Der Baum am Erdensaum

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Max Dauthendey: Der Baum am Erdensaum (1892)

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Oft mein Geist im Leben klagte,
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Wenn kein Licht im Herzen tagte,
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Und er nicht zu lachen wagte,
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Und er fragte: Wozu dieses stete Streben,
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Wozu dieser Tage Traum,
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Wozu alles Lebens Schaum?

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Gehe zu dem Baum, sagte endlich eine Stimme in dem Baum,
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Zu dem Baum, der da steht am Erdensaum,
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Und aus dem die Weisheit weht.

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Und ich ließ die Heimat, ließ mein Weib, mein Haus,
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Und ich zog der Stimme folgend
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Über Meere aus.

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Hinter mir indes kam die Welt in Brand.
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Jeder Weg im Feuerschein aufstand,
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Und auf jedem Wege sich die Flamme wand.
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Kein Weg ließ mich wieder in mein Land.

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Doch am langen Weg nirgends jenen Baum ich fand,
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Der am Berge steht und aus dem die Weisheit weht.
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Suchte ihn am Erdenrand, suchte ab den ganzen Erdenraum
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Nach dem Baum.

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Und ich fluchte dem Geschick, fluchte jeden Tag dem Brand,
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Der mir wehrte heimzukehren, der mit roter Flammenhand
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Trocken alle Meere kehrte.
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Wüsten wurden alle frische Meere.
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Und ich stand im Sand und in toter Leere.

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Müde legte ich mich nieder auf den nächsten Berg,
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Wo kein Atemzug sich regte.
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Lange lag ich auf dem Stein
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Totenstill und ganz allein.

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Sagte mir: will mich niemals mehr von hier erheben,
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Will entsagen allem Leben.

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Und mein Geist zum Geiste klagte:
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Will hier liegen, bis mein inneres Auge sich gelichtet.
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Bis sich jener Baum aufrichtet
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Und mein Blick die Weisheit sichtet.

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Und ein Regen fiel auf meinen Leib,
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Und der Sturm erbrauste auf den Wegen,
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Und der Feuerwurm der Blitze sauste unter hellem Fegen
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Mir in meines Auges halbgeschloßne Ritze.
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Sehend ward ich durch des Feuers Hitze.
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Weiß nicht mehr, wie lang' ich dort gelegen
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Auf der harten Bergesspitze.
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Wolken flogen rund im Kreis,
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Wolken, die mich durch das Weltall zogen.
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Meinem Leibe wurde kalt und heiß.
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Sah die Erde unter mir im Bogen kaum,
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Und zu Geist ward ich im Raum.

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Aber wo mein Herz am Berg gelegen,
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Stand mit reifer Krone groß ein Baum,
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Größer als die Zeit,
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Groß und breit wie die Ewigkeit.
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Und er rauschte voller Eifer: Weisheit, Weisheit!
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Und mein inneres Auge ewig festlich Leben
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Für den Tod eintauschte,
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Als ich ernst und hingegeben
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Diesem Liede heiliger Weltfestlichkeit im Geiste lauschte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Max Dauthendey
(18671918)

* 25.07.1867 in Würzburg, † 29.08.1918 in Malang auf Java

männlich, geb. Dauthendey

deutscher Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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