurde
523
Neun Töne im Ohre, neun Lächeln im Antlitz,
524
Mit einem Lächeln befriedigt er alle,
525
Neunmal befriedigt er lächelnd die Erde.

526
Vier Menschen leben rund unter den Bäumen,
527
Sie leben glücklich mit glücklichen Tieren,
528
Sie leben glücklich mit glücklichen Früchten,
529
Glücklich wie Mutter Herzfreude im Urblau.
530
Noch einmal wird dann am letzten geboren,
531
Wer da geboren, niemand wird's wissen.

532
Nicht von den glücklichen Menschen gekommen,
533
Nicht von göttlichen Vätern und göttlichen Müttern,
534
Aus keinem Körper, aus keinem Gedanken,
535
Sie fassen es nie, die glauben zu fassen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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